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Die Vermögensfrage Einkommen und Konsum sind die Eckpfeiler der Privatbilanz

15.01.2006 ·  Die Aufstellung der Privatbilanz beginnt wie in jedem Betrieb mit der Inventur. In der Regel ist die Arbeitskraft die wertvollste Anlage und die Kosten der Lebenshaltung sind die höchste Schuld: Inventur des „Humankapitals“.

Von Volker Looman
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Die Aufstellung der Privatbilanz beginnt wie in jedem Betrieb mit der Inventur, und für diese Aufgabe eignet sich der Januar besonders gut. Die Banken haben die Girokonten und Darlehen des vergangenen Jahres abgerechnet, die Vermögensverwalter haben ihre Depotauszüge zugestellt, und die Versicherungen haben die Rückkaufswerte der Kapitalpolicen geliefert, so daß der Aufstellung der Bilanz nichts im Wege steht.

Grundlage der Inventur sind zwei Karteikästen. Im ersten Kasten werden die Geldanlagen abgelegt, in den zweiten werden die Verbindlichkeiten gesteckt. Bei den Geldanlagen sind vier Abteilungen sinnvoll: Bargeld, Wertpapiere, Immobilien und Aktien. Bei den Verbindlichkeiten reichen zwei Abteilungen: Kredite und Lebenshaltungskosten.

Finanzverträge mit einem Festzins als „Elemente der Stabilität“

Für jeden Vertrag, von A wie Anleihe bis Z wie Zinsstufenpapier, gibt es eine Karte, und auf jedem Blatt stehen die wichtigsten Daten des Vertrages. Über die Genauigkeit der Hinweise, die auf jedem Blatt stehen, gehen die Meinungen auseinander. Die einen Anleger geben sich mit groben Informationen zufrieden, und andere Investoren wollen es so genau wie möglich wissen. Hier gibt es keinen Königsweg, sondern es kommt darauf an, was der Anleger mit den Daten erreichen möchte. Wenn es zum Beispiel darum geht, das Vermögen mit einer Toleranz von 25 Prozent zu erfassen, reichen die aktuellen Barwerte. Sobald aber einzelne Verträge im Detail untersucht werden sollen, beispielsweise die Verzinsung eines Mietshauses, die Restschuld eines Kredites oder die Rendite einer Lebensversicherung, sind genaue Informationen über die künftigen Erträge und Kosten notwendig.

Elemente mit hoher Stabilität sind Finanzverträge, die bis zu einem bestimmten Termin mit einem Festzins ausgestattet sind. Dazu gehören Annuitätendarlehen, Banksparpläne, Bausparverträge, Festdarlehen, Sparbriefe, Termingelder, Tilgungsdarlehen und Wertpapiere. Objekte mit mittlerer Stabilität sind Immobilien, Lebensversicherungen und Rentenpolicen. Verträge mit geringer Stabilität sind Aktien, Arbeitseinkommen, Fonds und Konsum. Hier sind die Prognosen über Einnahmen, Ausgaben und Wertentwicklung mit hoher Unsicherheit behaftet.

Die Tücken der Materie werden an einem Modellhaushalt mit elf Objekten deutlich: einem Arbeitseinkommen, einem Bargeldkonto, zwei Kapitalversicherungen, einem Wertpapierdepot, zwei Immobilien, einem Aktiendepot und drei Krediten. In der Praxis ist die Welt natürlich komplizierter, doch für die Schilderung der Arbeitstechnik reicht der "Minihaushalt" völlig aus. Das mit Abstand heikelste Objekt ist das Humankapital, weil den meisten Anlegern die Vorstellung, daß Menschen eigentlich Geldanlagen wie Immobilien oder Wertpapiere sind, völlig fremd ist. Aus diesem Grund geht es im heutigen Beitrag um die Frage, was sich hinter dem Humankapital verbirgt. Die Inventur des Bargeldes, der Wertpapiere, der Immobilien, der Aktien und der Schulden folgt in den nächsten Ausgaben.

Inventur des „Humankapitals“

Im Mittelpunkt steht ein Privatmann, der 50 Jahre alt und verheiratet ist. Die Frau ist fünf Jahre jünger und kümmert sich zu Hause um die Kinder. Das monatliche Einkommen der Familie liegt bei 15.000 Euro, und die reine Lebenshaltung kostet 4.000 Euro je Monat. Aus diesen Zahlen läßt sich mit wenigen Handgriffen der Marktwert der Familie berechnen. Es mag zwar viele Menschen vor den Kopf stoßen, ein Ehepaar oder eine Familie wie eine Geldanlage zu behandeln, doch wenn es um die Frage geht, wie rentabel der Privathaushalt arbeitet, führt an dieser "materialistischen" Betrachtung kein Weg vorbei. Die Grundlage der Überlegung ist die Frage, wieviel Geld ein "nüchterner" Anleger bezahlen würde, wenn die Familie zum Kauf angeboten werden würde. Der Rationale prüft, wie lange die Familie wieviel Geld einnehmen wird, und er stellt die Frage, wieviel Geld sie im Laufe der Zeit kosten wird. Der Betrachtungszeitraum für die Arbeitskraft und die Lebenshaltung beträgt jeweils 15 Jahre, weil der Manager einen Finanzplan bis zum 65. Geburtstag aufstellen möchte. Der entscheidende Schritt ist in beiden Fällen die Kapitalisierung der künftigen Zahlungen. Sowohl das Einkommen als auch die Konsumausgaben müssen zu "einem" Marktwert verdichtet werden.

Das monatliche Einkommen von 15.000 Euro führt bei risikoloser Geldanlage, die 4 Prozent pro Jahr abwirft, zu einem Kapitalwert von 2.038.000 Euro. Die Arbeitskraft ist jedoch mit hohen Risiken verbunden. Wird der Manager noch 15 Jahre arbeiten? Wie hoch sind die Chancen, daß das Einkommen steigen wird? Wie hoch ist das Risiko, arbeitslos oder mit 60 Jahren aufs tote Gleis abgeschoben zu werden? Genauso offen sind die Fragen bei den Ausgaben. Wird die Familie mit 4.000 Euro dauerhaft über die Runden kommen? Wie wird die Ausbildung der Kinder finanziert? Wovon werden in den kommenden Jahren die Neuwagen bezahlt? Wer kommt für die Kosten der Hausrenovierung auf?

Die einzelnen Fragen erwecken schnell den Eindruck, daß es gar keinen Zweck hat, in die Zukunft zu schauen, vielleicht sogar besser ist, auf jede Planung zu verzichten. Das stimmt aber nicht. Es kommt vielmehr darauf an, Sicherheit und Ungewißheit unter einen Hut zu bringen. In diesem Fall lautet die pragmatische Lösung, die einzelnen Zahlungsströme in Abhängigkeit ihres Risikos mit unterschiedlichen Zinssätzen auf die Gegenwart abzuzinsen. Die Arbeitskraft kann zum Beispiel wie eine Aktie behandelt und mit 10 Prozent abgezinst werden, so daß der Barwert rund 1.432.000 Euro beträgt.

Familie ist zumindest auf dem Papier eine Investition mit geringer Verzinsung

Die Lebenshaltung wird als Darlehen eingestuft, das 5 Prozent kostet, so daß die Konsumschuld etwa 510.000 Euro beträgt. Genauso werden die Versicherungen, die untrennbar mit der Familie verbunden sind, die "Betriebskosten" der Menschen, wie Verbindlichkeiten behandelt. Die einzelnen Prämien werden wie die Konsumausgaben mit jeweils 5 Prozent abgezinst und wie Einmalzahlungen an die Versicherungsgesellschaften behandelt: 1.000 Euro für die Privat-Haftpflicht-Police, 64.000 Euro für die Krankenkasse, 65.000 Euro für die Absicherung bei Invalidität und 6000 Euro für die Versorgung der Hinterbliebenen. Die Saldierung der sechs Kapitalwerte führt im vorliegenden Fall zu einem Marktpreis von rund 786.000 Euro.

Damit ist die Familie - zumindest auf dem Papier - eine Investition mit geringer Verzinsung. Die Rendite beträgt 1,85 Prozent, weil das Arbeitseinkommen in voller Höhe steuerpflichtig ist. Der abgezinste Überschuß der Einnahmen über die Ausgaben beträgt 331000 Euro und zeigt in aller Deutlichkeit, daß das Humankapital eine Geldanlage mit hohem Risiko ist. Das Gebäude stürzt wie ein Kartenhaus zusammen, wenn der Familienvater seine Arbeit verliert oder Invalide wird. Gegen das erste Risiko gibt es keine Versicherung, die zweite Gefahr läßt sich eindämmen. Die Invalidenrente von 10.000 Euro, welche der Vater abgeschlossen hat, ist hoch genug, um die Familie im Ernstfall über die Runden zu bringen. Die Absicherung im Todesfall ist aber zu niedrig. Der Barwert der Kosten beträgt 646.000 Euro. Die Versicherung liegt bei 300.000 Euro, so daß die Lücke rund 346.000 Euro groß ist. Der zusätzliche Versicherungsschutz kostet einmalig 10.000 Euro, so daß es eine Überlegung wert sein sollte, die bestehende Risikolebensversicherung in den nächsten Tagen auf 650.000 Euro aufzustocken.

Der Autor ist Finanzanalytiker in Reutlingen.

Quelle: F.A.Z., 14.01.2006, Nr. 12 / Seite 20
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