14.02.2007 · Die Intensität der monatlichen Kursschwankungen ist seit 2002 rückläufig. Auch S&P-Chefanalyst Mark Arbeter ist nicht ganz sicher, wie sich diese Entwicklung auf den gegenwärtigen Markt auswirken wird.
Von Mark ArbeterDer Aktienhandel bewegte sich in der vergangenen Woche bei anhaltend rückläufiger Intensität der Kursschwankungen in extrem engen Bandbreiten. Die Anleiherenditen gaben leicht nach, während die Rohölpreise näher an die Marke von 60 Dollar pro Barrel heranpirschten.
Der S&P-500 begann die Woche mit 1.448,39 Punkten und beendete sie mit 1.438,09 Punkten, was einer wöchentlichen Veränderung von mickrigen -0,7 Prozent entspricht. Diese fast nicht vorhandene Bewegung ist äußerst selten und stellt die geringste wöchentliche Veränderung des S&P-500 seit August 1992 dar.
Verzerrte Wahrnehmung der Volatilität
Wir gingen bei unseren Untersuchungen bis ins Jahr 1990 zurück und erhielten somit Kursveränderungsdaten (Price Rate-of-Change, ROC) über einen Horizont von fast 900 Wochen. Die aktuelle Woche ist die zweite, die in jüngster Zeit eine extrem niedrige Kursvolatilität aufweist, nachdem die ROC des S&P-500 in der dritten Januarwoche bei nur -1,6 Prozent lag. Dies ist der fünftniedrigste Wert wöchentlicher Kursveränderungen seit 1990.
Die damals wie heute auftretende Kursvolatilität ist ein faszinierendes Thema, das nach unserer Ansicht von den Medien und den Durchschnittsanlegern jedoch weitgehend missverstanden wird. Die Kursvolatilität kann man auf unterschiedliche Weise betrachten, und wir denken, dass darin ein Teil der Verwirrung begründet liegt. Man kann die Intraday-Volatilität beobachten, die die Differenz zwischen dem täglichen Kurshoch und -tief misst. Daneben können auch andere Messzahlen der Kursbewegungen auf Tages-, Wochen- oder Monatsbasis analysiert werden.
Nach unserer Auffassung wird die Intensität einer Kursbewegung jedoch auch im Kontext historischer Daten missverstanden. Wenn sich der Dow Jones Industrial Average Index (DJIA) an einem Tag 100 Punkte nach oben oder unten bewegt, ist dies eine Schwankung von weniger als einem Prozent. In den Medien würde dies jedoch als bedeutende Veränderung verkündet.
Abnehmende Volatilität seit 2002
Hinzu kommt, dass es sich beim DJIA um einen kursgewichteten Index handelt, so dass er von Aktien mit den höchsten Kursen am stärksten beeinflusst wird. Gegenwärtig ist die Aktie von IBM mit etwa 100 Dollar der kursstärkste Wert im DJIA. Eine Bewegung der IBM-Aktie um ein Prozent entspricht lediglich einem Punkt, kommt im DJIA jedoch einer Bewegung von acht Punkten gleich, da der Divisor des DJIA nur 0,1248 beträgt.
Warum ist eine Bewegung um ein Prozent bei IBM kaum der Rede wert, während eine Rally des DJIA um ein Prozent lautes Medienecho hervorruft? Ach ja, ich vergaß die TV-Einschaltquoten.
Wenn wir den Fokus ausweiten, können wir beobachten, dass die Intensität der Kursvolatilität auf Monatsbasis seit 2002 rückläufig ist. Im Jahr 2002, das den Boden des letzten Baissemarktes bildete, trat im September die höchste monatliche Volatilität auf, als der S&P-500 um etwas mehr als elf Prozent fiel. Daraufhin folgte im Oktober mit einem Anstieg von 8,65 Prozent der größte Zuwachs jenes Jahres. Im Jahr 2002 kam es in sieben Monaten zu Index-Bewegungen von mindestens fünf Prozent.
Demgegenüber betrug der größte monatliche Rückgang 2006 gerade einmal 3,1 Prozent, und dies war dann auch schon der einzige monatliche Rückgang des Jahres. Der größte monatliche Zuwachs 2006 belief sich auf lediglich 3,15 Prozent. Von 2004 bis heute pendelte die monatliche Kursvolatilität nur zwischen 3,9 und -3,4 Prozent.
Prognoseschwierigkeiten
In der Vergangenheit war eine niedrige Volatilität der beste Freund des Haussemarktes; jedoch nicht immer. In der ersten Hälfte des Jahres 1990 war die Kursvolatilität zunächst sehr gering, stieg dann aber in der zweiten Jahreshälfte an, als der Bullenmarkt richtig in Fahrt kam. Niemand kann sagen, ob diese Entwicklung auch diesmal eintritt, doch auf Perioden niedriger Volatilität folgen häufig lange Perioden steigender Volatilität, und auf Perioden mit schmalen Aktienkursgewinnen Perioden mit breiten Aktienkursgewinnen.
Irritierend bei der Marktanalyse ist die Zeit, die der Markt benötigt, um eine Trendwende zu vollziehen, wenn die Mehrzahl der beobachteten Indikatoren auf eine Trendumkehr hindeutet. Markt-Tops, seien sie nun mittel- oder langfristig, scheinen bis zu deren Eintreten besonders schwer bestimmbar zu sein. Als Analyst hat man bisweilen ein gutes Gefühl, dass Veränderungen eintreten, die die eigenen Aussagen bestätigen, sieht sich dann jedoch einer weiteren Woche mit nur marginal höheren Kursen gegenüber.
Noch schwieriger vorherzusagen ist indes eine Konsolidierung innerhalb eines anhaltenden Trends ohne Auftreten einer Rückkehrbewegung. Die Konsolidierung tritt an die Stelle der Korrektur oder Rückkehrbewegung, und sämtliche überkauften Momentum-Indikatoren oder sichtbaren internen Divergenzen oder all die nach oben weisenden Zeichen der Marktstimmung werden durch den Zeitfaktor und nicht durch Kursschwäche korrigiert.
Unauflösbare Widersprüche
Diese Entwicklungen sind nach unserer Erfahrung eher selten, wir werden sie jedoch an einem starken Ausbruch sämtlicher wichtiger Indizes nach oben erkennen. Anstatt auf die überkauften Sentiment-Indikatoren oder auf bullische Extreme zu achten und eine Korrektur vorauszusetzen, werden wir einen Indikator beobachten, der eine tatsächliche Rally vorhersagt.
Dies ist ein weiteres Rätsel für den Analysten. Warum zeigen so viele Sentiment-Indikatoren diese hohen Niveaus an Optimismus und Selbstgefälligkeit, während dieser andere ein hohes Maß an Furcht andeutet? Wir haben hierfür keine Erklärung und sagen lediglich das voraus, was uns die Mehrzahl der von uns verwendeten Indikatoren mitteilt.
Die Short-Interest-Ratio der NYSE ergibt sich aus der Anzahl der an der Börse insgesamt leer verkauften und noch nicht gelieferten Aktien dividiert durch den durchschnittlichen Tagesumsatz an der NYSE im vergangenen Monat. Wir verwenden diese Kennziffer, wie auch andere Sentiment-Messzahlen, als Kontraindikator.
Korrekturzeichen
Seit 1990 hat dieser Indikator gute Arbeit bei der Bestimmung sowohl mittel- als auch langfristiger Trends auf dem Aktienmarkt geleistet. Von Jahresbeginn 2002 bis August 2006 lag diese Kennziffer im Bereich zwischen 4,5 und 6,7. Im September erreichte sie mit 7,0 den höchsten Wert seit Juli 1998, und diese Zeit eignete sich tatsächlich gut für Leerverkäufe.
Nach den hohen Septemberwerten fiel die Short-Interest-Ratio der NYSE etwas ab, kehrte im Januar jedoch wieder auf 6,8 zurück. Dieser Indikator tendiert zu hohen Werten in Zeiten von Marktkorrekturen, nicht jedoch während bedeutender Kursanstiege.
Aufwärtstrend bei Renditen möglich
Die Anleiherenditen gingen in der vergangenen Woche zurück, bevor sie sich am Freitag wieder nach oben bewegten. Die Rendite der zehnjährigen amerikanischen Staatsanleihen sank auf Intraday-Basis am Donnerstag auf 4,71 Prozent, stieg am Freitag jedoch wieder an und schloss die Woche bei 4,78 Prozent.
Die am Donnerstag erfolgte Umkehr trat exakt bei Erreichen mehrerer Widerstände ein. Der exponentiell gleitende 50-Tage- und der 200-Tage-Durchschnitt befinden sich etwa im Bereich von 4,72 Prozent. Hinzu kommt ein aus den Renditehochs gegen Ende des vergangenen Jahres abgeleiteter Chart-Widerstand, der ebenfalls in der Zone um 4,72 Prozent angesiedelt ist.
Die Rückkehrbewegung der Renditen entspricht einem Retracement von 38,2 Prozent der Bewegung von 4,4 auf 4,9 Prozent und könnte darauf hindeuten, dass die Gegentrendbewegung abgeschlossen ist und der Aufwärtstrend bei den Renditen eingesetzt hat. Ein Ausbruch über das Niveau von 4,9 Prozent würde dann die Zone zwischen 5,0 und 5,25 Prozent ins Blickfeld rücken.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.377,69 | −0,11% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| EUR/USD | 1,2515 | −0,14% |
| Rohöl Brent Crude | 106,90 $ | +0,14% |
| Gold | 1.569,50 $ | +0,06% |