09.06.2005 · Europas Spiritousen-Industrie ist schon seit Jahren in Bewegung. Nun wird der Marken-Cocktail abermals neu gemischt. Nicht jeder wird danach ein gutes Blatt haben.
„Es gleicht immer mehr einem Pokerspiel, in dem einer der Mitspieler blufft.“, sagt Cedric Louboutin. Der Analyst bei Fideuram Wargny in Paris bezieht sich dabei auf das Tauziehen um den britischen Spirituosenkonzern Allied Domecq, Hersteller von Marken wie „Ballantine's“, „Malibu“ oder „Beefeater Gin“.
Kaufen möchte gern der französische Konzern Pernod-Ricard, der durch die Übernahme gerne von der Nummer Drei zur Nummer Zwei der Welt aufsteigen möchte. Das wäre der vorläufiger Höhepunkt eines dreißigjährigen Aufstiegs des Familienunternehmens.
Milliarden mit Anis
Der Jahresumsatz betrug zuletzt 3,5 Milliarden Euro und soll nach dem Erwerb von etwa zwei Dritteln an Allied Domecq künftig 5,8 Milliarden Euro betragen. Bislang zählen zu Pernod Ricard unter anderem der Bitter „Ramazzotti“ und Whiskies wie „Chivas Regal“ oder „Paddy“ sowie die meistverkauften französischen Anisliköre „Ricard“ und „Pastis 51“.
Doch ganz so einfach ist das nicht. Zum einen waren die europäischen Kartellwächter damit nicht ganz einverstanden, zum anderen der zweite Bieter im Rennen, ein Konsortium, angeführt vom amerikanischen Konzern Constellation Brands, dem Hersteller der Robert Mondavi-Weine sowie dem „Jack Daniel's“-Produzenten Brown-Foreman.
Kuhhandel mit Marken
Am Dienstag verbesserte Pernod-Ricard seine Chancen schlagartig, indem man zwei Fliegen mit einer Klappe schlug. Die Franzosen haben dem Weltmarktführer Diageo aus dem Allied Domecq-Portfolio den irischen Bushmills-Whiskey versprochen. Dafür wird Diageo Constellation Brands nicht unterstützen - und den Kartellwächtern behagt es auch.
Die zunehmende Konsolidierung und Verteilung der Marken unter immer weniger Marktteilnehmern hat ihren Grund. Der Spirituosenmarkt in den großen Wirtschaftsnationen der Welt ist nicht nur gesättigt. Vielmehr ist er aufgrund des zwiespältigen Images eher rückläufig. Wachstum ist tendenziell nur im Rahmen des allgemeinen Wirtschaftswachstums oder über Verdrängung anderer Getränke bzw. zu Lasten der Konkurrenz möglich.
Das erfordert strategische Positionierung durch ein kohärentes Markenportfolio und geht vor allem zu Lasten der mittelgroßen Unternehmen, die sich nicht auf Marktnischen spezialisiert haben, die regional beschränkt sind und die sich das „Klotzen“ beim Marketing nicht leisten können.
Die Platzhirsche: Pernod-Ricard & Diageo
Pernod-Ricard kann es. Im vergangenen Jahr steigerte das Unternehmen die Relation von Werbeausgaben und Umsatz auf 22,6 Prozent. Damit lag dieser Anteil über der operativen Marge. Das Umsatzwachstum von 2,1 und das Plus beim Betriebsergebnis von 0,7 Prozent nehmen sich dagegen eher bescheiden aus. Besonders der Absatz in Frankreich geht zurück, allein im ersten Quartal um 6,4 Prozent. Der europäische Umsatz legt trotzdem zu, und zwar in Osteuropa und Griechenland. Der Hauptwachstumstreiber aber bleibt Asien. Obgleich Pernod-Ricard mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von 18 angemessen bewertet ist, zeigen sich die Anleger überzeugt. Der Chart weist seit nunmehr über fünf Jahren einen stabilen Aufwärtstrend auf, so daß das Papier bei aktuell 134,50 Euro auf einem Allzeithoch notiert.
Trotz der Bewegung am Markt bleibt die britische Gruppe Diageo unangefochten größter Alkoholkonzern der Welt. Zu den bekannten Spirituosenmarken gehören „Johnnie Walker“, „Smirnoff“, „Bailey's“ oder „Gordon's Dry Gin“. Das Bild gleicht dem bei Pernod: 2004 wuchs der Umsatz (ohne die eingestellten Fast Food-Aktivitäten) um ein Prozent, der Betriebsgewinn um 0,4 Prozent. Auch die Diageo-Aktie ist mit einem KGV von 16 gut bewertet, weist aber ebenfalls seit zwei Jahren einen intakten Aufwärtstrend auf.
Übernahmekandidat: Remy Cointreau
Zu den mittleren Unternehmen, deren Möglichkeiten beschränkt sind, gehört Remy Cointreau. Der französische Hersteller, der seine bekanntesten Marken im Namen trägt hat am Mittwoch bekannt gegeben, daß aufgrund von Abschreibungen auf den Wert von Markennamen der Jahresüberschuß für das Geschäftsjahr 2004/2005 (Ende: 31. März) um 68 Prozent auf 24,2 Millionen Euro fiel. Die Umsätze waren um 1,9 Prozent auf 905 Millionen Euro gestiegen. Welche „regionalen“ Marken aus Europa dies sind, wurde nicht bekannt gegeben. Spekuliert wird aber auf die „Bols“-Liköre. Drei Viertel seiner Umsätze erzielt Remy Cointreau in Nordamerika und Europa. Mit nur rund einem Viertel der Größe von Pernod-Ricard und einem Fünfzehntel der Größe von Diageo gilt Remy Cointreau schon seit Monaten als Übernahmekandidat. Das bewahrte die Aktie am Mittwoch nicht nur vor dem Absturz, sondern verhalf ihr mit einem Plus von 2,5 Prozent auf 34,75 Euro zu einem Zwei-Jahres-Hoch. Und das Drei-Jahres-Hoch bei 34,85 Euro ist nicht mehr weit entfernt.
Trocken gelegt: Berentzen
Während also auf Remy Cointreau mit seinen starken Marken möglicherweise ein Happy-End wartet, sieht es für andere weniger gut aus, so zum Beispiel für die deutsche Berentzen-Gruppe. Die Exportquote des Unternehmens betrug zuletzt 18 Prozent, die Marken „Puschkin“, „Berentzen“ oder „Bommerlunder“ sind damit letztlich nur von lokaler Bedeutung. Alle Reorganisationsversuche in den vergangenen Jahren fruchteten wenig. Seit dem Jahr 1999 ist der Gesamtumsatz um 27 Prozent gefallen, im Spirituosenbereich sogar um 35 Prozent. Verheerend war auch die Ergebnisentwicklung in den vergangenen zwei Jahren. Die Vorsteuermarge sackte von zehn Prozent im Jahr 2002 auf vier Prozent im Jahr 2004. Im selben Jahr rutschte das Unternehmen mit einem Jahresverlust von 13,8 Millionen Euro auch noch in die roten Zahlen.
Diese Entwicklung spiegelt auch der Aktienkurs wider. Das Kurshoch stammt aus dem Jahr 1996. Damals notierte das Papier bei 35,28 Euro. Aktuell notiert der Wert bei 4,57 Euro. Auch die Dividendenrendite schrumpfte jährlich von 5,5 Prozent im Jahr 2000 für 2004 endgültig auf Null.
Auch andere kleinere Traditionsunternehmen haben zu kämpfen. Grand Marnier etwa, dessen rund 85.000 Liebhaber-Aktien für 4.950 Euro notiert werden. Mit einem Umsatzplus von 4,75 Prozent auf 132,4 Millionen Euro verzeichnete das Unternehmen den ersten Zuwachs seit dem Jahr 2000.
Auch das Ergebnis verbesserte sich erstmals wieder leicht. Doch von der auf diese Weise mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 25 hoch bewerteten Aktie hatten sich die Anleger offenbar mehr versprochen. Nachdem der Kurs zwischen September 2004 und Ende April ein rundes Drittel zugelegt hatte, geht es seitdem seitwärts.
Ungarns Nummer Eins: Zwack
Ein wenig besser geht es der ungarischen Zwack Unicum. Der regional begrenzte Magenbitter-Hersteller und Distributor von Diageo- und Campari-Produkten kämpf ebenfalls mit stagnierenden Umsätzen. Im vergangenen Jahr spielten dabei allerdings fallende Preise der Importprodukte aufgrund des EU-Beitritts eine Rolle.
Hingegen geht die Strategie, den Absatz margenstärkerer Produkte zu fördern bisher auf, so daß die Umsatzverluste aufgrund niedriger Preise für Importgüter ausgeglichen werden konnten. Und so erfreut Zwack Unicum wie andere ungarische Unternehmen wohl auch in Zukunft die Anleger mit außergewöhnlich hohen Dividenden. Nach einem guten ersten Quartal sollte es auch weiter bei den etablierten 750 Forint je Aktie bleiben. Das bedeutet aktuell eine Rendite von 8,15 Prozent. Mit einem KGV von 8,5 ist die Aktie auch nicht überbewertet.
Profitieren vom Büffelgras-Boom: Belvedere
Platz in Marktnischen haben sich andere gesucht. Etwa die französische Belvedere, die eigentlich ein polnisches Unternehmen ist. Gegründet wurde das Unternehmen 1991, mit dem Ziel polnischen Wodka (sogenannten „Büffelgras-Wodka“) umzufüllen und ihn in Westeuropa als Markenprodukt zu verkaufen. Diese Rechnung ging bislang auf. Der Umsatz wuchs im vergangene Jahr um 31,5 Prozent auf 460 Millionen Euro, der Betriebsgewinn um 99 Prozent auf 14,9 Millionen. Belvedere ist zum einen mittlerweile groß im Geschäft auf dem Wachstumsmarkt Osteuropa.
Aktuell kommt das Unternehmen in Polen auf einen Marktanteil von 32 Prozent. Erhält das Unternehmen den Zuschlag bei der Privatisierung des Herstellers Polmos Bialystok, würde der Marktanteil auf 53 Prozent steigen. Hinzu kommt, daß Wodka derzeit das attraktivste Segment des Spirituosenmarktes darstellt. Die britische Unternehmensberatung Wines & Spirits Record schätzt das Marktwachstum bis 2008 auf 55 Prozent.
Allerdings ist Belvedere mit einem KGV von 32 bereits ausgesprochen optimistisch bewertet. Charttechnisch spricht aber dagegen einiges für das Papier. Es liegt seit viereinhalb Jahren im Aufwärtstrend; der Kurs hat sich von 9,55 Euro auf aktuell 131 Euro verdreizehnfacht. Zwar sieht sich die Aktie einem alten Widerstand aus dem Jahr 1998 bei 144,67 Euro gegenüber, aber ob die angesichts des Aufwärtstrends eine Rolle spielt, ist fraglich.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.377,69 | −0,11% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| EUR/USD | 1,2515 | −0,14% |
| Rohöl Brent Crude | 106,90 $ | +0,14% |
| Gold | 1.569,50 $ | +0,06% |