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Anlegerverhalten Gefühlskalte Menschen sind die besseren Investoren

04.08.2005 ·  Sind gute Investoren Psychopathen? Denn um bessere Anlageentscheidungen zu treffen, bedarf es womöglich einer bestimmten Art von Gehirnschaden, wollen amerikanische Forscher herausgefunden haben.

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Anleger mit einer bestimmten Art von Gehirnschaden treffen möglicherweise bessere Anlageentscheidungen als gesunde Personen. Zu diesem Ergebnis kam ein amerikanisches Forscherteam, das in einer Studie die Wirkung von Emotionen auf das Anlageverhalten untersuchte. Die Forscher fanden heraus, daß Personen, deren Emotionen aufgrund eines Hirnschadens beeinträchtigt sind, unter bestimmten Umständen bessere Entscheidungen treffen können als Personen mit normalen Gefühlsreaktionen.

Die Studie wurde von einem Forscherteam der Carnegie Mellon University, der Stanford Graduate School of Business und der University of Iowa durchgeführt und kürzlich in der Fachzeitschrift "Psychological Science" veröffentlicht. Die Forscher untersuchten 15 hirngeschädigte Personen mit normalem Intelligenzquotienten.

Die Bereiche des Gehirns, die für Logik und rationales Handeln zuständig sind, waren bei diesen Testpersonen zudem intakt. Allerdings hatten sie Hirnverletzungen in den Bereichen, die die Gefühle kontrollieren. Das minderte ihre Fähigkeit, Angst oder Beunruhigung zu spüren. Die Verletzungen waren eine Folge von Schlaganfällen oder Krankheiten.

Gute Investoren sind Psychopathen

Die Studie kommt zum Schluß, daß der Mangel an Gefühlen den hirngeschädigten Testpersonen bei einem einfachen Anlagespiel einen Vorteil gegenüber normalen Spielern brachte. Weil ihnen die Angst abging, gingen die hirngeschädigten Spieler höhere Risiken ein - nahmen damit aber gleichzeitig auch die Chancen auf höhere Renditen wahr. Die gesunden Spieler waren dagegen vorsichtiger und hatten am Ende des Spiels weniger verdient.

Einige Neurowissenschaftler glauben, daß gute Investoren im normalen Leben möglicherweise außergewöhnlich talentiert sind, ihre emotionalen Reaktionen zu unterdrücken. "Es ist gut möglich, daß Leute, die hohe Risiken eingehen oder gute Investoren sind, eine funktionelle Persönlichkeitsstörung (Psychopathie) besitzen", sagte Antoine Bechara, Neurologieprofessor an der University of Iowa und einer der Autoren der Studie, dem "Wall Street Journal". Gute Investoren reagierten nicht emotional. Sie hätten gelernt, ihre Emotionen auf bestimmte Art und Weise zu kontrollieren, um wie die Testpersonen in der Studie zu reagieren.

Investmentbanken sind interessiert

Das Feld der sogenannten Neurowirtschaftswissenschaft (Neuroeconomics) verbindet Erkenntnisse der Neurologie, der Psychologie und der Ökonomie, um die Rolle der Biologie bei wirtschaftlichen Entscheidungen zu untersuchen. Das interdisziplinäre Feld hat bereits das Interesse der Wall Street geweckt. "Dieser Zweig der wirtschaftlichen Forschung stärkt unser Verständnis von Anlegerverhalten", sagt David Darst, Chefanlagestratege bei der Privatanlegersparte der Investmentbank Morgan Stanley. "Er beginnt unsere taktischen Entscheidungen zu beeinflussen."

In der jetzt veröffentlichten Studie ließen die Wissenschaftler die emotionsgestörten Testpersonen und die normale Kontrollgruppe ein einfaches Glücksspiel spielen. Jeder Teilnehmer erhielt 20 Dollar Wetteinsatz. Das Spiel bestand aus 20 Münzwürfen. Wenn die Spieler auf die richtige Seite der Münzen wetteten, erhielten sie 2,50 Dollar. Wenn sie den Münzwurf verloren, mußten sie einen Dollar abgeben. Die Spieler konnten auch eine Runde aussetzen, wobei sie ihren Dollar behalten durften.

Logisch betrachtet, ist es die beste Strategie, in jeder Runde auf irgendein Ergebnis zu wetten, weil das Risiko 50 zu 50 beträgt und die potentielle Rendite höher ist als der potentielle Verlust. Die gehirngeschädigten Spieler investierten in 84 Prozent aller Runden, während sich die normalen Anleger nur in 58 Prozent der Münzwürfe beteiligten. Am Ende des Spiels hatten die emotionslosen Testpersonen aus ihren 20 Dollar im Durchschnitt 25,70 Dollar gemacht. Die normalen Testpersonen kamen nur auf eine Summe von 22,80 Dollar.

Wer reagiert, verliert - nicht immer

Die Forscher führen das schwächere Ergebnis der normalen Teilnehmer auf Angst zurück. Obwohl sie wußten, daß es am vernünftigsten ist, in jeder Runde zu wetten, begannen sie auf die Ergebnisse in der Runde davor zu reagieren und konservativer zu werden. Auch wenn sie verloren hatten, investierten die Testpersonen in 85 Prozent der Fälle erneut in der nächsten Runde. Die normalen Spieler investierten dagegen nur in 41 Prozent der Verlustfälle gleich wieder in der nächsten Runde.

Emotionen sind für Finanzentscheidungen aber möglicherweise doch dienlich. Obwohl die gehirngeschädigten Testpersonen beim Münzwurf gut abgeschnitten haben, sind drei Viertel der Gruppe bereits einmal pleite gewesen. Die Unfähigkeit, Angst zu spüren, führte zu risikoreichem Verhalten. Das legt die Vermutung nahe, daß Gefühle eine wichtige Rolle beim Schutz finanzieller Interessen spielen. Denn die Angstreaktion dient Menschen seit jeher zum Schutz vor Gefahren.

Quelle: F.A.Z., 04.08.2005, Nr. 179 / Seite 19
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