Nach fast fünf Jahren Niedergang wächst am krisengeschüttelten irischen Immobilienmarkt die Hoffnung auf eine Trendwende. Nach Angaben der Statistikbehörde CSO stieg im Mai der durchschnittliche Preis für Wohnhäuser und Apartments gegenüber dem Vormonat um 0,2 Prozent. Das ist der erste Anstieg seit September 2007. In der Hauptstadt Dublin, dem wirtschaftlichen Zentrum der kleinen Inselrepublik, legten die Hauspreise im Mai um 0,5 Prozent zu und damit den dritten Monat in Folge. Im Vergleich zum Vorjahresmonat und zum Jahresanfang sind die Preise allerdings weiter deutlich gefallen.
Irlands einst aufgeblähter Immobiliensektor steht im Zentrum der Schuldenkrise des kleinen Landes. Nach einem gewaltigen auf Pump finanzierten Bauboom platzte die Blase Mitte 2007. Der Kollaps der Wohnungspreise brachte zuerst irische Großbanken wie die inzwischen berüchtigte Anglo Irish Bank an den Rand des Ruins und kurze Zeit später auch den Staat, der sich mit der Bankenrettung übernommen hatte. Im November 2010 bekam Irland von den anderen Euro-Ländern und dem Internationalen Währungsfonds einen Rettungskredit von 68 Milliarden Euro.
Private Schulden der Bürger noch immer hoch
Experten reagieren zurückhaltend auf den Hoffnungsschimmer am Immobilienmarkt. „Das ist eine gute Nachricht, aber wir sollten sie nicht überbewerten“, sagt Conall Mac Coille, der Chefökonom des irischen Wertpapiermaklers Davy. Es sei zu früh, um eine Trendwende auszurufen. Die Aussagekraft der ermittelten Durchschnittspreise sei beschränkt, denn sie basierten auf einer sehr geringen Anzahl von Transaktionen, gibt Mac Coille zu bedenken. In Irland ist der Immobilienmarkt weitgehend eingefroren: Eigentümer, die nicht unbedingt müssen, schrecken davor zurück, durch einen Verkauf unter Einstandspreis hohe Verluste zu realisieren. „Warten wir ab, ob das nur eine Unterbrechung ist oder ob die Preise wirklich nicht mehr weiter fallen. Es wäre eine Überraschung, wenn es das gewesen sein sollte“, warnt auch Ronan Lyons, Ökonom bei der irischen Online-Immobilienbörse Daft.ie.
Die Preise für Wohnimmobilien haben sich in Irland in den vergangenen fünf Jahren etwa halbiert. Nach Angaben von Daft.ie betrug der geforderte Verkaufspreis im ersten Quartal dieses Jahres im Durchschnitt 176.000 Euro, wobei das Preisniveau je nach Region stark differierte. In den Boomjahren zwischen 1996 und 2007 hatte sich zuvor der Marktwert von Wohnimmobilien in Irland dagegen mehr als vervierfacht. Der Einbruch am Immobilienmarkt hat zu gewaltigen Abschreibungslasten und einer Vertrauenskrise im irischen Bankensektor geführt.
Fachleute verweisen darauf, dass für eine nachhaltige Erholung am Häusermarkt die Kreditvergabe der Banken wieder stärker in Gang kommen müsse. Die Zahl der ausgereichten Immobiliendarlehen in Irland ist in den vergangenen fünf Jahren um mehr als 80 Prozent gefallen, weil die Banken ihre Kreditbücher zusammenschrumpfen. Im internationalen Vergleich sind die privaten Schulden der irischen Bürger noch immer extrem hoch. Wegen der stark gestiegenen Arbeitslosigkeit haben zudem immer mehr Schuldner Schwierigkeiten, ihre Raten zu bezahlen. Nach Angaben der irischen Notenbank war im ersten Quartal jeder zehnte private Hypothekenschuldner im Land mehr als drei Monate im Zahlungsrückstand. Die Arbeitslosenquote ist saisonbereinigt auf 14,8 Prozent gestiegen.