12.09.2006 · Jean-Dominique Bütikofer und Mark Rall, Fondsmanager bei der Schweizer Privatbank UBP, im FAZ.NET-Interview über Schwellenländer-Anleihen, ihre Renditeerwartungen und die Frage, ob sich Privatanleger noch in diese Anlageklasse trauen sollten.
Gemeinsam haben Jean-Dominique Bütikofer und Mark Rall etwa 20 Jahre Erfahrung mit Schwellenländer-Anleihen. Von 2003 bis vor wenigen Monaten arbeiteten sie gemeinsam bei Julius Bär, dann warb die Union Bancaire Privée (UBP), eine Schweizer Privatbank, das Team ab.
Ihre vier im Februar aufgelegten Fonds sind inzwischen auch in Deutschland zum Vetrieb zugelassen und haben bisher rund 700 Millionen Franken eingesammelt. Der „UBAM Local Currency Emerging Market Bond EUR“ (Isin LU0244148689) investiert in Lokalwährungsanleihen, der „UBAM Emerging Market Bond EUR“ (Isin LU0244147871) in Hartwährungsanleihen. Analog dazu sind zwei in Dollar denominierte Tranchen erhältlich. An Gebühren fallen jährlich 1,5 Prozent an, der Ausgabeaufschlag beträgt 5,25 Prozent.
Im Gespräch mit FAZ.NET äußern sich Bütikofer und Rall zum Markt für Schwellenländer-Anleihen, ihre Renditeerwartungen und die Frage, ob sich Privatanleger noch in diese Anlageklasse trauen sollten.
Herr Bütikofer, Herr Rall, wer in Schwellenländer-Anleihen investiert war, hat vor wenigen Monaten richtig viel Geld verloren. Können Sie diese Anlageklasse noch mit guten Gewissen empfehlen?
Rall: Viel Geld verloren hat, wer schlecht diversifiziert war. Sowohl unsere Fonds als auch die Referenzindizes haben die Verluste vom Mai und Juni mittlerweile fast wieder wettgemacht. Bei den Hartwährungsanleihen befinden wir uns sogar auf neuen Höchstständen. Wir haben eine langfristige Perspektive, und da sind die Schwellenländer nach wie vor sehr attraktiv. Wer eine hohe Rendite will, muß aber auch Kursschwankungen aushalten können.
Warum sind Schwellenländer für Investoren so interessant?
Bütikofer: Die Länder haben einfach ein riesiges Aufholpotential. 85 Prozent der Weltbevölkerung lebt in Emerging Markets, ihr Anteil am Bruttoinlandsprodukt macht aber erst etwa 22 Prozent aus. Der Internationale Währungsfonds prognostiziert für dieses und das kommende Jahr zum Beispiel Wachstumsraten von mehr als sechs Prozent, die Industrieländer kommen nur auf rund drei Prozent.
Das Wirtschaftswachstum steigert nicht nur den Wohlstand, sondern treibt auch die Kurse der Anleihen?
Bütikofer: Genau. Die Bonität steigt, die stabilere Geldpolitik sorgt für Zinskonvergenz, die steigende Produktivität läßt die Währung aufwerten.
In letzter Zeit haben vor allem die hohen Rohstoffpreise dafür gesorgt, daß die Währungen aufgewertet haben und viele Schwellenländer Schulden abbauen konnten.
Bütikofer: Klar, in der starken Abhängigkeit von einzelnen Sektoren oder Rohstoffen liegen Risiken. Nicht vergessen dürfen Sie auch die krisenanfälligen und weniger ausgereiften politischen und juristischen Systeme. Oder denken Sie an das höhere Wohlstandsgefälle. Wenn das Volk nicht vom Wachstum profitiert, wählt es links - also weniger wirtschaftsfreundlich. Das zeigt das Beispiel Südamerika.
Das alles spricht nicht unbedingt für Schwellenländer-Anleihen.
Rall: Bei isolierter Betrachtung bergen die Emerging Market Bonds tatsächlich hohe Risiken. Im Portfoliokontext sieht das ganz anders aus. Schwellenländer-Anleihen haben in der Vergangenheit hohe Renditen abgeworfen, auf Sicht von zwölf Jahren liegen diese übrigens deutlich über denen von Aktien aus diesen Ländern.
Ist der Boom nicht nur zyklischer Natur?
Rall: Einiges spricht dafür, vieles dagegen. Sie haben die hohen Rohstoffpreise schon genannt. Auch die ungewöhnlich hohe Liquidität hat die Kurse getrieben. Das sind sicher zyklische Faktoren. Aber es gibt auch handfeste strukturelle Verbesserungen: Die Wechselkursregime sind flexibler geworden, die meisten Zentralbanken agieren unabhängig, auch bei Inflationsbekämpfung und Schuldenmanagement kommen die Schwellenländer voran. Außerdem steigt im Zuge der Globalisierung der Handel der Schwellenländer untereinander.
Ein Argument für Schwellenländer-Anleihen lautet immer, daß ihre Korrelation mit anderen Anlageklassen gering ist. Zeigt die jüngste Korrektur nicht gerade, daß das nicht mehr der Fall ist?
Bütikofer: Das ist ein kurzfristiges Phänomen. Langfristig eignen sich die Emerging Market Bonds wirklich, um das Risiko im Portfolio zu streuen. Auffällig ist vor allem die sehr geringe Korrelation dieser Bonds mit Anleihen aus den etablierten Industrieländern. Übrigens ist auch die Korrelation zwischen Hartwährungsanleihen und Lokalwährungsanleihen aus Schwellenländern nicht sehr hoch, was eine zusätzliche Diversifikation ermöglicht.
Warum haben Sie überhaupt unterschiedliche Fonds aufgelegt - einen für Hartwährungs- und einen für Lokalwährungsanleihen?
Bütikofer: Wenn Sie als Anleger auf ein Schwellenland blicken, stellen Sie fest, daß es in verschiedenen Entwicklungsphasen andere Anleihen auf den Markt bringt. In einer frühen Phase wird es Staatsanleihen in Dollar oder Euro begeben, die einen hohen Renditevorsprung bieten, denn andere Papiere würden die Investoren nicht zeichnen. Hier setzen Anleger darauf, von einer steigenden Kreditqualität zu partizipieren.
Und auf dem Weg zum Industrieland nimmt der Anteil der Lokalwährungsanleihen zu?
Rall: Genau. Das Beispiel Mexiko zeigt das schön: Noch vor zehn Jahren konnte Mexiko gerade einmal Lokalwährungsanleihen mit einer Laufzeit von einem Jahr begeben. Heute ist das Vertrauen der Investoren wieder so groß, daß es 20jährige und bald auch 30jährige Papiere gibt. Bei Lokalwährungsanleihen versucht der Anleger, von der Zins- und Währungskonvergenz zu profitieren.
Ist Mexiko schon so weit?
Bütikofer: Ja. Mexikos Hartwährungsanleihen bieten inzwischen kaum noch einen Renditevorsprung vor amerikanischen Staatsanleihen. Das ist mit ein Grund dafür, weshalb wir derzeit keine Hartwährungsanleihen aus Mexiko im Portfolio haben. Bei den Hartwährungsanleihen setzen wir den Fokus auf Länder, die auf ihrem Weg hin zum Industrieland noch nicht so weit vorangekommen sind, zum Beispiel Serbien oder Costa Rica. Bei Lokalwährungsanleihen dagegen spielt die Währungsaufwertung eine immer größere Rolle.
Soll der Privatanleger denn besser auf Hartwährungs- oder auf Lokalwährungsanleihen setzen?
Rall: Am besten auf beides. Wir sind davon überzeugt, daß eine Kombination aus beiden Fonds das Rendite-Risikoprofil verbessert.
Dann könnten Sie beide Anlageklassen doch gleich in einem Fonds vereinen.
Rall: Wir wollen dem Anleger die Freiheit geben, selbst zu entscheiden, wie stark er welchen Anleihen-Typ gewichten möchte. Einige werden schon Hartwährungsanleihen im Portfolio haben, die wollen von uns vielleicht nur noch die Lokalwährungsanleihen.
Wie sehen Sie die Märkte in den kommenden Monaten?
Bütikofer: Der Markt für Hartwährungsanleihen ist im Moment fair bewertet, die Risikoprämien sind also nicht zu hoch oder zu niedrig. Größere Zahlungsausfälle erwarten wir nicht. Wir rechnen vielmehr damit, daß die Rating-Heraufstufungen weiterhin die Herabstufungen übersteigen werden. Außerdem stützen technische Faktoren den Markt: Die Nachfrage übersteigt das Angebot an neuen Anleihen. Der Finanzierungsbedarf für 2006 ist lange gedeckt, viele Länder finanzieren schon 2007 vor.
Bereitet Ihnen das nachlassende Angebot keine Sorgen? Rußland zum Beispiel löst ja eifrig seine Schulden ab, neue Anleihen sind da nicht so schnell zu erwarten.
Bütikofer: Nein, im Grunde genommen ist das eine positive Entwicklung. Das Kapital fließt künftig direkt dorthin, wo es benötigt wird: In die privaten oder halbstaatlichen Unternehmen. Der Bedarf an neuem Geld ist ja nach wie vor gegeben.
In welchen Ländern sind Sie bei Hartwährungsanleihen übergewichtet?
Bütikofer: Argentinien, Uruguay, Kolumbien, Costa Rica, Serbien, Pakistan und Rußland haben wir übergewichtet. Kein Geld haben wir dagegen in Hartwährungsanleihen aus Mexiko, Venezuela, Peru und den Philippinen investiert.
Rall: Bei den Lokalwährungsanleihen warten wie derzeit noch etwas ab. In dieser Region bleibt die Realverzinsung eher niedrig. Sie bleibt untergewichtet, solange nicht der chinesische Yuan flexibilisiert wird und sich der Yen erholt. Ausnahmen sind Korea, Taiwan und Indonesien - dort sind wir übergewichtet. In Osteuropa wirkt die wirtschaftliche Erholung der Eurozone stimulierend, aber die politischen Entwicklungen bereiten uns eher Sorgen. Rußland, Kasachstan und Rumänien halten wir übergewichtet. Untergewichtet sind wir in Ungarn, Tschechien und der Slowakei.
Fehlt die Türkei nicht auf der Liste der untergewichteten Länder?
Rall: Die dortigen Lokalwährungsanleihen halten wir inzwischen wieder neutral gewichtet. Die Zentralbank hat sehr gut und sehr deutlich auf die jüngste Krise reagiert und konnte die Inflationserwartungen bremsen. Darum haben wir dort wieder Positionen aufgebaut.
Wagen Sie einen Blick in die Zukunft: Welche Rendite darf der Anleger mit Ihren Fonds erwarten?
Bütikofer: Bei einem gleichgewichteten Portfolio aus Hart- und Lokalwährungsanleihen rechnen wir in Euro gerechnet mit einer Rendite von sechs bis acht Prozent in zwölf Monaten.
Bei der Union Bancaire Privée machen Schwellenländer-Anleihen derzeit etwa zehn Prozent der betreuten Kundengelder aus. Sollten sich Privatanleger an dieser Größe orientieren?
Rall: Zehn Prozent sind schon relativ aggressiv. In einem breit diversifizierten globalen Portfolio wären acht Prozent Beimischung eine neutrale Quote.
Jean-Dominique Bütikofer sammelte erste Erfahrungen im Investmentgeschäft als Anlageberater und Händler von Emerging Markets Bonds bei der UBS. 1998 wechselte der heute 35jährige zu Julius Bär als Emerging Markets Funds Manager, von 2003 an leitete er das Emerging Markets Fixed Income Team dieser Bank. Bei der Union Bancaire Privée trägt er den Titel Head of Emerging Markets Fixed Income.
Mark Rall übernahm 1997 den Aufbau des Bereiches Emerging Markets Research Osteuropa und später des Credit Tradings der Emerging Markets-Gruppe bei der Hypo-Vereinsbank in München. Von 2003 an war er bei Julius Bär als Vice President in der Funktion eines hauptverantwortlichen Portfolio Managers für die Local Emerging Bond Funds zuständig. Bei der UBP ist der 37 Jahre alte Volkswirt Senior Emerging Markets Fixed Income Manager.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| DAX | 6.692,96 | −1,41% |
| FAZ-INDEX | 1.495,13 | −1,32% |
| TecDAX | 769,89 | −0,43% |
| MDAX | 10.249,10 | −1,04% |
| SDAX | 4.985,13 | −0,71% |
| REX | 421,06 | −0,02% |
| Eurostoxx 50 | 2.480,76 | −1,65% |
| F.A.Z. EURO INDEX | 80,01 | −1,60% |
| Dow Jones | 12.801,20 | −0,69% |
| Nasdaq 100 | 2.547,32 | −0,65% |
| S&P500 | 1.342,64 | −0,69% |
| Nikkei225 | 8.947,17 | −0,61% |
| EUR/USD | 1,3195 | −0,67% |
| Rohöl Brent Crude | 117,61 $ | −0,91% |
| Gold | 1.711,50 $ | −2,09% |
| Bund Future | 138,62 € | +1,01% |