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Behavioral Finance (1) Dem Anleger in den Kopf geschaut

Menschen neigen zu typischen Fehlern an der Börse. Deswegen sind die Kapitalmärkte auch nicht vollkommen rational. Mit diesem Beitrag beginnt eine Serie über „Behavioral Finance“.

© AP Vergrößern Ein Hort der Rationalität?

Um halb elf war die Börse von blinder, hoffnungsloser Angst erfüllt, der Aktienmarkt an der Wall Street hatte sich in ein wildes Gebalge verwandelt. Vor der Börse sammelte sich eine Menschenmenge an, vor den Filialen der Börsenmaklerfirmen bildeten sich Menschentrauben. Aktien wurden für ein Butterbrot verkauft. Eine Selbstmordwelle hing in der Luft. Um die Wall Street drängten sich schätzungsweise 10.000 Menschen, Zeitungsjungen liefen durch die Straßen und priesen ihre Blätter mit den Worten an: „Lest und weint!“

Wer diese Augenzeugenberichte vom großen Börsenkrach des Jahres 1929 liest, kann sich schwer vorstellen, dass die Börse ein Hort der Rationalität, der kühlen Köpfe und der knallharten Kalkulation ist.

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Zweifelhaftes Selbstbild

Und doch ist dies das Bild der Kapitalmärkte, wie sie die vorherrschende Kapitalmarkttheorie sieht. Investoren bewerten nüchtern Risiko und Rendite einer Aktie, nutzen alle vorhandenen Informationen und sorgen mittels Arbitrage dafür, dass sich die Marktpreise kaum von ihrem wahren, fundamentalen Wert entfernen können.

Abweichungen der Marktpreise von ihrem fundamentalen Wert können nach dieser Lesart zwar durch unvorhergesehene Ereignisse, asymmetrisch verteilte Informationen, hohe Transaktionskosten oder einzelne übernervöse Anleger entstehen, sind aber nicht bestimmend für das Geschehen an den Kapitalmärkten. Unter dem Strich, so die herrschende Lehre, sind Kapitalmärkte rational und effizient. Zu dumm für die Anleger des Jahres 1929, dass die Märkte damals offenbar diese Theorie nicht kannten.

Der Fehler als System

Doch nicht alle Finanzmarktexperten teilen die Auffassung von den rationalen, effizienten Märkten, und die Zahl der Ökonomen, die sich damit beschäftigen, wächst. Ihr Gegenentwurf beruht auf der Idee, dass Menschen und damit Märkte nicht immer rational sind, und versucht die Erkenntnisse der Psychologie auf die Finanzmärkte anzuwenden - man will dem Anleger also in den Kopf schauen.

Das große Postulat dieser verhaltenswissenschaftlichen Finanzmarkttheorie (“Behavioral Finance“) ist, dass Menschen aufgrund ihrer beschränkten Informationsverarbeitungskapazitäten Fehler machen, die sich auch in den Marktergebnissen zeigen. Wichtig dabei ist die Betonung, dass diese Fehler systematischer Natur sind - nach der herrschenden Finanzmarkttheorie kann es durchaus passieren, dass Menschen Fehler machen, aber diese Fehler sind nicht systematischer Natur und gehen in der Menge der richtigen Entscheidungen der anderen Marktteilnehmer unter.

Die „Behavioral Finance“ hingegen glaubt, dass manche - irrationalen - Verhaltensweisen systematischer Natur sind; das würde bedeuten, dass mehr oder weniger alle Anleger die gleichen Fehler begehen und damit auch die Finanzmärkte ihren Nimbus als Rationalitätsmaschinen verlieren. Es geht hier also im Grunde genommen um nichts weniger als einen Paradigmenwechsel in der Finanztheorie.

Was ist mental beherrschbar?

Nun reicht der Verweis auf Ereignisse wie den großen Börsenkrach des Jahres 1929 oder die New-Economy-Hysterie nicht, um den Beweis anzutreten, dass Finanzmärkte zu irrationalem Verhalten neigen können. In den vergangenen Jahren hat es zahlreiche Studien und Experimente gegeben, mit denen man dem systematischen Fehlverhalten der Anleger auf die Schliche kommen will.

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