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Charttechnik Finanzwerte im Auge behalten

 ·  Nach Ansicht von Mark Arbeter, technischer Chefstratege von Standard & Poor's, hängt die Situation des Gesamtmarktes maßgeblich davon ab, ob die Aktien des gebeutelten Finanzsektors ihre Mitte August erreichten Tiefstände halten können.

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Am 19.Oktober 2007 bescherte uns der S&P-500 einiges an schwerer Kost, doch das war nichts im Vergleich zu dem, woran wir am Schwarzen Montag vor 20 Jahren zu knabbern hatten, als wir einen satten Teil der Anzahlung auf unser erstes Eigenheim in den Sand setzten. Glücklicherweise hat sich, wie gewohnt, doch noch alles zum Guten gewendet.

Es war recht bedenklich, was am Freitag, den 19.Oktober, geschah, als der S&P-500 bei 1.515 Punkten durch seinen exponentiellen 50-Tage-Durchschnitt rasselte. Dies ist doch etwas besorgniserregend, da der S&P-500 oftmals von seiner exponentiellen 50-Tage-Linie abprallt, sobald er diesen während eines Aufwärtstrends zum ersten Mal von oben touchiert hat.

Finanzwerte testen Tiefststände

Aufgrund des Mitte September erfolgten Durchbruchs finden wir zwischen 1.480 und 1.520 Punkten eine breite charttechnische Unterstützungszone vor. Der exponentielle 65-Tage-Durchschnitt und der einfache 80-Tage-Durchschnitt sind zwischen 1.500 und 1.510 Punkten angesiedelt. Zudem befindet sich ein Retracement von 38,2 Prozent der Rally seit August bei 1.505 Zählern. Unserer Erwartung nach dürften diese Unterstützungslinien halten, bevor es zu einer weiteren Rally kommt.

Insgesamt haben die maßgeblichen Indizes in der vergangenen Woche wieder zugelegt, nachdem dem Markt gegen Ende der vorherigen Woche die Puste ausgegangen war. Viele Aktien und Indizes schienen in die Nähe ihres gleitenden 50-Tage-Durchschnitts zurückzufallen, was nach einer größeren Umkehrbewegung nach oben letztendlich zu erwarten ist.

Wir glauben, dass der Pullback, insbesondere für die Blue-Chip-Indizes wie beispielsweise den S&P-500 und den Dow Jones Industrial Average, zum Teil auch darauf zurückzuführen ist, dass die Finanzwerte erneut an Boden verloren haben und derzeit ihre im August erreichten Tiefstände testen - was unserer Meinung nach abzusehen war.

Tests entscheiden über den Markt

Befindet sich eine einzelne Aktie oder ein einzelner Index über mehrere Monate im freien Fall, so ist nicht selten damit zu rechnen, dass irgendwann der äußerste Tiefstand getestet wird. Dieser Test findet nicht etwa eine Woche, sondern erst Monate später statt. Das Ausmaß der letztlich erreichten Talsohle entspricht in der Regel dem Ausmaß und der Dauer des Kursrückgangs. Werfen wir heute einen Blick auf die vielen Marktsegmente, so mutet es seltsam an, dass so viele Aktien neue Rekorde verzeichnen, während die Finanzwerte noch immer versuchen, potentielle Umkehrformationen zu erreichen.

Wir glauben, dass die Situation des Aktienmarktes kurz- bis mittelfristig auch davon abhängt, ob der Finanzsektor die Mitte August erreichten Tiefstände halten und schließlich die mittelfristigen Umkehrformationen zu Ende führen kann. Zeigen die Finanzwerte einen kräftigen Einbruch in Richtung neuer Tiefstände, so werden wir wohl noch eine Weile warten müssen, bis wir für den S&P-500 eine Rally in den Bereich 1.600 bis 1.650 Punkte verkünden können.

KBW-Bank-Index in entscheidender Testphase

Der KBW Bank Index, einer der maßgeblichen Indizes des Bankensektors, ergründet derzeit die Tiefstände vom August. Dieser Index setzt sich aus 24 Bankwerten zusammen, die in weiten Teilen durch J.P. Morgan (9,1 Prozent), die Bank of America (8,4 Prozent), Wells Fargo (8,1 Prozent) und die Citigroup (7,4 Prozent) gestellt werden. Der KBW erreichte am 20.Februar einen Höchststand von 121,06 Punkten, gab dann um 16 Prozent nach und erreichte am 15.August seine Talsohle bei 101,60 Punkten.

Bis zur Umkehr eines sechsmonatigen Abwärtstrends, der von einem Einbruch von 16 Prozent gekennzeichnet ist, dürfte es nach unserem Ermessen noch eine ganze Weile dauern. Nun, da der Index im Bereich von 102 Punkten gehandelt wird, dürften wir uns erneut in einer entscheidenden, umfassenden Testphase befinden.

Im Anschluss an die Tiefstände vom August gelang es dem KBW tatsächlich, um etwa 9 Prozent zuzulegen, doch nach Erreichen eines Retracements von etwa 50 Prozent der Korrektur ging ihm die Puste aus. Ein solches anfängliches Retracement nach einem deutlichen Abwärtstrend ist nicht weiter ungewöhnlich. Der KBW zog bis zu einem maßgeblichen Widerstandsbereich bei 111 Punkten an. Dass eine initiale Rally, die von einem potentiellen mittelfristigen Boden ausgeht, bei Erreichen einer wichtigen Widerstandszone an Fahrt verliert, ist ebenfalls nichts Außergewöhnliches.

Ähnliches Bild bei anderen Indizes

Ein weiterer von uns beobachteter Index ist der S&P Financial SPDR (XLF), der sich ähnlich wie der KBW-Index zusammensetzt. Der XLF-Index weist mehr Komponenten auf, ist jedoch nach Marktkapitalisierung gewichtet. Maßgebliche Vertreter sind die Citigroup (8,4 Prozent), die Bank of America (8,3 Prozent), die American International Group (6,4 Prozent), J.P. Morgan (6 Prozent) sowie Wells Fargo (4,3 Prozent).

Ende Mai verzeichnete der XLF erneut ein kleines Hoch und kehrte am 3. August mit einem Einbruch von 16 Prozent zu seinem anfänglichen Tiefstand von 32,06 Punkten zurück. Dieser Bereich wurde sehr rasch am 15. August und dann noch einmal am 10. September getestet. Der Financial SPDR befindet sich nach einem Retracement von 61,8 Prozent der Korrektur erneut weit unten im Bereich von 33 Zählern, während der XLF in eine charttechnische Unterstützungszone bei 36 Punkten vorgestoßen ist.

Wir glauben, dass es für die Stabilität des Aktienmarktes insgesamt entscheidend ist, dass es dem XLF gelingt, die Kurszone im Bereich 32 bis 33 zu testen, dann wieder zuzulegen und einen mittelfristigen Boden auszubilden.

Auch Anleiherenditen suchen Boden

Neben den Finanzaktien, die erneut nach unten tendieren und ihre Tiefstände testen, ist derzeit aufgrund von Konjunktursorgen auch auf dem Markt für Schatzanleihen ein Test der Renditen zu beobachten. Wir betrachten das simultane Testen durch Finanzwerte und Schatzanleihen als eine Funktion der Ängste vor einem Konjunktureinbruch.

Steigen die Ängste um das Wirtschaftswachstum, so stürzen demnach Finanzwerte und Anleiherenditen gemeinsam in den Keller. Im Grunde spiegeln die beiden Märkte einander wider. Der Tiefstand der Renditen der Schatzanweisung mit zehnjähriger Laufzeit wurde am 10.September bei 4,32 Prozent erreicht. Nach einem Retracement von 38,2 Prozent des seit Juni erfolgten Abwärtstrends liegen sie nun wieder im Bereich von 4,40 Prozent. Wir haben des Öfteren angedeutet, dass wir eine Art Boden- oder Umkehrformation erwarten, bevor die Renditen wieder etwas gleichmäßiger nach oben tendieren. Davon gehen wir auch weiterhin aus.

Wie bei den Finanzwerten halten wir es für wichtig, dass sich die Renditen der zehnjährigen Schatzanweisungen den jüngsten Tiefständen annähern und dann allmählich nach oben tendieren. Zeigen die Renditen einen Einbruch bis deutlich unter die Marke von 4,3 Prozent, so werden wir unsere optimistische Prognose für die Aktien in Frage stellen müssen, und wir gehen davon aus, dass manch einer seine vorsichtig optimistische Konjunkturprognose ebenfalls noch einmal überdenken wird.

Positive Stimmung als Kontraindikator

In unserer jüngsten Analyse hatten wir uns mit einer ganzen Reihe von Stimmungsindikatoren beschäftigt, die darauf hindeuteten, dass sich das Lager der Bullen mehr und mehr füllte. Da viele dieser Indikatoren den mittelfristigen Spitzenwerten häufig um ein bis zwei Monate vorauseilen, gingen wir jedoch davon aus, dass sich der gegenwärtige positive Stimmungstrend der Bullen noch weiter fortsetzen könnte.

In der vergangenen Woche bestätigte man uns, dass es im Bullenlager nun wirklich eng wird, während wir weiterhin regelrechte Stimmungsextreme beobachten. In einer von Investor's Intelligence (II) durchgeführten Umfrage lag die Bullenstimmung in der vergangenen Woche bei 62 Prozent, dem höchstem Wert seit Januar 2005 und einem der höchsten seit Erhebung der Daten. Verfolgt man die Umfrageergebnisse bis zum Jahr 1987 zurück, so wurde dieser hohe Bullenanteil bislang nur Ende 2004/Anfang 2005 zwei Wochen lang in Folge übertroffen.

Die Bärenstimmung wurde laut II-Umfrage mit 19,6 Prozent beziffert - dem niedrigsten Ergebnis seit Juli und einem unserer Ansicht nach ebenfalls extremen Wert. Instinktiv könnte man meinen, dass eine derartige Euphorie der Bullen in einer Marktumfrage das letzte Stündlein für die Aktienmärkte einläutet. Glücklicherweise hat sich diese Umfrage in der Vorhersage von Marktspitzen bislang nicht bewährt. Dennoch lässt sie darauf schließen, dass der Großteil der Gewinne in diesem Rennen bereits hinter uns liegt.

Der Autor ist technischer Chefstratege bei Standard & Poor's.

Quelle: Business Week Online
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