12.11.2008 · Seit dem Zusammenbruch der Währungsordnung Anfang der Siebziger herrscht Ungleichheit im Welthandel: Die großen Industrienationen lassen ihre Kurse frei schwanken, Staaten wie Russland und China nicht. Doch auf dem Weltfinanzgipfel bleibt das Thema vermutlich außen vor.
Von Benedikt Fehr, FrankfurtDer Weltfinanzgipfel an diesem Wochenende in Washington wird zwar bisweilen als „Bretton Woods II“-Konferenz bezeichnet. Tatsächlich wird das Weltwährungssystem vermutlich aber nur am Rande eine Rolle spielen. Im Vordergrund wird vielmehr stehen, wie Finanzinstitute künftig reguliert und überwacht werden sollen. Eine wichtige Ursache für die aktuelle Krise, nämlich die globalen Ungleichgewichte im Welthandel und der dadurch verursachte Aufbau großer Währungsreserven, dürfte damit ausgeklammert bleiben.
1944 hatten sich 44 Nationen im Konferenzort „Bretton Woods“ auf eine neue Weltwährungsordnung geeinigt. Alle Teilnehmer legten für ihre Währungen einen festen Wechselkurs zum Dollar fest, der wiederum mit Gold unterlegt war. Die Regeln verpflichteten die Teilnehmer, größere Defizite im Außenhandel durch politische Maßnahmen wie zum Beispiel eine Dämpfung der Konjunktur und damit des Imports wieder abzubauen. Das „Bretton Woods“-Währungssystem mit seinen festen Wechselkursen brach Anfang der siebziger Jahre zusammen. Denn die Vereinigten Staaten hatten im Zuge des Vietnam-Krieges so viel Dollar in Umlauf gebracht, dass sie ihr Versprechen nicht mehr einhalten konnten, Dollar in Gold zu tauschen.
Schwankende und feste Wechselkurse
Seither herrscht mehr Unordnung als Ordnung: Die großen Industrieländer lassen ihre Währungen nach Angebot und Nachfrage schwanken und greifen von staatlicher Seite nicht in den Devisenhandel ein; das gilt unter anderem für den Euro, den Dollar, den Yen, das britische Pfund und den Schweizer Franken. Andere Länder binden ihre Währungen hingegen an eine andere Währung oder an einen Währungskorb. Sie greifen dazu täglich in den Devisenhandel ein: Je nach Marktlage kaufen oder verkaufen sie die eigene Währung, so dass sich der von der Regierung gewünschte Wechselkurs einstellt. Zu diesen Ländern zählen die Volksrepublik China, Russland, die ölreichen Golfstaaten und viele mehr.
Wenn ein Land seinen Wechselkurs einseitig fixiert, kann dies weitreichende Folgen für die übrigen Länder haben. Am Beispiel China und Vereinigte Staaten lässt sich dies illustrieren; Ähnliches gilt aber auch für andere Länder. Etwas vereinfacht dargestellt, hat China den Wechselkurs des Yuan seit vielen Jahren fest an den Dollar gebunden, und zwar auf einem Niveau, das den Yuan unter-, den Dollar überbewertet. Die Folge: Chinesische Produkte sind im Ausland vergleichsweise billig. Das kommt dem chinesischen Export zugute und dient letztlich dem Ziel Chinas, für das Heer an Arbeitssuchenden zusätzliche Arbeitsplätze zu schaffen. Auch für die amerikanischen Verbraucher hat die Überbewertung des Dollar Vorteile: Sie profitierten von den billigen Importen aus China. Andererseits gingen durch die Billigimporte viele Millionen amerikanischer Arbeitsplätze vor allem in der Industrie verloren.
Wie China die amerikanische Geldpolitik untergräbt
Um den Yuan auf dem niedrigen Niveau zu halten, kauft die chinesische Notenbank in großem Stil Dollar und andere Devisen an. Das hat die chinesischen Währungsreserven anschwellen lassen: Nach Daten von Bloomberg haben sie zwischen Ende 2002 und September 2008 von 286 Milliarden Dollar auf 1,9 Billionen Dollar zugenommen, dabei allein in den ersten neun Monaten 2008 um 380 Milliarden Dollar. Global nahmen die Reserven in den ersten zehn Monaten 2008 um 788 Milliarden auf 6,9 Billionen Dollar zu. Da die Deutsche Bundesbank keine Devisen ankauft, haben sich ihre Währungsreserven, abgesehen von Bewertungsänderungen, praktisch nicht verändert - obwohl Deutschland, ähnlich wie China, große Überschüsse im Außenhandel erzielt. In Deutschland haben Privatleute zusätzliches Vermögen im Ausland aufgebaut, in China tut dies vor allem der Staat.
Die chinesische Zentralbank legt die erlösten Dollar größtenteils in amerikanischen Staatsanleihen an. Das hat dazu beigetragen, dass das Niveau der langfristigen amerikanischen Zinsen in den vergangenen Jahren vergleichsweise niedrig geblieben ist. Das wiederum hat die amerikanische Geldpolitik untergraben, die ihren Leitzins zwischen 2004 und 2007 kräftig erhöht hatte - nicht zuletzt, um die Hausse am Immobilienmarkt zu dämpfen. Die Amerikaner und die übrigen Industrieländer fordern China deshalb seit längerem auf, den Yuan stärker aufwerten zu lassen. Tatsächlich lässt China seit Sommer 2004 eine Yuan-Aufwertung zu. doch reicht das nicht, um den Exportüberschuss deutlich zu verringern.
„Flucht aus dem Dollar“
Die Bereitwilligkeit des Rests der Welt, die großen Importüberschüsse Amerikas zu finanzieren, haben es den Amerikanern erlaubt, jahrelang mehr zu konsumieren, als sie produzierten. 2007 betrug das Leistungsbilanzdefizit 730 Milliarden Dollar, rund 5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts; in diesem Jahr dürfte es nur wenig geringer ausfallen. Dementsprechend hat die amerikanische Verschuldung gegenüber dem Ausland kräftig zugenommen. Die amerikanische Politik ist dadurch in eine gewisse Abhängigkeit vom Ausland geraten. Zum einen ist Amerika darauf angewiesen, fortlaufend ausländisches Kapital anzulocken. Zum anderen besteht das Risiko, dass Ausländer das Vertrauen in die Werthaltigkeit des Dollar verlieren und ihre Engagements in Amerika in größerem Stil auflösen. Das würde den Dollar vermutlich stark abwerten lassen. Dies könnte Importwaren in Amerika kräftig verteuern und zu einem Anstieg der Inflation führen. Im Extremfall könnte es zu einer „Flucht aus dem Dollar“ und schweren Verwerfungen an den Kapitalmärkten und in der Weltwirtschaft kommen.
Ähnlich hatte auch der Zusammenbruch des ursprünglichen Bretton-Woods-Festkurssystems eine starke Abwertung des Dollar ausgelöst. Daran kann auch dem Rest der Welt nicht gelegen sein. Denn eine kräftige Abwertung des Dollar und eine Inflation in Amerika würde den Wert ihrer Dollar-Währungsreserven und sonstigen Dollar-Vermögen stark entwerten. Zudem würde ihr Export nach Amerika zurückgehen und damit auch ihr Wirtschaftswachstum.
Weltwirtschaft in der Zwickmühle
Die Weltwirtschaft befindet sich damit in einer Zwickmühle: Auf der einen Seite wäre es zum Abbau der Ungleichgewichte nötig, dass Währungen wie der Yuan zum Dollar kräftig aufwerten. Auf der anderen Seite ist eine starke Abwertung des Dollar aber für die Gläubiger Amerikas nicht wünschenswert. Die Regierungen der sieben führenden Industrienationen (G 7) befürworten deshalb eine graduelle Lösung. Ein wichtiges Element ist dabei die Forderung, dass China den Yuan stärker aufwerten lässt als bisher, gleichzeitig die inländische Nachfrage stärkt, um die Exportabhängigkeit zu verringern. Mit der Ankündigung eines Konjunkturprogramms in Höhe von 500 Milliarden Dollar hat die chinesische Regierung dieser Forderung entsprochen.
Davon unbenommen bleiben die grundlegenden Defizite des derzeitigen Weltwährungssystems mit seinen einseitig fixierten Wechselkursen bestehen. Im ursprünglichen „Bretton Woods“-Währungssystem gab es feste Regeln zum Abbau von Ungleichgewichten. Auch bei frei schwankenden Wechselkursen gibt es einen Ausgleichsmechanismus: Kommt es zu größeren Ungleichgewichten, reagieren die Wechselkurse, jedenfalls in der Tendenz, in eine Richtung, die die Ungleichgewichte behebt. Bei einseitig fixierten Wechselkursen fehlt es aber sowohl an solch einem Automatismus als auch an einem auf Ausgleich hinwirkenden Regelwerk. Klar ist, dass dieses Manko nur unter Mitwirkung aller großen Wirtschaftsmächte behoben werden kann. Deshalb ist es ein Fortschritt, dass in Washington nicht mehr nur die sieben, sondern die 20 wichtigsten Länder am Verhandlungstisch sitzen.
Weh den Chinesen!
Sophia Orti (rum)
- 13.11.2008, 17:18 Uhr
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.377,69 | −0,11% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| EUR/USD | 1,2515 | −0,14% |
| Rohöl Brent Crude | 106,90 $ | +0,14% |
| Gold | 1.569,50 $ | +0,06% |