12.08.2008 · Einst ein Verkaufsschlager, jetzt weniger beliebt: seit Jahresbeginn machen viele Anleger die Erfahrung, dass sie mit Expresszertifikaten an den Aktienmärkten nahezu ungeschützt den widrigen Bedingungen ausgesetzt sind. Zweistellige Verluste sind inzwischen keine Seltenheit mehr.
Von Steffen UttichDas Geschäft mit Expresszertifikaten ist ins Stocken geraten. Viele Anleger machen seit Jahresbeginn die Erfahrung, dass sie mit diesen Wertpapieren nahezu ungeschützt den widrigen Bedingungen an den Aktienmärkten ausgesetzt sind. In den vorangegangenen drei Jahren war angesichts stetiger Kurszuwächse diese Schattenseite etwas aus dem Blick geraten. Zweistellige Verluste sind inzwischen jedoch keine Seltenheit mehr. Entsprechend stagniert das ausstehende Volumen in Expresszertifikaten, nachdem es sich in den vorangegangenen drei Kalenderjahren jeweils verdoppelt hatte.
In dieser Zeit waren Expresszertifikate ein bedeutender Renditeträger der Großbanken im Privatkundengeschäft. Die Kundschaft kam mit ihnen relativ schnell wieder an ihr Geld - und das noch mit einem nennenswerten Aufschlag. Die Berater in den Filialen konnten wiederum in den meisten Fällen dieses Geld in neue Anlageprodukte umschichten und damit regelmäßig Provisionen erlösen. Da die Expresszertifikate im Vergleich zu klassischen Bonus- und Discountzertifikaten über eine komplexere Struktur verfügen, ist zudem ein Preisvergleich schwierig, was wiederum für die auflegenden Banken eine zusätzliche Einnahmequelle darstellt.
Am Ende der Laufzeit wird es spannend
Der typische Mechanismus von Expresszertifikaten erlaubt eine vorzeitige Rückzahlung des eingesetzten Geldes mit einem zuvor festgelegten Aufschlag, wenn der zugrunde liegende Basiswert - in den meisten Fällen ein populärer Aktienindex wie der Euro Stoxx 50 oder der Deutsche Aktienindex Dax - während der Laufzeit zu meist jährlichen Beobachtungsterminen auf oder oberhalb einer bei der Auflage festgelegten Wertschwelle liegt. Im Normalfall entspricht diese Wertschwelle dem Indexstand vom Emissionstag des Zertifikats. In den Jahren von 2004 bis 2007 war deshalb wegen des überwiegend stabilen Kursanstiegs das Geld in den meisten Fällen schon nach einem Jahr mit einem steuerfreien Wertzuwachs wieder beim Anleger.
Liegt der Basiswert jedoch unterhalb der Beobachtungsschwelle, läuft das Zertifikat bis zum nächsten Beobachtungstermin weiter. Am Ende der Laufzeit wird es dann spannend. Expresszertifikate verfügen nicht nur über eine Wertschwelle, ab der die Auszahlung fällig wird. Sie haben üblicherweise auch wie Bonuszertifikate eine Verlustschwelle. Wird diese während der Laufzeit nicht unterschritten, erhält der Besitzer eines Expresszertifikats immerhin noch sein eingezahltes Geld abzüglich Gebühren zurück. Wird diese untere Schwelle während der Laufzeit jedoch verletzt, bildet das Zertifikat nur noch den Basiswert nach. Fällt also beispielsweise der Dax während der Laufzeit um 20 Prozent, erleidet der betroffene Zertifikateanleger auch einen Verlust von 20 Prozent - Gebühren und entgangene Dividendenzahlungen nicht mitgerechnet.
Verlust von rund 15 Prozent
Dieses Risiko lastet derzeit auf den Kursen von Expresszertifikaten - je nach Ausstattung mehr oder weniger. So kam vor einem Jahr ein Expresszertifikat der Deutschen Bank mit dem Euro Stoxx 50 als Basiswert zu einem Indexstand von 4316 Punkten auf den Markt (WKN: DB1FUU). Liegt der Index am 28. August auf oder über diesem Wert, bekommt der Anleger sein Geld mit einem Aufschlag von 10 Prozent zurück. Angesichts eines Indexstandes von derzeit gut 3400 Punkten ist dies jedoch nahezu ausgeschlossen.
Der nächste Beobachtungstermin folgt dann im Juni nächsten Jahres. So geht es möglicherweise weiter bis zum Ende der Laufzeit im Juni 2012. Hat der Euro Stoxx 50 bis dahin immer im Juni unter 4316 Punkten gelegen, bekommt der Anleger lediglich sein Geld abzüglich Gebühren zurück. Hat der Index während der Laufzeit sogar kurzzeitig unter 2589 Punkten gelegen, muss der volle Indexverlust getragen werden. Inzwischen haben Anleger der ersten Stunde mit diesem Zertifikat einen Verlust von rund 15 Prozent gemacht.
„Risiko ändert sich permanent“
Ablesbar wird der Kurseinbruch von Expresszertifikaten auch an der Wertentwicklung von Fonds, die sich auf diese Wertpapiere spezialisiert haben. Über die vergangenen drei Monate hat beispielsweise der Allianz-Dit Express Strategie knapp 10 Prozent an Wert verloren. Fondsmanager Henrik Büscher mahnt in diesen Tagen Geduld an: „Das Risiko von Expresszertifikaten ändert sich während der Laufzeit permanent.“
Sollte der Markt demnächst die Richtung wechseln, würde der Fonds überproportional profitieren. Der noch relativ neue DWS Europa-Express kommt über die vergangenen drei Monate auf ein Minus von 3 Prozent. Dieser Fonds geht bei der Auswahl der Barrieren und des Rückzahlungsniveaus - die entscheidenden Preishebel - offenbar etwas defensiver vor.
Steffen Uttich Jahrgang 1970, Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für den Immobilienteil.
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