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Bankenregulierung Wie Banken Risiken handhaben sollten

16.09.2009 ·  Alleine können sie es nicht. Es bedarf einer Aufsicht mit Zugang zu Unternehmensdaten auf Mikroebene, um das Ausmaß systemweiter Risiken besser erkennen und Problempunkte identifizieren zu können.

Von David Bogoslaw
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Anlässlich des Jahrestages der Insolvenz von Lehman Brothers forderte Präsident Obama die Wall-Street-Akteure zu einer grundsätzlichen Verhaltensänderung auf. „Anstatt die Lehren aus dem Lehman-Vorfall und der Krise zu ziehen, von der wir uns noch immer erholen, ziehen sie es vor, diese zu ignorieren“, sagte er am 14. September in einer Rede in New York.

Teil seines ehrgeizigen Plans zur Reform des Finanzsystems ist ein neuer „Rat für Finanzaufsicht“, um aufkeimende Systemrisiken zu identifizieren und die Koordination zwischen verschiedenen Behörden wie der Zentralbank (Fed), der Börsenaufsicht (SEC) und dem staatlichen Einlagensicherungsfonds (FDIC) zu verbessern.

Gefragt ist der ganzheitliche Risikoansatz

Der Lehman-Kollaps und die hierdurch ausgelöste weltweite Kreditkrise machte klar, dass ein Risikomanagement auf Ebene der einzelnen Banken allein nicht ausreicht. Risiken müssen systemweit überwacht werden, wobei auch die Konzentration der Spekulation als solcher in bestimmten Vermögenswerten zu berücksichtigen ist, die häufig zu Marktblasen führt. Banken müssen ermitteln, in welchem Umfang sie an anderen Märkten engagiert sind, die beim Platzen von Blasen in eine Abwärtsspirale geraten könnten.

Mit einem ganzheitlicheren Risikoansatz könnten sich Finanzinstitute besser darauf konzentrieren, welche Arten von Risken in welchen Bereichen aufträten und inwieweit einzelne Risikoarten möglicherweise Einfluss auf andere nähmen, sagt Rob Mochwart, Risikoberater und ehemaliger Leiter des Risiko- und Kreditmanagements einer zwischenzeitlich erloschenen Tochtergesellschaft des Finanzkonzerns Popular.

Kleinere Börsenmakler würden ihre Risikoanalysen traditionell auf sehr große Kunden mit Kreditkonten beschränken, bei denen im Falle einbrechender Vermögenspreise ein Kollaps der Konten drohe, sagt Gregg Berman, Leiter des Risikomanagements bei der New Yorker Beratungsgesellschaft Riskmetrics. Nach den Turbulenzen des vergangenen Jahres gingen die Makler inzwischen jedoch vorausschauender vor, indem sie nun analysierten, in welchem Ausmaß ihre Kunden den Risiken eines bestimmten Unternehmens oder einer bestimmten Branche ausgesetzt seien.

Risiko verstehen, nicht Entwicklungen prognostizieren

„Bei einer großen Anzahl von Konten ist diese Detailtiefe zwar eine Herausforderung, entwickelt sich jedoch zu einem wesentlichen Bestandteil der Geschäftspraxis, so dass sich im Voraus erkennen lässt, welcher Teil der Kunden in welchem Umfang einem bestimmten Unternehmen, einer bestimmten Risikokategorie, einem bestimmten Abschnitt der Renditekurve oder einem bestimmten Sektor ausgesetzt ist“, so Berman. „Wenn viele Kunden am kurzen Ende der Renditekurve positioniert wären und eine Versteilung der Kurve eintreten sollte, dann würde es alle meine Konten treffen.“

Um mit dieser Möglichkeit umzugehen, empfiehlt Riskmetrics, dass Unternehmen ihre Kunden mit derart konzentrierten Positionen wenigstens informieren und eine Neuausrichtung ihrer Positionen oder eine Absicherung ihrer bestehenden Engagements vorschlagen. „Der erste Schritt eines jeden Risikomanagementprogramms besteht darin, zu verstehen, was mit Ihrem Portfolio geschehen kann und nicht darin, zu prognostizieren, was geschehen wird“, so Berman.

Schuld ist die Nachlässigkeit, nicht das Modell

Hedge-Fonds hätten ihre Lehren aus dem raschen Versiegen ihrer Finanzierungsquellen infolge des Kreditvergabestopps der Investmentbanken im vergangenen Jahr gezogen; ihre Finanzierung würden sie seither auf mehrere erstklassige Investmenthäuser verteilen und sich auf Handelsaktivitäten konzentrieren, die weniger stark finanzierungsabhängig seien, sagt Berman.

Risikoexperte Rick Bookstaber sagte in seinem 2007 veröffentlichten Buch „A Demon of Our Own Design“ (2008 in deutscher Übersetzung unter dem Titel „Teufelskreis der Finanzmärkte: Märkte, Hedgefonds und die Risiken von Finanzinnovationen“ erschienen) die Kreditkrise voraus und sieht die Verantwortung dafür vor allem Bei Fehlern im Risikomanagement der Banken und weniger in der Verwendung fehlerhafter Risikomodelle. „Wenn man keine Risikomanager hat, die Positionen durchleuchten, Risiken verstehen und diese auch kommunizieren können, oder keine Unternehmensführung, die [auf Daten hin] zu handeln bereit ist, dann ist es gleichgültig, welche Risikomodelle man einsetzt“, sagt er.

Der fatale Informationsvorsprung

Um die Auswirkungen systemweiter Risiken zu verringern, könnten einzelne Unternehmen nicht sehr viel mehr tun, als ihre Due-Diligence-Verfahren zu stärken und bei der Wahl von Gegenparteien umsichtiger vorzugehen, sagt Risikoberater Mochwart.
Für eine Aufsicht zur Überwachung systemweiter Risiken spreche auch die Wall-Street-Kultur. Einer der Gründe für die zeitliche Verzögerung zwischen der Kreation von Finanzinnovationen und der Einführung geeigneter Risikostrategien sei die mangelnde Bereitschaft von Händlern, die als Vorsprung betrachteten Informationen mit anderen Akteuren - mitunter sogar innerhalb desselben Unternehmens - auszutauschen, sagt Ted Hong, Berater für Hypothekenverbriefungen und Chef der New Yorker Finanzberatungsgesellschaft Beyondbond. Da das Risikomanagement für Banken eine Kostenstelle und kein selbstständiger organisatorischer Teilbereich sei, werde ihm nicht der gebührende Respekt gezollt.

Der deutlichste Fortschritt im Management von Risiken zeigt sich bei Derivaten, beispielsweise den Kreditausfallswaps (CDS). Die Risikokonzentration, die den einst weltgrößten Versicherer AIG an den Rand der Insolvenz führte und erhebliche staatliche Mittel zur Abwendung eines Zusammenbruchs erforderte, liefert ein überzeugendes Argument dafür, den unreguliert und außerbörslich stattfindenden CDS-Handel fortan über zentrale Clearing-Stellen abzuwickeln, die Käufern wie Verkäufern als Gegenpartei dienen und das Kontrahentenrisiko drastisch verringern.

Am 10. September einigten sich J.P. MorganChase und 14 andere Swap-Händler darauf, größere Volumina ihrer Transaktionen an Clearing-Stellen zu verteilen. Die für den Börsenhandel erforderliche Standardisierung der Swaps würde zudem die Liquidität auf den Swap-Märkten erhöhen. Bei der Einrichtung zentraler Clearing-Plattformen für diese Transaktionen stehen die CME Group und die Rohstoffbörse Intercontinental Exchange an vorderster Front. Daneben gibt es Pläne, höhere Kapitalkosten von jenen Händlern zu verlangen, die weiterhin auf einer außerbörslichen Abwicklung kundenspezifischer Swaps bestehen.

Rückforderung von Bonuszahlungen

Darüber hinaus sind Bemühungen zur Beschränkung der Vergütung von Bankmanagern im Gange, um riskante Geschäftspraktiken einzudämmen. Finanzminister und Notenbankchefs der 20 führenden Industrie- und Schwellenländer fordern internationale Standards, zu denen längerfristig angelegte Anreizsysteme und die Rückforderung von Bonuszahlungen zählen, wenn einem Unternehmen durch Handelsstrategien Verluste entstehen. In seiner Rede teilte Obama den Wall-Street-Akteuren mit, dass die Aktionäre ab diesem Jahr über die Höhe der Bonuszahlungen für Manager abstimmen sollten.

Die hochrangige internationale Expertenkommission „Group of Thirty“, deren Lenkungsausschuss für eine Finanzmarktreform von Paul Volcker geleitet wird, fordert, die Rolle der Aufsichtsorgane von Unternehmen durch unabhängige Mitglieder zu stärken, die im Bereich der Finanzindustrie und des Risikomanagements über entsprechende Kenntnisse und fachliche Erfahrungen verfügen müssen.

Finanzprodukte mit Strichcodes

Für Rick Bookstaber beginnt Risikomanagement mit der Identifizierung der Vermögenswerte und der gehebelten Positionen großer Marktteilnehmer. Ein entscheidender Schritt in Richtung einer veränderten Vorgehensweise beim Management systemischer Risiken wäre eine Aufsicht mit Zugang zu Unternehmensdaten auf Mikroebene, um besser nachvollziehen zu können, welchem Gesamtrisiko Banken und Hedge-Fonds ausgesetzt sind.

Durch Zusammenführung dieser Informationen ließen sich „Problempunkte und Anhäufungen von Risikofaktoren“ identifizieren. Bookstaber schlägt vor, die Konzentration von Investoren in bestimmten Vermögenswerten oder Strategien zu überwachen, indem Finanzprodukte mit Strichcodes versehen werden, ähnlich jenen, die von der Gesundheitsbehörde FDA verwendet werden, um kontaminierte Produkte bis in die Verkaufsregale zurückzuverfolgen.

Liquiditätsgebühren

Bookstaber regt ferner an, eine Liquiditätsgebühr auf Vermögenswerte zu erheben, die sich zu lange in den Büchern der Banken befinden. Hierdurch würden Bestände schneller auf den Markt gelangen und mit einem entsprechenden Preis versehen. Hätte eine solche Gebühr in den Jahren 2005 und 2006 existiert, hätte die Krise des vergangenen Jahres eventuell verhindert werden können, behauptet Bookstaber.

Die vom amerikanischen Finanzministerium, von der Group of Thirty, vom Londoner Centre for Economic Policy Research und anderen Organisationen unterbreiteten Vorschläge für eine verbesserte Risikoaufsicht betonen, dass es Aufgabe der Aufsichtsbehörden sei, für Regelungen zu sorgen, die Finanzunternehmen entmutigen, in Zukunft übermäßige Risiken einzugehen. Im Mittelpunkt ihrer Vorschläge stehen höhere Kapitalvorschriften und die Erfordernis längerfristiger Refinanzierungsquellen zur Vermeidung von Liquiditätskrisen sowie verbesserte Standards bei der Liquiditätsausstattung und der Offenlegung von Risiken.

Im Rahmen der vom amerikanischen Finanzministerium vorgeschlagenen Grundprinzipien zur Stärkung der Kapital- und Liquiditätsanforderungen internationaler Finanzinstitute wird empfohlen, die risikobasierten Kapitalvorschriften auf dem relativen Risiko der von einer Bank eingegangenen Engagements aufzubauen. Zudem müssten die risikobasierten Kapitalquoten die aktuelle Finanzlage eines Unternehmen besser widerspiegeln. Geht es nach den Wünschen von Finanzminister Timothy Geithner, dann sollten sich die G-20-Staaten bis Ende 2010 auf neue Vorschriften zur Kapitalausstattung einigen und diese bis Ende 2012 umsetzen.

Eine Einheitslösung ist nicht möglich

Die Lösung des systemischen Risikos liege allerdings nicht in mehr Kapital, sondern in einer Verhaltensänderung der Finanzinstitute, behauptet Avinash Persaud, Vorsitzender der Warwick Commission on Financial Regulation. „Eine sichere Lösung für ein Unternehmen dürfte nicht ausreichen, wenn sie nicht für alle Unternehmen gleichzeitig verbindlich sei“, schrieb er im Vorwort des im Juli veröffentlichten Geneva Report on the World Economy, „Fundamental Principles for Financial Regulation“.

„Wir müssen die Kapitalvorschriften nutzen, um Risiken dorthin zu lenken, wo ausreichende Kapazitäten dafür vorhanden sind. Dort, wo es für Risiken keine angemessenen Kapazitäten gibt, sollten höhere Kapitalvorschriften gelten, während dort, wo Risiken auf ausreichende Kapazitäten treffen, geringere Kapitalvorschriften gelten sollten.“

Er gibt ferner zu bedenken, dass die „Vereinheitlichung des Verhaltens zugunsten gleicher Wettbewerbsbedingungen, Gleichbehandlung oder Transparenz systemische Kosten mit sich bringt, die es mit den einhergehenden Vorteilen abzuwägen gilt.“
Eine Prämisse für den vorgeschlagenen aufsichtsrechtlichen Rahmen ist eine striktere Durchsetzung von Regelungen während Boomphasen, ein nachsichtigeres Verhalten in Krisenzeiten und eine Abkehr von der traditionellen Politik der „wohlwollenden Vernachlässigung“ im Zusammenhang mit Marktblasen.

Refinanzierbarkeit als Bewertungsgrundlage

Im Geneva Report wird ein neuer Rechnungslegungsstandard vorgeschlagen, der die Verwendung von Marktwerten für die bilanzielle Bewertung ersetzen soll. In Krisenphasen wird diese Marktbewertung nutzlos, da sie den Wert von Vermögenswerten auf Notverkaufsniveau zusammenfaltet. Der neue Bilanzierungsansatz „Mark-to-Funding“ würde die Bewertung von Risikopositionen in der Bilanz davon abhängig machen, ob die Positionen kurz-, mittel- oder langfristig refinanziert sind. Sobald langfristige Vermögenswerte kurz- statt langfristig refinanziert werden, müssen höhere Kapitalkosten entrichtet werden. Hierdurch würden die Aufsichtsbehörden Finanzinstitute zu längerfristigen Refinanzierungsformen ermutigen, anstatt kurzfristige Refinanzierungsmöglichkeiten zu nutzen, die mit einem systemischen Risiko einhergehen.

Bei Bear Stearns und Lehman Brothers war gerade die kurzfristige Refinanzierung ein entscheidender Faktor. Für den Ausbruch einer Liquiditätskrise reiche es bereits aus, wenn die Refinanzierung an einem einzigen Tag oder in einer einzigen Woche nicht gewährleistet werden könne, sagt Bookstaber.

Informationsaustausch zwischen Aufsichtsbehörden unabdingbar

Das Bewusstsein für systemisches Risiko reicht mindestens bis in Jahr 1980 zurück, als das Platzen der Silberblase zu einem Einbruch bei Rinder-Terminkontrakten führte, nachdem die Hunt-Familie ihre Rinderherden verkaufen musste, um die immer höheren Nachschusspflichten auf ihre Silberpositionen zu erfüllen.

Im Jahr 1998 kollabierte der Hedgefond LTCM, als russische Kreditausfälle auf dänische Hypothekenwerte übergriffen. Die Frage ist also berechtigt, ob die jüngste Finanzkrise zur einer grundlegenden und nachhaltigen Verhaltensänderung der Großbanken führen werde.

Um die nächste Krise zu vermeiden, sei mehr als das bloße Zusammentragen relevanter Daten erforderlich; es komme vor allem auf eine geeignete „Informationsarchitektur“ an, die es den einzelnen politischen Akteuren ermögliche, die Spätfolgen ihrer am Anfang der Prozesskette getroffenen Einscheidungen auf das gesamtwirtschaftliche System nachvollziehen zu können, sagt Steven Adler, Vorsitzender des IBM Data Governance Council, der an Standards für das Risikomanagement und die Risikoberichterstattung von morgen arbeitet.

So seien etwa der Fed bereits im Jahr 2006 die zusehends laxeren Kreditvergabestandards bekannt gewesen, sie habe jedoch nicht vorhersehen können, wie daraus der Giftmüll hypothekarisch gesicherter und strukturierter Wertpapiere entstehen würde, der das gesamte Finanzsystem verseuchen sollte, sagt er.
Die Finanzaufsichtsbehörden sollten lernen, Informationen untereinander auszutauschen, wie es auch die Nachrichtendienste nach den Terroranschlägen vom 11. September getan hätten, so Adler. Hierbei sei jedoch von entscheidender Bedeutung, auch Experten mit abweichenden Meinungen einzubinden, etwa Nouriel Roubini, Professor an der New York University. Der von Obama geplante Rat für Finanzaufsicht ist ein Schritt in die richtige Richtung.

David Bogoslaw ist Reporter für den Business Week Investing Channel.

Quelle: BusinessWeek Online
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