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Automatisierte Finanzberatung : Wenn der Algorithmus das Vermögen verwaltet

Berater der Zukunft: Banken-Apps. Bild: Wolfgang Eilmes

Gut ein Dutzend Anbieter automatisierter Finanzberatung buhlt um Kunden. Bisher lässt sich aber nur eine kleine Zielgruppe von dem Modell überzeugen.

          Unter den Investoren ist Goldgräberstimmung ausgebrochen. Wer ein einigermaßen tragfähiges Modell zur digitalen Vermögensverwaltung bietet, findet derzeit viele Kapitalgeber. So erging es dem Frankfurter Fintech Ginmon, das kürzlich einen siebenstelligen Eurobetrag in einer internationalen Finanzierungsrunde eingesammelt hat, die vierfach überzeichnet war.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Damit soll die digitale Plattform so verbessert werden, dass auch andere Finanzdienstleister darauf zugreifen können. Außerdem will Gründer Lars Reiner die Internationalisierung vorantreiben. „In Banken bekommen Kunden oft nur Verkaufsgespräche statt einer Beratung. Hinzu kommt der Niedrigzins. Unser Modell stößt auf Interesse“, beschreibt der Ginmon-Geschäftsführer die derzeitige Lage.

          Als er noch Mitarbeiter der Deutschen Bank war, baten ihn viele Bekannte, ihre Geldanlage zu strukturieren. Dabei merkte er, dass sich diese Prozesse leicht automatisieren ließen. Einen regelmäßigen Erfolgscheck aber konnte er nicht erfüllen. Die digitale Technik und der Einsatz mathematischer Entscheidungsregeln (Algorithmen) ermöglichen es aber, eine kostengünstige Geldanlage auf Basis von Indexfonds (ETF) zu automatisieren.

          Umkämpfte Branche

          Herausgekommen ist seine Plattform, an die sich derzeit vor allem Profis wenden, die Interesse an ETFs haben. Eine vierstellige Kundenzahl hat sich angesammelt, ein zweistelliges Millionen- Euro-Volumen verwaltet er so. Ginmon streitet mit rund einem Dutzend Anbietern um Kunden. Als eines der ersten war das Digitalangebot der auf Honorarberatung setzenden Quirin-Bank Quirion auf dem Markt. Easyfolio*, Scalable und Whitebox, das Union-Investment-Angebot Visual Vest, Cashboard und Vaamo sind weitere Anbieter. „Die Jungentrepreneure bieten ihren Kunden somit einen Zugang zur professionellen Vermögensverwaltung, der für traditionelle Anbieter häufig nicht rentabel war/ist“, heißt es in einem aktuellen Marktkommentar der Deutschen Bank.

          Die Digitalisierung verbillige die Angebote. „Selbst ein Kunde mit weniger als 5000 Euro Vermögen wird profitabel. Deshalb werden Banken merken, dass es attraktiv ist für einen Kundenstamm, den sie sonst nicht bedienen könnten“, sagt Oliver Vins, Mitgründer und Mitgeschäftsführer von Vaamo.

          In diesem Zuge könnten auch die Start-ups profitieren, weil es die Aufmerksamkeit für ihr Tun steigern dürfte. Die Beratungsgesellschaft Oliver Wyman schätzt das derzeit durch Robo-Advisor verwaltete Vermögen auf der Welt auf 30 Milliarden Dollar. Da die Entwicklung in den Vereinigten Staaten etwa ein halbes Jahrzehnt voraus ist, dürfte der größte Anteil dort liegen. Bis 2020 könnte sich das Volumen auf eine halbe Billion Dollar steigern, davon die Hälfte in Amerika, so die Berater. In Deutschland könne der Markt auf bis 30 Milliarden Euro wachsen.

          Automatische Optimierung

          „Unsere Kunden sind zu smart, in eine Bank zu gehen, und zu beschäftigt, sich selbst um die Vermögensverwaltung zu kümmern“, sagt Erik Podzuweit, Mitgründer und Co-Geschäftsführer des Anbieters Scalable Capital, der in dieser Woche als erster rein digitaler Vermögensverwalter in den Verband unabhängiger Vermögensverwalter aufgenommen wurde. Voraussetzung dafür: Das von dem Münchener Finanzprofessor Stefan Mittnik mitgegründete Unternehmen hat als eines der wenigen eine Bafin-Lizenz und tritt nicht als Anlagevermittler, sondern als Vermögensverwalter auf.

          Robo-Advisor sparten viele Kostentreiber der klassischen Geldanlage ein, argumentiert Podzuweit. 0,75 Prozent der Anlagesumme nimmt sein Unternehmen jährlich als Verwaltungsgebühr. Ein Algorithmus bewertet täglich, ob das Portfolio noch zu den Anlagezielen passt. Auch bei Wettbewerbern ist das „Re-Balancing“ des Portfolios ein wichtiges Element. „Dazu kommt die Steueroptimierung. Der Kunde kann Gewinne so nutzen, dass sein Freibetrag optimal ausgeschöpft ist“, sagt Ginmon-Gründer Reiner.

          Doch Verbraucherschützer machen auch schon Tücken der Modelle aus. „Komplett überzeugen konnte uns kein einziges Portal“, fasste Öko-Test vor zwei Monaten sein Testergebnis zusammen. Viele Robo-Advisor versuchten aufsichtsrechtliche Vorgaben zu umgehen, indem sie Anlagevorschläge machten, sich aber der Haftung entzögen.

          Einige Anbieter böten auch kein Beratungsprotokoll als Ergebnis des digitalen Prozesses an. „Das erschwert die Beweisführung bei möglichen Konflikten“, monierte Öko-Test. Immerhin seien alle zwölf untersuchten Anbieter transparent, was ihre Kosten betreffe - und tatsächlich seien sie mit bis zu 1,4 Prozent vom Anlagevolumen günstiger als klassische Vermögensverwalter, die bis zu 2 Prozent für ihre Dienstleistung kalkulierten.

          Noch ist das Thema nicht bei der breiten Masse angekommen. Akademiker, oft Banker, und Menschen, die beruflich mit Zahlen zu tun hätten, landeten bei ihm, sagt Scalable-Capital-Geschäftsführer Podzuweit. Für die geringe Zahl der Kunden gebe es schon reichlich Anbieter, glaubt Uwe Zimmer, Vorstand der Niiio Finance Group in Köln. „Sehr viele Finanzdienstleistungsinstitute werden gezwungen sein, ihre Angebote zu digitalisieren“, sagt er. Der langjährige Vermögensverwalter sieht größere Chancen als Bereitsteller von Software für andere Anbieter. Auch deshalb hat sein Wettbewerber Ginmon Investoren angezapft. Denn auch er will seine Plattform öffnen.

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