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Finanz-TÜV Wertpapier mit Plakette

29.04.2009 ·  Die Anleger hätten am liebsten ein staatliches Gütesiegel für alle Sparprodukte. Der Wunsch ist verständlich. Ihn zu erfüllen ist schwer. Bisherige Ansätze überzeugen nicht. Und die Haftungsfragen für Prüffehler sind ein heißes Eisen.

Von Nadine Oberhuber
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Die Deutschen haben den TÜV erfunden und die DIN-Norm. Gut möglich, dass sie bald den FÜV ins Leben rufen, den Finanzdienstleistungs-Überwachungsverein. Denn während Technikprüfer seit einem Jahrhundert kontrollieren, dass alles in diesem Land seine Ordnung hat, sicherer wird und dass weniger Unfälle passieren, sorgt ein anderer Bereich immer wieder für Massenkarambolagen, weil er ziemlich ungeprüft ist - der Finanzbereich.

Die Idee gibt es schon länger. Eine zentrale Stelle soll sämtliche Geldanlagen bewerten und am Ende ihr Siegel darauf kleben, das sagt: Dieses Produkt ist geprüft und bis zu folgendem Grad sicher. Das würde vielen Sparern helfen und soll sie vor Verlusten schützen. Das wäre auch dringend notwendig, da sind sich alle einig.

Jährlich Schäden von 20 bis 30 Milliarden Euro

Denn weil es bisher noch keine übergeordnete Stelle gibt, die den Markt überwacht, versenken Anleger jährlich zwischen 20 und 30 Milliarden Euro - rund 3600 Euro pro Person. So hoch schätzt eine Studie des Bundesverbraucherministeriums den Schaden, der durch mangelhafte Beratung und Vermittlung entsteht. Andere Schätzungen kommen auf ähnliche Zahlen und sprechen von 250 Milliarden Euro seit 2001. Die Studie kommt zu dem Schluss: „Falschberatungen sind eher die Regel als die Ausnahme.“

Entsprechend groß ist der Rückhalt, den die Einführung eines Finanz-TÜV hätte: In einer Umfrage unter 1000 Bundesbürgern sagten überwältigende 80 Prozent, sie würden Geldanlagen mehr vertrauen, wenn sie ein TÜV-Siegel trügen, ganz gleich, ob es nun Fonds, Zertifikate, Unternehmensbeteiligungen oder Versicherungen seien. Kaum ein anderes politisches Vorhaben kann sich je solcher Zustimmungsquoten erfreuen. Trotzdem ist es gut möglich, dass die Idee nie Realität wird.

Wer soll das prüfen?

Denn schon bei der Frage, wie der Finanz-TÜV organisiert werden soll, hört die Einigkeit auf. Wer soll überhaupt die Prüfer stellen? Die Aufsichtsbehörde Bafin, die auch schon die Geschäfte der Banken und Versicherungen kontrolliert? Die prüft bisher den Wettbewerb, aber nicht einzelne Produkte. Und sie kommt damit schon kaum hinterher. „Zumindest bräuchten wir erheblich mehr Personal“, seufzen deren Mitarbeiter.

Zwar denken viele Sparer, dass die Bafin auch Fonds prüft, weil etliche Fondsanbieter das verbotenerweise so suggerieren. Aber es stimmt nicht. Laut Gesetz genehmigt sie zwar Wertpapierprospekte. „Das ist aber kein Prüfsiegel, die Bafin prüft inhaltlich weder die Bonität noch die Seriosität eines Anbieters.“ Stattdessen hakt sie ab, ob der Fondsinitiator eine Adresse angegeben oder einen Risikohinweis gedruckt hat.

Vielleicht die Verbraucherzentralen? Auch die haben zu wenig Experten und kein Geld. Private Ratingagenturen etwa, die in der Krise so danebengelegen haben? An die Stiftung Warentest haben auch viele gedacht oder eben an den Traditionsverein TÜV.

Zweifel an bisherigen Prüfansätzen

Der TÜV hat sich schon auf dieses Feld gewagt. Er vergibt bereits Siegel für Immobilienfinanzierungen und den Bereich der geschlossenen Fonds, also für Unternehmensbeteiligungen, die nicht an der Börse gehandelt werden. Und er prüft vereinzelt die Qualität von Banken und befragt die Kunden nach ihrer Zufriedenheit mit Service und Beratung. Dafür bekommt er von Banken und Fondsauflegern Geld.

Sieht man sich allerdings die Prüfnoten an, die er bereits vergeben hat, dann wünscht man sich, dass er nicht weiter ins Geschäft einsteigt: „Erstens prüft der TÜV nicht selbst. Er lässt andere prüfen und drückt später nur seinen Stempel drauf“, sagt Mathematiker Werner Siepe, der für das Deutsche Institut für Anlegerschutz (DIAS) ein Gutachten zum TÜV-Siegel für geschlossene Fonds erstellt hat. „Es ist höchst intransparent, wie die Endnoten rechnerisch zustande kommen.“

Seine Hauptkritik ist: „Wir haben Produkte mit einer Kostenbelastung von rund 30 Prozent gefunden, die zudem mit erheblichen Risiken behaftet sind. Trotzdem bekamen sie vom TÜV die Note Gut.“ Wie man die für Fonds vergeben kann, die unprognostizierbare Zinsdifferenzgeschäfte machen und bei Anlegermagazinen auf Warnlisten landen, ist ihm ein Rätsel. Der DIAS warnt daher: „Traue keinem TÜV-Siegel für Geschlossene Fonds!“

Wer haftet?

Der TÜV Rheinland hat sich bereits aus der Finanzprüfung zurückgezogen. Der Leiter beim TÜV Nord sagt dagegen: „Ein Fonds mit 20 Prozent Weichkosten ist nicht grundsätzlich schlecht. Wir bewerten, ob die Kosten nachvollziehbar anfallen. Wir bewerten nicht, wie groß die Wahrscheinlichkeit ist, dass eine Rendite eintritt - sondern nur, wie schlüssig uns ein Szenario erscheint.“ Verheißen solche Siegel also wirklich Sicherheit?

Gerade die inhaltliche Prüfung wäre das, was Sparer brauchen, sagt Gutachter Heinrich Bockholt, Professor für Finanzwirtschaft: „Jeder zweite Fondsprospekt ist falsch gerechnet. Aber alle prüfen nur formal. Und die Politiker sind zu feige, das zu regeln.“ Die haben nämlich vor einem Angst, sagt er: Wenn sich nun ein geprüftes Produkt als falsch herausstellt, müssen dann Staat und Prüfstelle haften?

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Jahrgang 1973, freie Autorin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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