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Die Vermögensfrage Die private Vermögensbilanz sorgt vielfach für Ernüchterung

05.02.2006 ·  Eine Momentaufnahme der finanziellen Situation mit einer Vermögensbilanz macht deutlich: Die meisten Haushalte sind nicht bei den Banken, sondern bei sich selbst verschuldet. Selbständige sollten die Arbeitskraft, aber nicht jeden Cent in den Betrieb stecken.

Von Volker Looman
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Bilanzen sind Ansichtssache, und daher ist es kein Wunder, daß es im Wirtschaftsleben viele Bilanzen gibt. Jedes Werk ist richtig und falsch, weil in die jeweilige Gegenüberstellung der Guthaben und Verbindlichkeiten nicht nur harte Fakten, sondern auch weiche Zahlen einfließen, wieviel die einzelnen Positionen wert sind.

Das kommt auch in der Privatbilanz zum Ausdruck, deren Finanzverträge in den letzten Vermögensfragen vorgestellt worden sind (Immobilien: Fundament der Anlage in der Privatbilanz; Inventur der Aktien und Anleihen meist ernüchternd; Einkommen und Konsum: Eckpfeiler der Privatbilanz). Heute ist die Stunde die Wahrheit. Jetzt wird ein Strich unter Anlagen und Kredite gezogen, um in groben Zügen zu sehen, wie der Manager mit seinen Finanzen dasteht.

Aktivseite: Bargeld, Anleihen, Immobilien, Aktien

Die Privatbilanz unterscheidet sich im Aufbau kaum von Unternehmensbilanzen. Auf der linken Seite stehen die Vermögenswerte, auf der rechten Seite ist zu sehen, wie die Dinge bezahlt worden sind, wie hoch die Verbindlichkeiten sind und wieviel Eigenkapital vorhanden ist. In der Gliederung der linken und der rechten Seiten gibt es aber Besonderheiten.

In der vorliegenden Privatbilanz (siehe Graphik) ist die linke Seite in vier Klassen unterteilt: Bargeld, Anleihen, Immobilien und Aktien. Dahinter verbirgt sich der Gedanke, daß Rendite und Risiko von Klasse zu Klasse steigen. Bargeld sind Girokonten, Festgelder und Sparbücher. Zu den Anleihen, den Anlagen mit festem Zins, gehören Sparpläne, Rentenansprüche und Wertpapiere.

Immobilien sind die dritte Klasse. Sie bestehen aus Häusern und Wohnungen, wobei es keine Rolle spielt, ob die Immobilien selbst genutzt oder vermietet werden. Genausowenig sollte darauf geachtet werden, ob es sich um eigenständige Liegenschaften oder um Anteile an Grundstücksgemeinschaften oder Immobilienfonds handelt. Alle Anlagen, die im weitesten Sinne etwas mit Beton und Steinen zu tun haben, also auch Steuersparmodelle, sind Immobilien und gehören in diese Klasse.

Aktien bilden den Abschluß. Sie sind die Anlagen mit den höchsten Chancen und Risiken. Zu den Aktien zählen nicht nur die klassischen Anteile an Unternehmen wie Allianz, Henkel oder Volkswagen, sondern auch die Arbeitskraft von Angestellten und die Betriebe der Selbständigen.

Passivseite: Kredit, Konsum und Vorsorge

Die rechte Seite der Bilanz besteht ebenfalls aus vier Klassen: Kredite, Konsum, die Vorsorge und das Eigenkapital. Letzteres ist die Differenz zwischen Guthaben und Verbindlichkeiten und wird landläufig als Netto- oder Reinvermögen bezeichnet. Die einzelnen Klassen sind zum Teil in Gruppen untergliedert.

Das Fremdkapital ist in Girokonten, Konsumkredite und Immobilienkredite unterteilt worden. Der Konsum umfaßt Grund- und Zusatzkonsum sowie Steuerschulden. Der Grundkonsum sind Ausgaben des täglichen Lebens, der Zusatzkonsum deckt die großen Ausgaben wie den Kauf eines Autos oder eine Weltreise ab. Bei der Vorsorge werden Prämien für Kranken-, Berufsunfähigkeits- und Lebensversicherungen erfaßt.

Die abgebildete Privatbilanz besteht aus 16 Verträgen. Die Kasse umfaßt die 20.000 Euro, die der Anleger als Termingeld angelegt hat. Zu den Anleihen gehören die beiden Kapitalversicherungen, die 50.000 und 40.000 Euro wert sind, und die Pfandbriefe im Wert von 60.000 Euro. Die beiden Immobilien - das Eigenheim und die Wohnung - sind mit 500000 Euro bewertet. Bei den Aktien schlagen die Aktien selbst und das Humankapital mit 80.000 und 1.432.000 Euro zu Buche.

Momentaufnahme des Finanzlebens

Auf der rechten Seite befinden sich die aktuellen Restschulden, mit denen die Immobilien finanziert werden. Die 250.000 Euro sind bei ehrlicher Bilanzierung um rund 10.000 Euro zu erhöhen, weil das Vermögen um diesen Betrag schmilzt, wenn die Kredite heute abgelöst werden würden. Die Gebühr stößt manchen Privatanleger zu Recht vor den Kopf, weil die Kredite gar nicht abgelöst werden sollen. Doch es ist zu berücksichtigen, daß Bilanzen immer Momentaufnahmen sind, wie die Vermögenslage im Augenblick aussieht, und es liegt in der Natur der Sache, daß das Bild in einem Monat oder Quartal ganz anders aussehen kann.

Die Ausgaben für das tägliche Leben schlagen sich in der Privatbilanz mit 510.000 Euro nieder. Die Prämien für die Kranken-, die Berufsunfähigkeits- und die Risikolebensversicherung führen zu einem Barwert von 135.000 Euro, da die Aufwendungen der nächsten 15 Jahre mit einem Zinssatz von fünf Prozent abgezinst worden sind.

Das aktuelle Vermögen beträgt rund 2.182.000 Euro. Es besteht, wie die Verteilung zeigt, zu einem Prozent aus Bargeld, zu sieben Prozent aus Anleihen, zu 23 Prozent aus Immobilien und zu 69 Prozent aus Aktien. Die Werte sind zu 41 Prozent mit Fremdmitteln, zu 59 Prozent mit Eigenkapital unterlegt.

Alle Kraft in Betrieb, Überschüsse in andere Geldanlagen

Lebendig werden die Zahlen bei der Analyse der Bilanz, vor allem durch den Blick auf die Chancen und Risiken. Hier fallen mehrere Dinge auf. Das Vermögen, das in Notfällen zur Verfügung steht, beträgt 250.000 Euro oder elf Prozent des Vermögens. Zweitens: Das Vermögen besteht zu 66 Prozent aus einer Aktie, die Humankapital heißt. Drittens: Die Schulden bestehen zu einem Drittel aus Hypotheken und zu zwei Dritteln aus Konsumschulden, so daß der Anleger weniger bei Banken, sondern in erster Linie bei sich selbst in der Kreide steht.

Die Struktur des Privatvermögens ist bei leitenden Angestellten normal. Hier sind die größten Einzelposten seit Jahrzehnten die Arbeitskraft und das Eigenheim. Die Struktur hat ihre Stärken und Schwächen. Positiv sind zum Beispiel das hohe Arbeitseinkommen und der Zwang, durch die Entschuldung der Immobilien langfristig Vermögen aufzubauen. Heikel sind auf der anderen Seite die Abhängigkeit vom Arbeitgeber und die eingeschränkte Flexibilität bei den Geldanlagen. Wenn der Manager aber seine Arbeit verliert oder in Zukunft weniger verdient, können die Immobilien und Kredite zur Belastung werden.

Vor diesem Hintergrund sind bei diesem Vermögen drei Dinge zu berücksichtigen: Dreh- und Angelpunkt ist die Absicherung des Humankapitals gegen Invalidität und Tod, der zweite Aspekt ist die fortlaufende Umschichtung des Humankapitals in andere Geldanlagen, um das Vermögen auf ein breiteres Fundament zu stellen, und der dritte Punkt ist die Warnung vor starren Geldanlagen.

Die Aussagen gelten nicht nur für Angestellte, sondern auch für Selbständige. Die meisten Freiberufler und Unternehmer sind in ihre Unternehmen so verliebt, daß sie jeden Groschen, der am Ende des Jahres übrigbleibt, am liebsten wieder in das Unternehmen stecken. Diese Politik ist jedoch fragwürdig, weil die Gefahr besteht, daß der Wert des Unternehmens durch Einflüsse, welche die Selbständigen gar nicht zu vertreten haben, geschmälert werden kann. Aus diesem Grund gilt hier das Motto: Alle Kraft in den Betrieb, aber alle Überschüsse in andere Geldanlagen stecken.

Der Autor ist Finanzanalytiker in Reutlingen.

Quelle: F.A.Z., 04.02.2006, Nr. 30 / Seite 26
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