07.09.2004 · Bulgarien, Kroatien und Rumänien dürften 2007 zur EU stoßen. Wie schon in anderen Fällen bringt diese Aussicht die Börsen dieser Länder in Fahrt. Und trotz bereits stark gestiegener Kurse winken hier weitere Gewinne.
Von Jürgen BüttnerKursentwicklungen an den Börsen vorherzusagen kann manchmal recht einfach sein - zumindest wenn einem Land der EU-Beitritt winkt. Denn dann laufen die Entwicklungen meist nach einem einheitlichen Strickmuster: Die Kandidaten bringen, angespornt durch das Fernziel EU, mit Unterstützung des Internationalen Währungsfonds und Finanzhilfen von der EU ihre Volkswirtschaften in Schuß. Die Folge sind steigende Wachstumsraten, sinkende Leitzinsen, höhere Unternehmensgewinne und sinkende Länderrisiken, die sich dann in besseren Kreditwürdigkeitsnoten der Ratingagenturen widerspiegeln.
Dieses Spiel funktionierte bereits in Ländern wie Spanien, Portugal, Griechenland, Irland oder auch jetzt im Falle der erst im Mai beigetretenen neuen EU-Staaten. Dort sind die Prozesse nach diesem Strickmuster abgelaufen und bescherten den Börsen eine vergleichsweise gute Kursentwicklung. Und die Geschichte scheint sich nun ein weiteres Mal zu wiederholen. Das legt zumindest der Blick nach Bulgarien, Kroatien und Rumänien nahe. Diesen Ländern winkt im Jahr 2007 die EU-Mitgliedschaft. Aufbauend auf dieser Perspektive, entdecken immer mehr Anleger die Börsen dieser Länder.
Fondsmanager geben sich weiter optimistisch
Die Antworten der Kenner dieser Börsenplätze auf die Frage nach ihrer Einschätzung der dortigen Aussichten fallen jedenfalls erstaunlich konsistent aus. Treffend auf den Punkt wird das aktuelle Anlageverhalten von Björn Lindström gebracht, Fondsmanager des von der schwedischen Fondsgesellschaft Gustavus Capital Asset Management aufgelegten Gustavia Balkans Fund: "Die Idee ist ganz einfach. Nach der jüngsten EU-Erweiterungsrunde blicken jetzt alle nach Südosten. Aufbauend auf den teilweise noch extrem niedrigen Bewertungen, wird das Interesse in den nächsten ein bis zwei Jahren deutlich zunehmen."
Passend ergänzt wird diese Sichtweise von Lindströms Landsmann Peter Elam Hakansson von der schwedischen Fondsgesellschaft East Capital: "Stramme Wachstumsraten, steigende Investitionen und sinkende Länderrisiken bieten attraktive Chancen an diesen oft noch niedrig bewerteten Märkten." Und wer noch mehr Kaufargumente sucht, der sollte an die sehr gute Kursentwicklung an den baltischen Börsen denken, denn laut Valdur Jaht von der estnischen Fondsgesellschaft Trigon Markets gibt es hierzu deutliche Parallelen: "Das gleiche ist auch in den baltischen Staaten abgelaufen. Die Nachzügler sind jetzt in einer ähnlichen Ausgangslage wie das Baltikum vor fünf bis acht Jahren, volkswirtschaftlich gesehen, gibt es jedenfalls viele Überschneidungen." So sind die Aktienindizes in Riga, Tallinn und Vilnius vom 1. Mai 1999 bis zum 1. Mai 2004 um 216, 187 und 165 Prozent gestiegen, während der Dow Jones Euro Stoxx im gleichen Zeitraum um 22,81 Prozent gefallen ist.
Wie sehr es schon zur Sache geht, zeigt sich nach einer bereits vielfach überzeugenden Wertentwicklung im Vorjahr an den in diesem Jahr eingefahrenen Kursgewinnen. So ist der kroatische VIN-Aktienindex bisher um rund 56 Prozent gestiegen, der bulgarische Sofix um fast 24 Prozent und der rumänische BET-C-Index um fast 47 Prozent. Zum Vergleich: Der Dax liegt seit Jahresbeginn leicht im Minus und kann auch, gemessen an den 28 rumänischen Aktien, die sich seit Jahresanfang mehr als verdoppelt haben, nicht ganz mithalten.
Trotz der eingefahrenen Kursgewinne sind die Aktien oft noch günstig
Derart starke Kurssteigerungen machen die rumänische Börse derzeit zum teuersten Aktienmarkt unter den EU-Nachzüglern. Allerdings scheint selbst hier ein Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von dreizehn für die Standardwerte noch nicht maßlos überteuert zu sein. Doch mit KGVs von sechs und acht schneiden die bulgarische und die kroatische Börse derzeit einfach besser ab. Wer sich manche Titel genauer ansieht, wird zudem feststellen, daß einige von ihnen deutlich unter Buchwert gehandelt werden.
Wie immer an den Börsen beinhalten trotz aller Vorzüge natürlich auch die Märkte der EU-Nachzügler ihre Risiken. Diese bestehen hier neben einer niedrigen Liquidität und fehlender Berichterstattung in den deutschen Medien in der Gefahr von ins Stocken geratenden EU-Beitrittsverhandlungen. Aber eine solche Entwicklung zeichnet sich zum einen momentan nicht ab; zum anderen ändert das nichts an der niedrigen Bewertung vieler der dort gelisteten Aktien. Denn dieser Pluspunkt würde auch ohne EU-Phantasie früher oder später Investoren anlocken.
Relativ gut abgegrenzte Favoritengruppe
Fondsmanager konzentrieren sich deshalb primär auf die Chancen dieser Märkte, und bei der Suche nach interessanten Branchen und Einzelaktien kommen sie häufig zum gleichen Ergebnis. Als besonders aussichtsreich werden Branchen wie die Bauindustrie, die Banken- und Versicherungsbranche, die Tabakbranche, der Telekombereich und die Tourismusbranche gelobt.
Auf Ebene der Einzelwerte kommen derzeit besonders kroatische Unternehmen gut weg. Nicht zuletzt deshalb, weil dieser Börse noch immer Nachholpotential zugebilligt wird. Zu den immer wieder genannten Favoriten zählen aus Kroatien der Telekomausrüster Ericsson Nikola Tesla (KGV 2003: 5,8), der Tabak- und Tourismuskonzern Adris Grupa (KGV 2003: 5,8) oder die Tourismus-Holding Dom. In Bulgarien gefallen Titel wie der Tourismuskonzern Albena oder einige der zahlreichen Holding-Firmen und in Rumänien Aktien wie das Hypotheken-Kreditinstitut Banka Transilvania oder der kürzlich von der österreichischen OMV übernommene Ölkonzern SNP Petrom.
Ein Oldorado für Anlagepioniere
Wie die steigenden Kurse und Umsätze beweisen, entdecken immer mehr Anleger diese Märkte. Im Ausland gibt es - anders als in Deutschland - bereits einige speziell auf die EU-Nachzügler zugeschnittene Aktienfonds. Mit Ausnahme des kroatischen Pharmakonzerns Pliva sind an den Börsen hierzulande aber nicht einmal Anteilsscheine in Form von ADRs von Einzelwerten aus den Ländern der EU-Nachzügler zu kaufen.
Wer schon jetzt mitmischen will, muß sich folglich als Anlagepionier betätigen und direkt vor Ort aktiv werden. Für waschechte Börsianer mit Entdeckerblut ist aber genau das neben der Aussicht auf Kursgewinne die große Herausforderung.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.377,69 | −0,11% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| EUR/USD | 1,2515 | −0,14% |
| Rohöl Brent Crude | 106,90 $ | +0,14% |
| Gold | 1.569,50 $ | +0,06% |