25.06.2008 · Die Berliner Börse will nicht länger eine „Regionalbörse“ sein. Sie erhofft sich durch die Equiduct-Plattform neuen Schwung. Mit hochmodernen Computern und einem speziellen Geschäftsmodell will sie die Chancen nutzen, die sich aus der neuen EU-Richtlinie ergeben.
Von Benedikt FehrDie Börse Berlin ist 323 Jahre alt und hat zuletzt eher ein Kümmerdasein geführt. Jetzt sucht sie mit einem neuen Handelssystem den Wandel. „Wir wollen nicht länger eine deutsche Regionalbörse sein“, sagte Artur Fischer vom Vorstand der Börse Berlin vor dem Internationalen Club Frankfurter Wirtschaftsjournalisten. „Im Jahre 2010 wollen wir einen Anteil von 2 Prozent am gesamteuropäischen Aktienhandel haben.“
Die Börse Berlin hat dazu vor einiger Zeit für einen mittelgroßen zweistelligen Millionenbetrag indirekt eine Mehrheitsbeteiligung an der Equiduct-Handelsplattform erworben. Mit Hilfe dieser hochmodernen Computerbörse und einem speziellen Geschäftsmodell will die Börse Berlin Chancen nutzen, die sich aus der neuen EU-Finanzmarktrichtlinie (Mifid) ergeben. Die Richtlinie hat noch bestehende Handelsmonopole von Börsen abgeschafft und damit Wettbewerb in den europäischen Wertpapierhandel gebracht. Gleichzeitig macht sie den Banken und Maklern aber weitreichende Vorschriften, die sicherstellen sollen, dass die Wertpapieraufträge der Anleger von den Banken und Maklern auf transparente Weise kosteneffizient abgewickelt werden.
Berliner Börse als „Start-up“-Unternehmen
Auf die neuen Vorschriften hin sind mehrere neue Handelsplattformen entstanden. Bereits aus den Startlöchern ist die Handelsplattform Chi-X, hinter der das japanische Brokerhaus Nomura sowie mehrere amerikanische und europäische Großbanken stehen. Inzwischen sollen über Chi-X bereits einige Prozent des gesamteuropäischen Aktienhandels laufen. Im September will die Plattform Turquoise starten, die ebenfalls von mehreren Großbanken, darunter auch der Deutschen Bank, auf die Bahn geschoben wurde. Die Aktienkurse mehrerer etablierter Börsen wie London Stock Exchange und Deutsche Börse sind zuletzt bereits deutlich unter Druck geraten, was Fachleute zumindest zum Teil auf die neue Konkurrenz zurückführen.
Equiduct werde am 1. Juli formal betriebsbereit sein, sagt Fischer. Zunächst dürften die Kunden die Plattform aber wohl nur probeweise nutzen. Die ersten echten Geschäfte hofft Fischer zum Jahresende abwickeln zu können. Derzeit biete man den Handel in 350 umsatzstarken Aktien an, später sollen es 500 sein. Fischer wollte sich nicht dazu äußern, ob die Plattform bereits Kunden gewonnen habe. Man habe rund 200 europäische Banken als Zielkunden im Visier, mit 21 von ihnen führe man derzeit intensive Gespräche, sagte er. Mit ihrem neuen Anlauf betrachte sich die Berliner Börse als ein „Start-up“-Unternehmen; dementsprechend gebe es durchaus das Risiko des Scheiterns, räumte Fischer ein.
Neue EU-Richtlinie
Mit ihrem speziellen Geschäftsmodell zielt die Berliner Börse auf Banken, die für ihre Kunden regelmäßig ein großes Volumen an Börsenaufträgen abwickeln. Die neue EU-Richtlinie erlaubt es den Banken, Kundenaufträge unter Beachtung bestimmter Regeln intern abzuwickeln - dass also die Bank den Kaufauftrag eines Kunden mit einem dazu passenden Verkaufsauftrag eines anderen Kunden ausführt. Diese „internalisierende“ Bank kann so einerseits an der Kursspanne zwischen den An- und Verkaufskursen verdienen, die sie den Kunden in Rechnung stellt, und ferner die Gebühren einsparen, welche die Börsen und Wertpapierverwahrer für die Abwicklung und Verbuchung der Aufträge verlangen.
Das Geschäftsmodell von Equiduct setzt daran an, dass viele Kunden die „Internalisierer“ verdächtigen dürften, systematisch mit zu großen Kursspannen zu arbeiten - zugunsten des eigenen Gewinns, aber zu Lasten des Kunden. Offenbar deshalb halten sich die Kunden bislang damit zurück, ihre Aufträge in größerem Stil an internalisierende Banken zu vergeben.
„Auswärtige“ Käufer oder Verkäufer finden
Equiduct berücksichtigt dies: Die Handelsplattform ruft kontinuierlich von vier Handelsplätzen - der London Stock Exchange, der Deutschen Börse, Euronext und Chi-X - aktuelle Informationen über deren Kauf- und Verkaufsaufträge in einzelnen Aktien ab und berechnet daraus ein konsolidiertes Orderbuch. Laut Fischer stellt dieses Verfahren sicher, dass der Kunde mindestens den jeweils besten An- beziehungsweise Verkaufskurs aller Plattformen erhält. Unter Einschaltung von Equiduct könne der Internalisierer somit zum einen das Misstrauen der Kunden ausräumen und zum anderen die Auflage der EU-Richtlinie erfüllen, dem Kunden eine bestmögliche Auftragsausführung zu gewähren.
Laut Fischer zeigen Feldstudien am französischen Markt, dass die Internalisierer bis zu 20 Prozent ihrer Kundenaufträge intern abwickeln können, und zwar aufgrund des konsolidierten Orderbuchs mit einer Kursspanne von 8 bis 12 Basispunkten. Für die restlichen 80 Prozent der Kundenaufträge müssten die Internalisierer „auswärtige“ Käufer oder Verkäufer finden.
Das sei zwar mit Kosten verbunden, doch dürfte dem Internalisierer aus der Abwicklung eines Kundenauftrags über Equiduct letztlich doch ein größerer Gewinn verbleiben als bei Ausführung des Kundenauftrags über eine etablierte Börse. Dabei spiele auch eine Rolle, dass die Gebühren, die Equiduct den Kunden berechne, insgesamt niedriger seien als die Gebühren, die bei herkömmlicher Abwicklung über eine Börse anfallen. Diese Behauptung wird von den etablierten Börsen freilich in Frage gestellt.
Hochgeschwindigkeit
Wie viele moderne Handelsplattformen arbeiten die Equiduct-Computer mit schier unglaublicher Geschwindigkeit. So können die Computer für jede der 350 derzeit auf Equiduct handelbaren Aktien von den Referenzmärkten in London, Paris und Frankfurt bis zu 3000 Kursinformationen abrufen - je Sekunde. Die Abwicklung einkommender Signale - Anfragen auf Einblick in das Orderbuch oder Kauf- oder Verkaufsaufträge - dauert bei Equiduct nach eigenen Angaben von Mitte September an nicht mehr als 2 bis 3 Tausendstelsekunden. Je Sekunde könnten so zu jeder handelbaren Aktie bis zu 20.000 Transaktionen ausgeführt werden.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.377,69 | −0,11% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| EUR/USD | 1,2515 | −0,14% |
| Rohöl Brent Crude | 106,90 $ | +0,14% |
| Gold | 1.569,50 $ | +0,06% |