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Mittwoch, 15. Februar 2012
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Behavioral Finance (8) Die List des Odysseus im Kampf gegen das Gehirn

14.01.2009 ·  Viele Menschen betreiben keine finanzielle Altersvorsorge - obwohl sie es eigentlich wollen. Schuld daran ist, dass unsere Urväter nicht auf's Mammut nicht sparen konnten, sondern gleich zuschlagen mussten.

Von Hanno Beck
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Ein neues Jahr ist immer wieder ein willkommener Anlass, um gute Vorsätze zu fassen: Abnehmen, mit dem Rauchen aufhören, netter zu den Nachbarn sein - die Liste der Dinge, die wir endlich tun oder aufgeben wollen, kann lang sein. Doch wenn dann der 1. Januar anbricht, wenn ein paar Tage oder Wochen ins Land gegangen sind, greift man doch irgendwann wieder zur Schokolade, zur Zigarette oder rangelt mit dem Nachbarn, und alle guten Vorsätze sind wieder dahin.

Ökonomisch betrachtet ist das merkwürdig: Noch am 1. Dezember wissen wir, dass es gut für uns ist, wenn wir mit dem Rauchen aufhören; und wir beschließen auch, dieser Einsicht zu folgen. Doch am 1. Januar, wenn der Verzicht ansteht, verwerfen wir diese Einsicht wieder. Wieso kann das, was am 1. Dezember noch richtig war, vier Wochen später auf einmal nicht mehr richtig sein? Der Grund für dieses Verhalten liegt in der Art und Weise, wie Menschen mit Zeit umgehen. Kurz gesagt sind wir langfristig sehr geduldig, kurzfristig hingegen sehr ungeduldig.

(K)ein Tag für einen Dollar

Ein Gedankenexperiment verdeutlicht diese Überlegung: Man bietet Versuchspersonen entweder 10 Dollar in einem Jahr oder aber 11 Dollar in einem Jahr und einem Tag an. Die meisten Befragten entscheiden sich für die 11 Dollar - ein Dollar ist es offenbar wert, dass man einen Tag darauf wartet.

Dann wird das Experiment ein wenig verändert: Jetzt haben die Probanden die Wahl zwischen 10 Dollar heute oder 11 Dollar morgen - und auf einmal entscheiden sich viele der Befragten für die 10 Dollar. Nun ist es der eine Dollar nicht mehr wert, dass man einen Tag auf ihn wartet. Ökonomisch betrachtet ist die Entscheidung nicht nachvollziehbar. Warum ist man bei einem Zeithorizont von einem Jahr bereit, einen Tag auf einen Dollar zu warten, aber nicht, wenn man heute vor der gleichen Entscheidung steht? Die Wartezeit für den Dollar - nämlich ein Tag - ist in beiden Fällen die gleiche, so dass ein rationaler Mensch eigentlich keinen Unterschied machen sollte. Und doch macht er es.

Nur morgen werden wir zu Nichtrauchern

Dieses Experiment zeigt sehr schön unsere Geduld auf lange Sicht und die Ungeduld auf kurze: Liegen die zehn Dollar auf dem Tisch, so lohnt der eine weitere Dollar nicht mehr das Warten; liegt der Zeitpunkt des Verzichts aber ein Jahr entfernt, so macht der eine Tag Wartezeit mehr auch nichts mehr aus.

Unsere Zeitpräferenz ist also nicht konstant, sondern hängt vom jeweiligen Zeithorizont ab. Dabei bewerten wir gegenwärtige Belohnungen höher als zukünftige Belohnungen. Für das Beispiel der guten Vorsätze bedeutet das: Liegt der Verzicht auf die Zigarette noch in weiter Ferne, so reicht uns die Aussicht auf eine bessere Gesundheit, um den Vorsatz zu fassen, mit dem Rauchen aufzuhören.

Ist der Tag aber gekommen, an dem wir aufhören wollten und der Verzicht also unmittelbar bevorsteht, so ist das Verlangen nach der Zigarette so groß, dass die in Aussicht gestellte Belohnung für den Verzicht - langfristig bessere Gesundheit - nun nicht mehr ausreicht, um den guten Vorsatz aufrechtzuerhalten.

Und morgen sorgen wir fürs Alter vor

Für Anleger hat dieses Verhalten, das Ökonomen „zeitinkonsistent“ nennen, vor allem eine unangenehme Folge: Sie sorgen zu wenig für das Alter vor. Der Grund ist angesichts der obigen Überlegungen offensichtlich: Wir wissen, wie wichtig es ist, für das Alter langfristig vorzusorgen; doch wenn der Gehaltsscheck auf dem Tisch liegt, siegt die kurzfristige Versuchung, und wir beschließen, ab der nächsten Woche zu sparen.

Unsere Schwäche bei der Altersvorsorgedisziplin ist also offenbar unserem inkonsistenten Umgang mit Zeit geschuldet und möglicherweise sogar evolutorisch bedingt: Untersuchungen deuten darauf hin, dass bei unmittelbaren Belohnungen - „jetzt eine Zigarette“ - in unserem Gehirn das sogenannte limbische System angesprochen wird, welches für unbewusste, impulsive Handlungen zuständig ist. Geht es hingegen um längerfristige Prozesse, also die guten Vorsätze, so schaltet sich der präfrontale Cortex ein, der für überlegtes Handeln und kognitive Kontrolle zuständig ist.

Wachs ins Gehirn

Die Entscheidung, das Rauchen aufzugeben oder nicht, gerät also zu einem Wettstreit: auf der einen Seite das limbische System, das wir von unseren frühesten Vorfahren geerbt haben und das für impulsive Handlungen zuständig ist; auf der anderen Seite der präfrontale Cortex, der es dem Menschen als einziger Spezies ermöglicht, überlegte und abstrakte Planungen für die Zukunft zu machen. Zyniker sagen, dass stets das limbische System gewinnt.

Aber auch wenn die verbreitete Altersvorsorgeschwäche biologischer Natur sein sollte, bedeutet dies nicht, dass wir ihr hilflos ausgeliefert sind. Die einfachste Idee, sich gegen die Versuchung des Augenblicks zu schützen, stammt aus der Antike, nämlich von Odysseus. Als dieser den Gesang der Sirenen hören wollte, ohne der Versuchung zu erliegen, sein Schiff gegen die tödlichen Klippen zu steuern, ließ er sich von seiner Schiffsbesatzung an einen Mast binden - seinen Matrosen verstopfte er die Ohren mit Wachs.

Wir brauchen Hilfe

Diese Idee der Selbstbindung kann auch für die Altersvorsorge hilfreich sein: Man muss sich selbst die Möglichkeit nehmen, das Geld für die Altersvorsorge vorzeitig auszugeben. In den Vereinigten Staaten gab es beispielsweise sogenannte Christmas Clubs. Dort zahlte man Geld ein, das man erst kurz vor Weihnachten wieder zurückerhielt - damit konnten Einzahler sicher sein, dass sie das Geld für die Weihnachtsgeschenke nicht vorzeitig verprassten.

Für die Altersvorsorge ist ein solcher Christmas Club zwar keine gute Idee, da die dort eingezahlten Gelder nicht verzinst wurden. Aber vom Prinzip her ist die Idee richtig: Man schließt sein Geld weg und bittet den Vermögensverwalter, erst beim Erreichen des Ruhestandes die Truhe zu öffnen.

Eigenheim: Vorteil mit Nachteilen

Manche Autoren raten aus dieser Perspektive zu einem Haus als Altersvorsorge. Aus der Sicht der modernen Portfoliotheorie und der Finanzwissenschaften ist das für die meisten Menschen keine kluge Idee: Wer sein gesamtes Vermögen nur in ein Vermögensobjekt - das Haus - steckt, geht enorme Risiken ein. Zudem ist ein Haus eine sehr illiquide Vermögensanlage. Aber ein Haus hat vor dem Hintergrund der Altersvorsorgeschwäche einen Vorzug: Es lässt sich nicht ohne weiteres versilbern.

Eine weitere Hilfe im Kampf gegen die Altersvorsorgeschwäche sind Automatismen: Wer nicht jedes Jahr von neuem entscheidet, was er mit dem Weihnachtsgeld, dem Bonus oder dem Urlaubsgeld machen soll, sondern diese Extrazahlungen konsequent auf ein Altersvorsorgekonto einzahlt, wird dies viele Jahre später zu schätzen wissen.

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