27.11.2007 · Die Kreditkrise und die dadurch ausgelöste Unsicherheit bei den Anlegern scheint kein Ende zu finden. Was könnte die Misere aufhalten? Eine Zinssenkung der Fed um einen vollen Prozentpunkt, meint ein Experte.
Von Ben StevermanSeit vergangenem Sommer, als Verluste mit zweitrangigen Hypothekenkrediten zu Turbulenzen an den Kreditmärkten und zu Talfahrten der Aktienkurse führten, beschäftigt die Suprime-Krise die Anleger. Zu Herbstbeginn „dachten viele Menschen, dass das Schlimmste nun mehr oder weniger überstanden wäre“, sagt John Merrill von Tanglewood Capital Management. Doch dann wurde „Runde zwei“ eingeläutet.
In den zurückliegenden drei Wochen sind die maßgeblichen amerikanischen Aktienindizes wieder in die Knie gegangen. Der marktbreite S&P-500 hat im bisherigen Monatsverlauf fast sechs Prozent verloren und damit nahezu alle in diesem Jahr erzielten Gewinne wieder abgegeben. Und zu den Verlieren zählen nicht nur Finanzaktien: Der technologielastige Nasdaq-Index, der in den vergangenen Monaten einen starken Anstieg verzeichnete, büßte im November knapp acht Prozent ein.
„Die Angst vor riskanten Vermögenswerten ist groß“
Ausgelöst wurden die neuerlichen Einbrüche von Meldungen über Milliardenabschreibungen großer Finanzkonzerne wie Merrill Lynch und Citigroup. Seitdem hat sich am Markt düstere Stimmung breit gemacht. Nachdem sich die Bedingungen an den Kreditmärkten weiter verschlechtert haben, sind die im Oktober berichteten gewaltigen Verluste mit Kreditderivaten zwischenzeitlich wahrscheinlich sogar noch höher.
Die Furcht der Anleger vor riskanten Vermögenswerten ist so groß, dass sie ihre Gelder haufenweise in sichere amerikanische Staatsanleihen umschichten. Angesichts des enormen Volumens dieser Mittelzuflüsse rentieren zweijährige Staatspapiere mittlerweile nur noch mit rund drei Prozent und können damit kaum mit der Inflation Schritt halten. „Die Angst ist groß“, sagt Peter Cardillo, Chefvolkswirt bei Avalon Partners. Sie habe derartige Ausmaße angenommen, dass der Markt an den Punkt gelangen werde, an dem er unweigerlich feststellen müsse, dass „das Ende der Welt nicht eingetreten ist“, so Cardillo.
Das Problem: Um einen Umschwung der Marktstimmung auszulösen, bedarf es guter Nachrichten. „Im Moment sehe ich keine neuen Auslöser, die diesen Umschwung herbeiführen würden“, so Cardillo.
Weihnachtssaison als Stimmungsaufheller?
Die Hoffnungen auf ein baldiges Ende der Subprime-Krise haben sich zerschlagen. „Besonders deprimierend ist die Tatsache, dass wir zu keinem Zeitpunkt das genaue Ausmaß der Subprime-Probleme beziffern konnten“, meint Georges Yared von Yared Investment Research. Ihm zufolge werden die schlechten Nachrichten wahrscheinlich bis ins Jahr 2008 hinein weiterhin nach und nach eintrudeln.
Was könnte die Talfahrt der Aktienmärkte stoppen? Es gibt einige Auslöser, die zur Stimmungsaufhellung der Anlegergemeinde führen könnten, allerdings allesamt ohne Gewähr auf Erfolg.
Da wären zunächst die Weihnachtseinkäufer, die positive Signale für die Wall Street aussenden könnten - sofern sie sich spendierfreudig zeigen. Richard Sparks von Schaeffer's Investment Research zufolge dürfte ein guter Start in die Weihnachtssaison „für einen Seufzer der Erleichterung an den Märkten sorgen“. Doch nach Ansicht von Sparks könnte diese für Einzelhändler alles entscheidende Saison unter den Sorgen der Verbraucher über sinkende Eigenheimpreise oder steigende Lebensmittel- und Energiepreise leiden.
Konjunkturaussichten ungewiss
Ein zweiter Auslöser könnten Unternehmensgewinne sein. „Kräftige Exporte und die Umsatzstärke im Technologiebereich halten die Wirtschaft unter Dampf“, so Yared.
Das dritte Quartal bescherte Anlegern die schwächsten Unternehmensgewinne seit fünf Jahren. Finanz-, Energie- und zyklische Konsumgüteraktien verzeichneten im Jahresvergleich zweistellige Rückgänge. Doch nach Angaben von Reuters Estimates konnten 65 Prozent der im S&P-500 vertretenen Unternehmen die Analystenschätzungen übertreffen, wobei sich Technologieaktien am stärksten erwiesen. Wenn Sektoren wie Technologie, Industrie und Gesundheitswesen in den kommenden Quartalen trotz unsicheren Wirtschaftsumfelds kräftige Gewinne verzeichnen könnten, würden sie vielleicht die rückläufigen Gewinne in anderen Sektoren wettmachen.
Ein weiterer Auslöser könnten gute Konjunkturmeldungen sein. „Die bisherigen Wirtschaftsdaten geben nach wie vor nur geringe Anhaltspunkte eines Übergreifens der Häuser- und Finanzmarktprobleme auf die Realwirtschaft“ schreibt John Ryding, Chefvolkswirt bei Bear Stearns.
Viele Volkswirtschaftler sehen zwar eine mögliche Abschwächung der Wirtschaft, halten eine Rezession jedoch für wenig wahrscheinlich, während der Markt von einer deutlich höheren Rezessionswahrscheinlichkeit auszugehen scheint.
Sollten jedoch Anzeichen möglicher Probleme auftreten, insbesondere in Form einer Abschwächung auf dem Arbeitsmarkt, dann könnten sich die Marktbedingungen natürlich schlagartig verschlechtern. Fed und Kreditkrise im Zentrum der Aufmerksamkeit. Zuguterletzt könnten die Währungshüter der amerikanischen Notenbank oder andere politische Entscheidungsträger drastische Maßnahmen ergreifen, um „die Verstopfung des Finanzsystems zu beseitigen“, so Ryding.
„Die Kreditprobleme überlagern alles“
Während die Fed gemischte Signale liefert, deutet der Handel mit Futures auf den amerikanischen Tagesgeldsatz darauf hin, dass mit einer Zinssenkung der Fed um mindestens einen Viertelprozentpunkt in der Sitzung am 11. Dezember gerechnet wird. Manch einer würde allerdings gerne einen größeren Zinsschritt sehen. Eine stärkere Zinssenkung könnte den Gläubigern von Subprime-Hypotheken bei der Refinanzierung ihrer Darlehen helfen und dem Häusermarkt „enormen Rückenwind verleihen“, so Yared. Ryding favorisiert einen „Befreiungsschlag“ in Gestalt einer Zinssenkung um einen vollen Prozentpunkt, während die amerikanische Regierung nach seiner Ansicht mit weiteren Maßnahmen mehr Geld in den Hypothekenmarkt pumpen könnte.
Das größte Problem für den Markt besteht darin, dass so viel von der Fed und ihrer Reaktion auf die Subprime-Krise abhängt. Den Subprime-Problemen wird so viel Aufmerksamkeit zuteil, dass ansonsten wichtige Faktoren wie Konsumklima, Unternehmensgewinne und Konjunkturdaten in den Hintergrund rücken. „Die Kreditprobleme überlagern alles“, so Sparks.
Und es sieht nicht danach aus, als würden die Negativmeldungen rund um die Subprime-Krise so schnell von der Bildfläche verschwinden. Für Langfristanleger könnten sich die Novembertiefs als Kaufgelegenheiten erweisen, während kurzfristig orientierte Investoren vielleicht überlegen, ihren Weihnachtsurlaub in diesem Jahr zu verlängern.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.377,69 | −0,11% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| EUR/USD | 1,2515 | −0,14% |
| Rohöl Brent Crude | 106,90 $ | +0,14% |
| Gold | 1.569,50 $ | +0,06% |