14.01.2003 · Ein weiteres Jahr Börsenbaisse liegt hinter den Anlegern. Doch das Angebot an Fonds wächst weiter. Es wird noch eine Weile dauern, bis sich der Fondsdschungel lichtet.
Von Steffen UttichObwohl die Konsolidierung in der deutschen Fondsbranche allmählich in Gang kommt, schlägt sich dies nicht in der Anzahl der angebotenen Fonds nieder. Auch am Ende des Jahres 2002 steht deutschen Anlegern ein größeres Angebot zur Verfügung als noch zu Jahresbeginn.
Dabei schien die Übernahme der beiden Fondsgesellschaften Zürich Invest und Franken Invest durch den Marktführer DWS sowie die Verschmelzung von Deutscher Investment Trust (Dit) und Allianz Kapitalanlagegesellschaft so etwas wie der Startschuß zu sein: Jetzt wird auch der Fondsdschungel etwas gelichtet. Und tatsächlich nimmt die Allianz 30 Fonds vom Markt. Parallel schließt die DWS beispielsweise zehn Fonds der ehemaligen Zürich Invest.
Anzahl neuer Fonds ist größer als die der aufgelösten
Insgesamt gesehen spricht die Statistik jedoch eine andere Sprache. Nach einer ersten Übersicht des Bad Homburger Fondsanalysehauses Feri Trust wurden insgesamt rund 350 Publikumsfonds im vergangenen Jahr in Deutschland neu aufgelegt. Hinzu kommen noch die zahlreichen ausländischen Fonds, die zum Vertrieb in Deutschland angemeldet wurden, deren Zahl aber derzeit noch nicht genau zu ermitteln ist. Wenn man aber allein die 82 Fonds nimmt, mit denen Fortis im vergangenen Jahr auf den deutschen Markt gekommen ist, liegt das schon deutlich über der Zahl von rund 400 Fondsauflösungen, die Feri Trust 2002 gezählt hat.
Ein ähnliches Bild ergibt die Statistik des Branchenverbandes BVI. Nach den bis Ende November vorliegenden Zahlen stehen 301 neu aufgelegten Fonds nur 166 aufgelöste Fonds gegenüber. Allerdings berücksichtigt der BVI in seiner Aufstellung nicht die Produkte wichtiger ausländischer Anbieter wie Fidelity oder Franklin Templeton, sondern nur die eigenen Mitgliedsgesellschaften. Das macht die Feri-Zahlen etwas aussagekräftiger.
Neue Fonds haben nur relativ geringe Erfolgschancen bei Anlegern
Die Aussage lautet letztlich, daß der Leidensdruck trotz der nun schon knapp drei Jahre andauernden Börsenbaisse und der dadurch sinkenden Einnahmen offenbar noch nicht groß genug ist, um tiefe Einschnitte in der Produktpalette vorzunehmen. Dies ist um so erstaunlicher, als sich die Verantwortlichen in den deutschen Fondsgesellschaften durchaus bewußt sind, daß eine Bereinigung notwendig ist. So kam vor gut einem halben Jahr eine Untersuchung von Union Investment, der Fondsgesellschaft der Volks- und Raiffeisenbanken, zu dem Ergebnis, daß seit Anfang 2001 ältere Fonds mehr Geld bei den Anlegern einsammelten als Produkte, die seit 1999 neu auf den Markt kamen. Als eine Schlußfolgerung aufgrund dieser Zahlen faßte Union-Marktforscher Joachim Böhler damals den guten Vorsatz, den Fokus jetzt auf das bestehende Angebot zu legen und dieses im Interesse des Anlegers besser zu gliedern. Mit Blick auf neue Fonds lautete deshalb die Aussage: "Es sind keine großen Schubladen mehr offen."
In eine ähnliche Richtung zielte auch die Aussage des beim Sparkassen-Investmentdienstleister Deka für das Produktportfolio verantwortlichen Experten Dirk Degenhardt. Die Produktpalette sei nun durch die Vielzahl an Nischenprodukten sehr groß geworden. In den nächsten Jahren werde es deshalb wichtiger, die Fonds innerhalb der bestehenden Angebotspalette sauber voneinander abzugrenzen.
50 Millionen Euro an verwaltetem Vermögen als Untergrenze
Allgemein wird eine Größenordnung von 50 Millionen Euro an verwaltetem Vermögen als vernünftig angesehen, um einen Fonds wirtschaftlich zu betreiben. Wenn das Fondsvolumen unter diesem Wert liegt, sollte das Produkt wirklich zur Abrundung der gesamten Produktpalette dienen, um die Unwirtschaftlichkeit zu tolerieren, heißt es. Doch je tiefer die Kurse an den Börsen fallen, um so mehr Fonds innerhalb der über 5.000 in Deutschland angebotenen Produkte finden sich unter dieser Grenze wieder. Der BVI zählt derzeit 1.430 Fonds, die ein geringeres Fondsvolumen als 50 Millionen Euro aufweisen.
Daß es vor diesem Hintergrund nicht zu einer massenhaften Schließung kommt, liegt unter anderem an dem umständlichen Prozedere, daß mit einer Fondsschließung verbunden ist. Der von den Fondsgesellschaften favorisierte Weg, kleinere Fonds mit größeren einfach zu fusionieren, ist in Deutschland - im Gegensatz zu Luxemburg - immer noch verbaut. Der jüngste Anlauf verlief zuletzt vor einem Jahr im Sande, als aus dem Entwurf zum Vierten Finanzmarktförderungsgesetz ein entsprechender Passus kurz vor der Verabschiedung doch noch aus dem Text verschwand. So gilt weiterhin die alte Regelung: Der Fonds wird aufgelöst, das Portfolio verkauft und das realisierte Vermögen auf die Anteilscheininhaber verteilt. Die Gesellschaften bieten im Zuge der Auflösung normalerweise einen kostenlosen Wechsel in einen anderen Fonds an. Doch müssen die betroffenen Anleger selbst aktiv werden. Vereinfachte Fondsfusionen könnten durchaus viel zur Bereinigung der Produktpalette deutscher Anbieter beitragen.
Ansonsten besteht aber weiterhin Hoffnung, daß sich der deutsche Fondsdschungel in absehbarer Zeit tatsächlich lichtet. So dürfen die Investmentgesellschaften künftig Anteilsklassen einführen. Damit können künftig unter dem Dach eines einzigen Fonds Anteile mit und ohne Ausgabeaufschlag verwaltet werden, die entweder eine Ausschüttung oder Thesaurierung der Gewinne vorsehen. Bislang mußte für jede dieser Ausprägungen ein eigenes Produkt aufgelegt werden. Auch die Internationalisierung des deutschen Fondsmarktes und die damit verbundenen Vertriebszulassungen ausländischer Fonds dürften sich allmählich verlangsamen. Mittlerweile sind nahezu alle namhaften Fondsanbieter aus jeder Ecke des Globus - von der amerikanischen Gesellschaft Fidelity bis zur australischen First State - auf dem deutschen Markt vertreten.
Steffen Uttich Jahrgang 1970, Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für den Immobilienteil.
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