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Deutschland Im Land des Sparschweins

24.09.2009 ·  Die Deutschen können es nicht lassen: Mit stoischem Gleichmut legen sie ein Zehntel ihres Einkommens beiseite. Zu viel, sagen Amerikaner und andere Nationen, die von den Deutschen mehr Konsum und weniger Exporte fordern.

Von Stefan Ruhkamp
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Die Deutschen sind ein Land der Sparer. Seit den siebziger Jahren, als die Sparquote bis zu 17 Prozent erreichte, haben sie zwar etwas nachgelassen. Aber knapp ein Zehntel des verfügbaren Einkommens legen die privaten Haushalte immer noch auf die hohe Kante.

Wenn man so will, ist der deutsche Sparer einer der Mitverursacher der Finanzkrise und zugleich eine der Säulen, die den Zusammenbruch des Finanzsystems im vergangenen Jahr verhindert haben. Ohne den notorischen Konsumverzicht hätte es die Exportweltmeisterschaft der Deutschen - über viele Jahre hat kein anderes Land mehr ausgeführt - nie gegeben.

Übel und Tugend

Die Ungleichgewichte zwischen chronischen Konsumenten wie den Amerikanern und unverbesserlichen Sparern wie den Chinesen und Deutschen wären geringer gewesen. Und so trifft die Forderung der Amerikaner und Briten, die Exportländer sollten zum Abbau der Ungleichgewichte beitragen, indirekt auch den deutschen Sparer.

Umgekehrt hat der deutsche Sparer aber auch in höchster Not Umsicht bewiesen. Als im vergangenen Herbst die amerikanische Bank Lehman zusammenbrach und kurz darauf der deutschen Hypo Real Estate Ähnliches drohte, behielten die Deutschen die Ruhe. Sie hoben zwar deutlich mehr Bargeld ab als gewöhnlich, was die Geldtransporteure zu Sonderschichten zwang, damit die Geldautomaten nicht austrockneten. Doch der Sturm auf die Banken blieb aus, die Deutschen ließen ihr Geld auf den Konten der Banken und Sparkassen.

Das deutsche Wappentier: ein Sparschwein

Und so wird auch der Ruf nach mehr Konsum hierzulande ungehört verhallen. Der Drang zum Sparen ist alt und sitzt tief: Hätten wir nicht schon den Adler, das Sparschwein wäre ein gutes Wappentier für die Deutschen. Mindestens seit dem Jahr 1550 ist das Sparschwein hierzulande bekannt.

Damals soll es der Ritter Spieß von Büllesheim erfunden haben, so erzählen es zumindest die Spaßvögel von der „Sparschwein-Schutzgemeinschaft“, die das deutsche Sparschwein vor Überfremdung durch Sparelefanten bewahren wollen. Die Stadt Euskirchen hat sich wegen dieser Legende eigens ein Sparschwein-Denkmal zugelegt. Vermutlich sind die ersten deutschen Sparschweine sogar mehr als 800 Jahre alt.

Erziehungsresistent

Über dieses Stadium der Ersparnisbildung ist der Deutsche nicht wirklich hinweggekommen. Das Sparschwein steht heute noch in den meisten Kinderzimmern, und für viele Haushalte ist das Sparbuch das höchste der Gefühle. Alle Umerziehungsversuche der Banken und Versicherer, die Deutschen zu einer langfristigeren Geldanlage und vor allem zum Kauf ihrer Produkte zu bewegen, sind nur begrenzt erfolgreich gewesen.

Gut 36 Prozent der Geldvermögen liegen bei Banken, 26 Prozent bei Versicherern, 12 Prozent bei Investmentfonds. Das gesamte Vermögen der Deutschen hat nach Zahlen der Bundesbank einen Wert von rund 8000 Milliarden Euro, davon stecken zwei Drittel in Sachwerten wie Grundstücken und Wohnungen und - bereinigt um Schulden - etwas mehr als ein Drittel in Geldvermögen.

Es wäre für die Finanzdienstleister also eine Menge zu holen. Doch sie sind mit dem Sparvolk unzufrieden. Rund 1400 Milliarden Euro, das ist der mit Abstand größte Posten der privaten Vermögen, wird in Form von Bargeld sowie Sicht- und Termineinlagen der Banken gehalten. Es wäre also genügend Geld da, um mehr Lebensversicherungen, Zertifikate und andere teure Finanzprodukte zu kaufen, für die die Anbieter höhere Erträge versprechen.

Das Altersvorsorge-Missverständnis

Doch der Deutsche verweigert sich. Vor allem ein überzogenes Sicherheitsdenken lasse Sparer in sichere, aber niedrig verzinste Sparanlagen investieren, während sie Aktien immer noch vernachlässigten, klagt zum Beispiel die Allianz in einer Studie. Trotz der Krise überwiege das Prinzip Hoffnung, wenn es um die private Altersvorsorge gehe, tadelte kürzlich der britische Lebensversicherer Standard Life. Die Fondsgesellschaft Fidelity beziffert die durchschnittliche Rentenlücke, also die Unterversorgung im Alter, auf 44 Prozent. Die Botschaft der Branche: Der Deutsche spart zu wenig und legt das Geld falsch an.

Das Ganze klingt nach einem Missverständnis. Während die Finanzdienstleister wegen der Borniertheit des deutschen Sparers schier verzweifeln und die privaten Finanzen im Alter in düsteren Farben malen, treibt die Deutschen anderes um. Sie verlassen sich zu einem großen Teil - ob zu Recht oder zu Unrecht - auf die staatliche Rente.

Die mag dürftiger ausfallen als für frühere Generationen, aber es gibt sie und sie zahlt. Das könnte erklären, warum in einer Umfrage der ING-Diba in diesem Jahr nur 8 Prozent der Befragten angaben, sie sparten für die Rente. Rund 10 Prozent sparten jeweils für die Ferien oder das eigene Haus, immerhin 5 Prozent (das könnte mehr sein) für die Ausbildung der Kinder. Sparziel Nummer eins ist aber die finanzielle Rücklage für den Notfall.

Risikoträger Staat

Daraus lässt sich zweierlei ableiten. Erstens: Die Deutschen sind Pessimisten. Die Rücklage für Notfälle soll jederzeit verfügbar sein und sich zu Geld machen lassen. Damit sind sie in der Finanzkrise nicht schlecht gefahren. Wer jetzt keine Aktien hat, dem sind seit März Kursgewinne von rund 50 Prozent entgangen. Dafür musste er aber auch nicht mitansehen, wie in den vorangegangenen sechs Monaten nahezu zwei Drittel des Vermögens dahinschmolzen. Nicht jeder mag Aufregung und Verluste.

Zweitens: Die Deutschen glauben an staatliche Institute. Der Garantie ihrer Bundeskanzlerin, alle Spareinlagen seien vom Bund gesichert, glaubten sie im vergangenen Herbst aufs Wort. Und selbst das Versprechen des ehemaligen Arbeitsministers Norbert Blüm, die Rente sei sicher, wirkt immer noch nach. Sie ist ja auch sicher, nur wird sie für die künftigen Rentner viel geringer ausfallen, als es die Deutschen gewohnt sind.

Unverstanden: Der Homo parcens germanicus

Für die Wissenschaft ist der deutsche Sparer immer noch ein Rätsel. Das Sparverhalten der Haushalte sei ein noch wenig verstandener Aspekt menschlichen Handelns, schrieben vor einigen Jahren Axel Börsch-Supan und Lothar Essig in einer Studie für das von der Deutschen Bank finanzierte Deutsche Institut für Altersvorsorge (DIA).

Menschen gingen auf sehr verschiedene Arten mit ihrem Geld um. Kaum glaube ein Wissenschaftler, eine Theorie des Sparens gefunden zu haben, finden sich Haushalte, deren Verhalten die Theorie widerlegt. Also befragte das DIA den deutschen Sparer. Mit ernüchterndem Ergebnis: Er macht, was er will. Diejenigen, die mutmaßlich am leichtesten sparen könnten - junge Alleinstehende -, sparen weniger als zum Beispiel Familien mit Kindern.

Dafür sparen offenbar die umso mehr, die es nun gar nicht mehr nötig haben. Die über Achtzigjährigen sparen gut ein Zehntel ihres verfügbaren Einkommens, obwohl fast 40 Prozent der Haushalte angaben, das spätere Vererben sei ein gänzlich unwichtiger Grund fürs Sparen. Vielleicht ist das Sparen für die Deutschen längst eine Angewohnheit, die keinen besonderen Zweck mehr erfüllen muss.

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