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Anlagestrategie : „Die Inflation ist nicht gekommen“

Inflationsschutz? Focam hatte unter anderem auf Edelmetalle gesetzt. Bild: obs

Das Family Office Focam hatte unter anderem auf Edelmetalle, Ländereien und Immobilien gesetzt – dann aber die Strategie geändert. Sind Rohstoffe unter Aspekten der Wertsicherheit nicht länger attraktiv?

          Vermögensverwaltung ist Vertrauenssache. Und da sieht es derzeit nicht überall gut aus. Spätestens in der Finanzkrise hat der Ruf der Großbanken gelitten, freie Finanzberater hatten noch nie ein sonderlich gutes Image, Honorarberater haben sich nicht so recht durchsetzen können und auch Investment-Boutiquen sind etwas aus der Mode gekommen. Am besten angesehen sind seit einigen Jahren sogenannte Family Offices. Ursprünglich oft genau das, was ihr Name sagt, haben sich viele geöffnet und verwalten Vermögen auch für Dritte. Es ist vor allem die enge Beziehung zwischen Klienten und Verwalter, die Anleger darauf vertrauen lässt, dass diese ihre Aufgabe verantwortungsvoller wahrnehmen als etwa Fondsgesellschaften.

          Martin Hock

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Family Offices wird auch zugesprochen, dass sie weniger risikoaffin sind, weil sie darauf ausgerichtet seien, Vermögen zuallererst einmal zu bewahren. Zu denjenigen Family Offices, die vor allem für ihre auf Vermögensbewahrung ausgerichtete Strategie bekannt sind, gehört auch Focam. Die Dominanz des Sicherheitsdenkens ließ das von Christian von Bechtolsheim gegründete Haus stark auf Rohstoffe setzen, Edelmetalle, aber auch Ländereien oder Immobilien und damit verwandte Wertpapiere. Anfang 2009 beschrieb auch Bechtolsheim im Gespräch mit der F.A.Z. ein seinerzeit häufig zu findendes, pessimistisches Szenario: Angesichts der expansiven Geldpolitik werde die deflationäre Phase der Wirtschaft nicht lang anhalten. In zwei bis drei Jahren werde es zur unvermeidlichen Inflation kommen, die hoffentlich nicht zur Hyperinflation werde.

          Zeiten haben sich geändert

          Seitdem sind fast sieben Jahre vergangen und trotz gegenüber damals höherer Wachstumsraten zeigt sich keine Inflation. Inzwischen hat Focam seine Strategie geändert und mit Ulrich Reitz einen neuen Hauptverantwortlichen für den Investmentbereich an Bord geholt. Thorsten Querg, der für die etablierte Focam-Strategie stand, ist aber weiter für das Family Office beratend tätig, so dass Reitz vor allem das Geschäft mit liquiden Anlagen verantwortet.

          „Die Inflation ist nicht gekommen, weil der Transmissionsmechanismus fehlt, über den sich eine lockere Geldpolitik auf die Preisentwicklung auswirkt“, sagt Reitz. „Es gibt keine großen Kapazitätsengpässe und auch auf der Rohstoffseite herrscht seit nunmehr vier Jahren Baisse. Insofern sind Rohstoffinvestments auch unter Wertsicherungsgedanken heute nicht die erste Wahl.“ Einfach sei das Investieren allerdings nicht. „Vor 30 Jahren hat es genügt, Wertpapiere länger zu kaufen und dann zu verkaufen“, sagt Reitz. „Davon sind wir heute weit entfernt. 60 bis 70 Prozent des Handels laufen heute über extrem kurzfristige Algorithmen, wodurch die Schwankungsintensität zunimmt.“ Darüber hinaus gebe es Hedgefonds, die in alle möglichen Richtungen spekulierten. „Die Bewegungen werden stärker, nicht zuletzt, weil sowohl auf der Aktien- als auch der Derivateseite viele Leerverkäufer unterwegs sind.“

          Wenn der Crash kommt, muss man reagieren

          Aber auch der Grad der Informiertheit der Anleger habe sich angeglichen. Dank der Medien seien praktisch alle Anleger sehr schnell über die Geschehnisse informiert. „Da geht es ganz schnell mal in eine Richtung und postwendend wieder zurück. Als aktiver Vermögensverwalter sollte man daher seine Anlagen immer in Echtzeit überwachen können.“ Bei der Auswahl von Titeln setzt Reitz auf ein Screening von rund 400 Unternehmen. Bewertung, Wachstum, Bilanz – das alles ist von Interesse. Aber auch der Kontakt zu den Unternehmen. „Wir diskutieren unsere Investmentideen mit Kunden. So ist ein aufgehender Stern mit starkem Wachstum, aber noch geringen Erträgen nicht für alle geeignet. Manche haben auch genaue Branchenkenntnisse und entsprechend dezidierte Vorstellungen.“

          Doch die rein fundamentale Analyse sei immer weniger hilfreich. „Den Homo oeconomicus gibt es allenfalls zeitweilig, wenn sich die Börse in ruhigem Fahrwasser befindet. Doch leider machen oft die Kurse die Nachrichten und nicht umgekehrt. Deswegen muss man die Markterwartungen sehr genau beobachten und mit dem Bild der Realität abgleichen.“

          Derzeit bewege die Märkte die mögliche Zinswende in den Vereinigten Staaten. Reitz sieht das Thema überbewertet. Entscheidend sei ja nicht die Einleitung, auf die jeder blicke, sondern das, was danach komme. Und eine erste Zinserhöhung müsse ja noch keinen Zinserhöhungszyklus nach sich ziehen. Chancen sieht Reitz in den Schwellenländern. „Die technischen Perspektiven der rohstoffabhängigen Länder werden allmählich besser. Momentan sind diese überverkauft, so dass positive Nachrichten eine starke Wirkung entfalten könnten.“ Die Konjunkturerwartungen erholten sich, und auch in China könne es bald besser werden. Letztlich bleibe einem nichts übrig, als sich an die herrschenden Bedingungen anzupassen: „Falls ein Crash-Szenario irgendwann auf uns zukommt, gilt es, dann darauf zu reagieren – bis dahin gilt es, im herrschenden Umfeld akzeptable oder besser attraktive Renditen zu erwirtschaften.“

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