19.06.2006 · Fondsgesellschaften verkaufen ihren Kunden bevorzugt neue Produkte. Sie verdienen gut daran, doch die Anleger sollten wissen: Nicht jedes neue Produkt ist wirklich neu, und nicht jedes etablierte Produkt muß man auf Anraten des Vertriebs verkaufen.
Von Hanno BeckWas gibt es Schöneres als neue Dinge? Sie können Wunder wirken, sie sind die Würze des Lebens - und in der Fondsbranche zuweilen auch die Seele des Geschäfts. Das zumindest zeigen die Zahlen zum Mittelaufkommen der deutschen Fondsbranche: Das meiste Geld macht sie mit neuen Produkten. Im Jahr 2005 beispielsweise sind ihr insgesamt rund 42 Milliarden Euro netto an frischem Geldern zugeflossen - und von diesen 42 Milliarden Euro sind alleine 25 Milliarden Euro in neue Produkte geflossen.
Um es also plastisch darzustellen: Hätte die Fondsbranche im vergangenen Jahr keine neuen Produkte auf den Markt geworfen, so hätten der Branche 25 Milliarden Euro gefehlt - vorausgesetzt, das Geld wäre dann nicht in die alten Produkte geflossen.
Noch wüster sah es im Jahr 2004 aus: Da sind der Branche netto nur rund 6,5 Milliarden Euro zugeflossen - in die neuen Produkte hingegen sind netto stolze 20 Milliarden Euro geflossen. In alten Produkten gerechnet, hat die Branche also mehr als alt ausgesehen - es waren die Neuprodukte, die das Geschäft gerettet haben.
Keine bahnbrechenden Neuerungen
Der Befund ist deutlich: Die Branche macht das meiste Geld mit neuen Fonds - und jetzt muß man nach den Gründen fragen. Die erste wohlwollende Idee ist die, daß mit jedem Jahr die Produkte einfach besser werden und deswegen neue Fonds auf den Markt geworfen werden - neu und verbessert, ähnlich wie in der Waschmittelwerbung, wo man sich immer fragt, wieso man erst jetzt das beste Waschmittel aller Zeiten kaufen kann und all die Jahre mit minderwertigem Pulver gewaschen hat. Klingt gut, hat aber einen Haken: Zum einen sind viele der neu aufgelegten Fonds keine bahnbrechenden Neuerungen, zum anderen lassen sich viele Neuerungen auch ohne weiteres in den alten Fonds umsetzen.
Also drängt sich eine andere Interpretation des fulminanten Neuprodukteverkaufes auf: Man verkauft den Kunden vorzugsweise neue Produkte. Schaut man etwas näher in die Statistiken, so findet diese These Unterstützung. Im Jahr 2004 beispielsweise, als alle Welt aus lauter Sicherheitsstreben zum Gürtel auch noch die Hosenträger haben wollte, verkauften die Fondsgesellschaften vorwiegend Rentenfonds - und die neuen Rentenfonds machten rund 75 Prozent des gesamten Nettomittelaufkommens aus.
Im Jahr 2005, als Aktienfonds wieder in Mode kamen, standen Nettomittelzuflüssen in Höhe von 2,7 Milliarden Euro in diese Produkte Nettomittelzuflüsse aus neuen Aktienfonds in Höhe von 8,8 Milliarden Euro zur Seite. Will heißen: Im Jahr 2005 gaben Anleger per saldo Anteile an alten Aktienfonds zurück, was nur dadurch kompensiert wurde, daß dafür um so eifriger neue Fonds gekauft wurden. Die Zahlen also widersprechen nicht der Idee, daß die Fondsgesellschaften ihre Produkte prozyklisch verkaufen und in solche prozyklischen Verkaufswellen hinein bevorzugt neue Produkte verkaufen.
Das Gute ist nicht neu, das Neue nicht gut
Damit wäre man dann bei der wichtigsten Frage, was den Neufondserfolg angeht: Warum kaufen so viele Anleger neue Fonds, anstatt zu altbewährten Produkten zu greifen? Die erste Möglichkeit wäre, daß neue Kunden, die vorher keine Fonds hatten, von den neuen Produkten in das Fondsinvestment angelockt werden. Doch das allein dürfte nicht reichen, um diesen frappierenden Erfolg der Neuprodukte zu erklären, zumal diese im Gegensatz zu ihren etablierten Produktkollegen keine Erfolgsbilanz vorweisen können, die sie vertrauenswürdiger machen.
Es werden also auch Altkunden sein, die in die neuen Produkte investieren - was kein gutes Licht auf die Branche wirft, denn jetzt gibt es nur zwei Möglichkeiten: Entweder sie sind mit ihren alten Produkten unzufrieden, oder aber sie erliegen dem Charme der emsigen Vertriebsabteilungen, die ihren Kunden gerne den letzten Fondsschrei ans Herz respektive auf die Brieftasche legen. Und leider Gottes dürfte auch der schlimmste Fall zutreffen, daß viele Altkunden aus alten in neue Fonds gelockt werden - „rausdrehen“ nennt man das im Branchenjargon, ein teures Vergnügen für Kunden, wird doch jedes Mal der Ausgabeaufschlag fällig.
Die Anleger haben also allen Grund, über das Geschäft der Branche mit neuen Fonds nachzudenken: Nicht jedes neue Produkt ist wirklich neu, nicht jedes neue Produkt muß man einem bereits etablierten Produkt vorziehen, und nicht jedes etablierte Produkt muß man auf Anraten des Vertriebs verkaufen. Für viele der neu aufgelegten Produkte dürfte wohl gelten, daß das Gute an ihnen nicht neu, das Neue an ihnen nicht gut ist.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.377,69 | −0,11% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| EUR/USD | 1,2515 | −0,14% |
| Rohöl Brent Crude | 106,90 $ | +0,14% |
| Gold | 1.569,50 $ | +0,06% |