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Schwellenländer : Brasilien übertrumpft den Rest der Welt

Rio de Janeiros Wahrzeichen: Die Christus-Statue auf dem Corcovado-Berg Bild: dpa

Südamerika steckt in einer schweren Krise. Doch ausgerechnet jetzt eilen die Börsen von Rekord zu Rekord. Wie verrückt ist das denn?

          Der nationale Automobilverband Brasiliens mit dem klingenden Namen Fenabrave erlangte in der vergangenen Woche unerwartete Bekanntheit. Dabei hatte er doch nur, wie jedes Jahr, die Verkaufsstatistik für das größte Land Südamerikas präsentiert - in der Vergangenheit meist eine ziemlich eintönige Sache. Denn die Absatzzahlen gingen jahrelang immer nur in die Höhe.

          Dennis Kremer

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Nun aber hatte der Verband ein Minus zu verkünden, wie es in der Geschichte Brasiliens noch nicht vorgekommen ist: 25 Prozent weniger Autos, Busse und Lkw als im Vorjahr haben die Brasilianer im ersten Halbjahr 2016 gekauft. Ein nie dagewesener Rückgang in einem Land, in dem wegen des Mangels an öffentlichen Verkehrsmitteln jeder aufs Auto angewiesen ist.

          Das Minus von 25 Prozent steht damit symbolisch für eine Volkswirtschaft, der es so schlecht geht wie selten zuvor in ihrer Geschichte: Die Wirtschaftleistung wird in diesem Jahr voraussichtlich um fast vier Prozent zurückgehen, die Inflationsrate ist auf rund zehn Prozent in die Höhe geschnellt - nur wenige Wochen vor dem Start der Olympischen Spiele in Rio de Janeiro am 5. August ist die Stimmung im Land schlecht wie nie.

          BOVESPA Index

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          Auch an der Börse würde man angesichts solcher Widrigkeiten ein Desaster erwarten: fallende Aktienkurse, tiefrote Zahlen. Doch wer Brasiliens Aktienmarkt in den Blick nimmt, hat den Eindruck, er schaue auf ein anderes Land: In Euro gerechnet, hat der Bovespa-Index, der wichtigste Aktienindex der Region, seit Jahresanfang um beeindruckende 45 Prozent zugelegt.

          Es gibt auf der Welt keine andere große Börse, die die erste Jahreshälfte mit solch einem Plus beendet hat. Der deutsche Dax hat im gleichen Zeitraum mehr als zehn Prozent verloren. Wie kann es sein, dass sich inmitten der größten Rezession der brasilianischen Geschichte gleichzeitig ein solches Wunder am Aktienmarkt ereignet?

          Erstaunlicherweise gehören die Börsen Lateinamerikas mit Ausnahme Venezuelas bislang zu den Gewinnern des Jahres: Im kleinen Peru haben sich die Aktienkurse sogar noch stärker entwickelt als in Brasilien, und selbst im jahrelang gebeutelten Argentinien macht die Börse wieder Freude.

          Bild: F.A.Z.

          All dies mag auf den ersten Blick ziemlich verrückt erscheinen, lässt sich aber bei genauerem Hinsehen schlüssig erklären. Es gibt für diese Entwicklung zwei Gründe, die mit Lateinamerika kurioserweise rein gar nichts zu tun haben, und einen dritten Grund, der auf eine uralte Anlegerweisheit zurückgeht, die wunderbar zu Lateinamerikas Schwellenländern passt.

          Maarten-Jan Bakkum, der mit seinem Team für die niederländische Fondsgesellschaft NN Investment Partners rund neun Milliarden Euro in den Schwellenländern anlegt, sagt es so: „Die Wahrnehmung Lateinamerikas in den Augen der Investoren ändert sich gerade deutlich.“

          China und Amerika

          Die ersten zwei Gründe für diese Veränderung sind leicht aufgezählt. Zum einen geht es, wie fast immer an den Finanzmärkten, um die amerikanische Notenbank Fed. Seit Monaten wird darüber spekuliert, ob und wann sie ihren Leitzins von derzeit 0,25 Prozent bis 0,50 Prozent erhöhen wird - zuletzt sah es danach aus, als sei ein baldiger Anstieg erst einmal vom Tisch.

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