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Digitalisierung : Deutsche Banken hinken hinterher

Zentrale der Deutschen Bank in Frankfurt Bild: Paul Langrock/Zenit/laif

In Berlin, London und im Silicon Valley fördert die Deutsche Bank junge Internetunternehmen als Impulsgeber. Bei der Digitalisierung hinken deutsche Institute international hinterher - und innovative Start-ups wollen die Etablierten herausfordern.

          Die Deutsche Bank treibt die Digitalisierung ihres Geschäfts weiter voran und wird drei sogenannte Innovation Labs in Berlin, London und im Silicon Valley eröffnen. Nach Informationen F.A.Z. werden die „Deutsche Bank Labs“ mit verschiedenen Technologiepartnern zusammenarbeiten, die eine gewisse Nähe zu Start-up-Unternehmen mitbringen: in der deutschen Hauptstadt mit Microsoft, in der englischen Metropole mit HSL Technologies und im kalifornischen Palo Alto mit IBM. Die Labore sollen vom Herbst dieses Jahres an als eine Art Brückenkopf zwischen jungen Internetentwicklern und verschiedenen Geschäftsbereichen der Deutschen Bank dienen. Von der Anbindung junger Unternehmen der Finanztechnologie („Fintech“) verspricht sich das Kreditinstitut, interne Prozesse effizienter zu gestalten und Dienstleistungen für die Kunden weiter zu verbessern.

          Thomas Klemm

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Dem Vernehmen nach sei es das Ziel, pro Jahr mehr als 500 neue Start-up-Ideen aus aller Welt zu sichten, zu bewerten und sie danach gegebenenfalls mit Kunden auf ihre Verwendbarkeit zu prüfen. Selbst sogenannte Disruptoren, deren Produkte die Geschäftsmodelle der herkömmlichen Banken in Frage stellen, seien als Impulsgeber durchaus erwünscht.

          Deutsche Bank geht an Innovations-Standorte

          Die Gründung der drei Labore als jeweils offener Arbeitsplatz, wo junge Innovative sich mit Vertretern der Bank austauschen, ist Teil des jüngsten Strategieschwenks der Deutschen Bank. Das Kreditinstitut will das digitale Banking forcieren und 200 ihrer 750 Filialen bis Ende 2017 schließen. Der Ko-Vorstandsvorsitzende Anshu Jain hatte kürzlich hervorgehoben, dass digitale Angebote „herkömmliche Geschäftsmodelle in Frage“ stellten, und angekündigt, dass die Deutsche Bank in den nächsten fünf Jahren bis zu einer Milliarde Euro in die Digitalisierung investieren werde. Im vergangenen Herbst hatten auch personelle Veränderungen darauf hingedeutet, dass die Bank die Digitalisierung zunehmend wichtiger nimmt. Ein dafür eigens eingerichtetes Vorstandsressort übernahm der Jain-Vertraute Henry Ritchotte. Kurz darauf wurde JP Rangaswami zum ersten Chief Data Officer ernannt, um die digitale Strategie gemeinsam mit der IT-Chefin Kim Hammonds maßgeblich zu unterstützen.

          Die Deutsche Bank geht nun also dorthin, wo es bereits eine rege und innovative Start-up-Szene gibt. Berlin verfügt hierzulande über ein lebendiges Zentrum, doch international hinkt Deutschland hinterher. Wolfgang Kirsch, der Vorstandsvorsitzende der DZ Bank, stellte kürzlich fest, dass die deutschen Kreditinstitute im internationalen Vergleich zurückgefallen seien. In puncto Digitalisierung sei London als Zentrum der europäischen Fin-Tech-Szene zwei Jahre voraus, behauptete Kirsch.

          Fin-Tech-Unternehmen streben ins Bankgeschäft

          Die neue Initiative der Deutschen Bank indes zeigt, dass hiesige Kreditinstitute zunehmend bestrebt sind, mit Fin-Tech-Unternehmen zusammenzuarbeiten oder sich gar an ihnen zu beteiligen. Seit vergangenem Jahr fördert die Commerzbank über ihre Beteiligungsgesellschaft „Main Incubator“ junge IT-Entwickler, die sich auf Finanzdienstleistungen konzentriert haben. Dazu zählen ein Unternehmen zur Datenanalyse und ein Zahlungsdienstleister. Seit Beginn dieses Jahres gibt es Commerz Ventures, das als Kapitalgeber für fortgeschrittene Start-up-Unternehmen dient. Sven Deglow von Comdirect, einer Tochtergesellschaft der Commerzbank, betrachtet die angeschlossenen Jungunternehmer als „Kreativitätspool“: „Für Banken, die mit Fintechs zusammenarbeiten, ist es eine Chance“, sagte Deglow unlängst.

          Die Deutsche Bank ist jüngst ihre erste Kooperation mit dem Start-up-Unternehmen Gini eingegangen. Die Münchner haben eine Software entwickelt, die Überweisungen für Online-Kunden deutlich vereinfacht. Wie es heißt, hat die Deutsche Bank weitere Fintech-Unternehmen als mögliche Partner im Blick. Die Deutsche Kreditbank kooperiert seit einem halben Jahr mit dem Start-up-Unternehmen Cringle, das Geldtransfers von einem Smartphone zum anderen über eine App ermöglicht. Die Fidor Bank arbeitet seit vergangenem Jahr mit dem 2012 gegründeten amerikanischen Software-Dienstleister Ripple zusammen, der internationale Überweisungen schneller, günstiger und transparenter abzuwickeln verspricht. Die Sparda Bank Berlin hat bekanntgegeben, dass sie mit der Kreditplattform Zencap zusammenarbeiten wolle. Eine Reihe weiterer Kreditinstitute hätte zwar in Fintechs investiert, doch deren Innovationen seien noch „getrennt vom laufenden traditionellen Geschäft“, sagte Matthias Hübner, der bei Oliver Wyman vor allem Vermögensverwalter berät, unlängst.

          Das Bestreben der Banken, junge Start-up-Unternehmen an sich zu binden und dadurch im besten Falle kundenorientierte Lösungen voranzutreiben, wird auch aus einem weiteren Grund größer: Zunehmend streben Fintechs eine eigene Banklizenz an, um von Kreditinstituten unabhängiger zu werden. So verfügt beispielsweise die digitale Banking-Plattform Holvi nun über eine Banklizenz, die es erlaubt, von Finnland aus in ganz Europa Geschäfte zu betreiben.

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