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Bestseller-Autor Nassim Taleb : Aus kleinen Fehlern lernen

  • -Aktualisiert am

Nassim Taleb Bild: Edge.org

Der deutsche Mathematiker Carl Friedrich Gauß ist einer seiner Lieblingsgegner: Nassim Taleb glaubt nicht an die Normalverteilung; sie decke nur einen kleinen Teil der Wirklichkeit ab. Wie der Bestseller-Autor und Essayist mit der Ungewissheit zu leben versucht.

          Die Akteure auf den Finanzmärkten sollten es halten wie die Feuerwehr in Kalifornien, die regelmäßig gegen riesige Waldbrände zu kämpfen hat. „Wenn Sie von Zeit zu Zeit viele kleine Feuer im Wald legen, dann wird dieser gereinigt und widerstandsfähiger“, meint der libanesische Essayist und Bestsellerautor Nassim Taleb. Diese Methode sei allemal besser als nichts zu tun und dann immer wieder gegen die großen, kaum zu kontrollierenden Waldbränden ankämpfen zu müssen.

          Manche Systeme seien zerbrechlicher, andere weniger. „Wenn Sie ein Wasserglas tausend Mal aus fünf Millimeter Höhe auf den Boden fallen lassen, wird es dies mit großer Wahrscheinlichkeit überstehen“, sagte Taleb am Mittwochabend bei einem Vortrag vor dem Diskussionskreis für alternative Investments „Hedgework“ in Frankfurt. „Aber wenn Sie es ein Mal aus 5 Metern Höhe fallen lassen, wird es wahrscheinlich zerbrechen.“

          Ereignisse, die niemand für möglich hält

          Größe mache ein System zerbrechlich, glaubt Taleb, der mit seinen beiden Werken „Narren des Zufalls“ und „Der Schwarze Schwan“ Berühmtheit erlangte. In diesen Büchern beschäftigt er sich mit dem Unvorhersehbaren, mit Ereignissen, die niemand für möglich hält und die deshalb nie passieren dürften. Sein Wissen erarbeitete er sich an der Wharton School und der Université Dauphine in Paris, seine Erfahrung als Optionshändler für verschiedene Banken an der Wall Street. 1960 wurde er im Dorf Amioun im Libanon in eine griechisch-orthodoxe Familie geboren. Aus diesem Dorf stammte laut Taleb übrigens auch Nicolas George Hayek, der Erfinder der Swatch-Uhren.

          Ein Lieblingsgegner Talebs ist ein deutscher Mathematiker, der die letzte Zehn-Mark-Note zierte. Carl Friedrich Gauß, 1777 geboren, 1855 gestorben, hatte die berühmte Gaußsche Normalverteilung oder Gaußsche Glockenkurve entdeckt. Statistische Wahrscheinlichkeiten sind demnach „normal“ verteilt, wenn sie sich um ihren Mittelwert drängen. Auf diesem Modell beruhen fast die gesamte Finanzökonomie, die Risikomodelle der Banken und selbst die Stresstests der Aufsichtsbehörden für Finanzinstitute.

          Direkt nach „Mediokristan“

          Die Gaußsche Normalverteilung decke jedoch nur einen kleinen Teil der Wirklichkeit ab. Manchmal repräsentiert der Mittelwert nicht den häufigsten Fall und führt in die Irre - dies zeigt ein alter Witz unter Statistikern: Viele Menschen sind schon in Flüssen ertrunken, die im Jahresdurchschnitt 15 Zentimeter tief sind. Taleb beklagt zudem das Gesetz der großen Zahl, das uns, wie er sagt, direkt nach „Mediokristan“ führe. Dort herrsche das Gesetz, dass ein einzelnes Ereignis das Gesamtergebnis nicht beeinflusst, wenn die Stichprobe nur groß genug wird. „Wegen außergewöhnlicher Ereignisse muss sich in Mediokristan niemand sorgen“, meint Taleb. Daneben gebe es „Extremistan“. Dort herrschten extreme Ereignisse, deren Eintrittswahrscheinlichkeit niemand berechnen könne, erzählt Taleb und erinnert sich daran, wie er einmal nach Riad, die Hauptstadt Saudi-Arabiens, reiste - und dort im heftigsten Regen seit vielen Jahren stand.

          Seine Gedanken zu diesen Themen sind weitbekannt - ihn selbst beginnt das Gerede von „schwarzen Schwänen“, jenen unwahrscheinlichen, nicht vorhersehbaren Ereignissen, zu langweilen. 300 Tage im Jahr arbeite er in seiner Bibliothek in der Nähe von New York oder im Libanon, die restliche Zeit reise er. Ihn interessieren zunehmend die Folgerungen, die seine Erkenntnisse nahelegen.

          „Wir können nicht vorhersagen, wann schwarze Schwäne auftreten“, sagt Taleb. „Aber wir können die Zerbrechlichkeit von Systemen messen.“ Selbst wenn das Ergebnis, das ein Modell liefere, falsch sei, zeige es doch zumindest in die richtige Richtung, und dies sei schon eine wichtige Information für die Krisenprävention. Deshalb hält Taleb Finanzsysteme, die auf Schulden beruhen, für zerbrechlicher als Systeme, die sich weitgehend auf Aktien stützen. Finanzsysteme, die auf öffentlichen Schulden aufbauen, wiederum seien zerbrechlicher als Finanzsysteme, die auf privaten Schulden ohne staatliche Haftung beruhen. Systeme, die viele kleine Fehler zulassen, seien weniger krisenanfällig als an sich stabile Systeme, die sich lange nicht bewegen - bis ein Fehler groß genug ist, um sie umzuhauen.

          Quelle: F.A.Z.

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