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Anlagestrategie „Kaufen und Halten“ reicht an der Börse nicht mehr

27.08.2002 ·  Seit zwei Jahren gehen die Aktienmärkte nach unten. Mit dem einfachen Rezept „Kaufen und Halten“ von Werten lassen sich keine Gewinne mehr erzielen.

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Lange war es ein Dogma des Aktienmarktes: Auf lange Sicht entwickeln sich Aktien immer besser als Anleihen oder der Geldmarkt, hieß die Regel. Wer Geld verdienen wollte und an diese Regel glaubte, konnte nach einem einfachen Rezept handeln. „Kaufen und Halten“, hieß es. Und das ging so:

Man kaufe Aktien und lasse sie möglichst lange liegen. Tagesaktuelle oder gar stündlich, minütlich auf den neuesten Stand gebrachte Kurse ignoriere man - sie verleiten nur zu unüberlegten, verlustbringenden Verkäufen. Am besten stecke man sein Kapital in Indexfonds oder -zertifikate, um Risiken zu minimieren und die Entwicklung des breiten Marktes nachzubilden. Nach Jahren oder Jahrzehnten erst verkaufe man wieder und genieße die üppigen Erträge.

Wer nach diesem Rezept handelte, konnte tatsächlich ansehnliche Gewinne verbuchen. Zum Beispiel mit einem Investment in den Standard & Poor's-500-Index, der seinen Wert innerhalb von zwei Dekaden mehr als versechsfachte.

Fällt der Markt, ist eine aktive Strategie gefragt

Doch seit zwei Jahren funktioniert das Kochrezept nicht mehr. Die Märkte fallen, statt zu steigen, und mit ihnen Indexprodukte. Auch Einzelaktien zu kaufen und halten kann bei den gegenwärtigen Schwankungen des Aktienmarktes leicht hohe Verluste bringen. Anleihen haben seit 2000 weit höhere Erträge gebracht als Aktien, und selbst Geldmarktfonds haben sich besser entwickelt.

„Kaufen und Halten“ bringt im gegenwärtigen Aktienmarkt nichts, sagt Oswald Grübel, Chef der Credit Suisse Financial Services. Er vergleicht die aktuelle Lage mit der Situation zwischen Mitte der Sechzigerjahre und 1982, als der Aufschwung der Börsen begann. „Hätte man damals eine Buy-and-hold-Strategie verfolgt, hätte man rund zwölf Jahre lang kein Geld verdient“, sagt er. Heute könne sich der Markt wieder einige Jahre seitwärts bewegen, mit mehr oder weniger starken Schwankungen. Damals wie jetzt rät Grübel zu einer aktiven Handelsstrategie: „tief kaufen, hoch verkaufen, und insgesamt schneller reagieren“, erklärt er. Stimmen wie seine, die schlichtes „Kaufen und Halten“ für gescheitert erklären, mehren sich.

Schnelleres Handeln ist gefragt

„Unser Handelsrhythmus hat sich beschleunigt. Die Wahl des richtigen Zeitpunkts gerät immer mehr in den Vordergrund“, bestätigt Christian Jasperneite aus der Research-Abteilung von M.M. Warburg. „Reines Kaufen und Liegenlassen war aber ohnehin nie unsere Strategie“, schränkt er ein.

Ein schnellerer Handelsrhythmus bedeutet für M.M. Warburg aber nicht, dass die Schwankungen des Aktienmarktes ständig beobachtet werden, um sofort auf jede irrationale Bewegung eines Kurses reagieren zu können. Die Bank arbeitet mit sektorspezifischen Bewertungsmodellen, in die Kennziffern wie Gewinne, Zinsen und Risikoprämien eingehen. Darauf aufbauend versuchen Jasperneite und Kollegen herauszufinden, welche Branchen billig und welche teuer sind.

Auch die BfG-Bank arbeitet eher mit Fundamentaldaten, wenn es um die Bewertung von Aktien geht. Chefanalyst Eberhard Unger nennt neben der Konjunktur die Gewinnerwartungen eines Unternehmens und die Qualität seines Managements. Eher als zu einer riskanten Handelstaktik rät er sogar dazu, Kapital in Geldmarktfonds zu parken, bis die Baisse der Aktienmärkte vorbei und ein Aufwärtstrend wieder zu erkennen ist.

M.M. Warburg hingegen ergänzt die ihre Sektor-Modelle durch schnelle Kauf- und Verkaufsentscheidungen, wo kurzfristige Ineffizienzen auftreten. Um solche Ineffizienzen zu erkennen, ist der Vergleich mit ähnlichen Aktien, etwa der eines Konkurrenzunternehmens, entscheidend. Steigt eine Aktie zum Beispiel stärker als der Branchendurchschnitt und gibt es dafür keine unternehmensspezifischen Gründe, ist das ein klares Signal für eine Überbewertung. Das zu merken und auszunutzen, ist oft eine Sache von Minuten. Schnelligkeit gewinnt.

Der richtige Zeitpunkt entscheidet

Das Problem für Privatanleger: Bei einer aktiven Handelsstrategie entscheidet die Wahl der richtigen Aktie und des richtigen Zeitpunkts über Erfolg oder Mißerfolg der Anlage. Die richtige Entscheidung zu treffen, erfordert Aufmerksamkeit, Zeit und Energie. Mehr denn je sind die kleinen Anleger auf professionelle Unterstützung angewiesen.

Dass aber auch Handelsprofis mit einer aktiven Strategie scheitern können, zeigen Daten der Vanguard Group. Ihre Studien haben ergeben, dass sogar im Bärenmarkt des vergangenen Jahres gut 60 Prozent der aktiv geleiteten Aktienfonds, die auf die Schwergewichte des Marktes setzten, noch schlechter abschnitten als der Standard & Poor's-500-Index. Für Privatanleger ist die Wahl des richtigen Fonds wichtiger denn je zuvor. Ob sie richtig liegen, werden sie allerdings nur im Nachhinein erfahren. Schon jetzt steht nur eines fest: Die besten Gewinne mit Aktien lassen sich nur im Börsenaufschwung erzielen.

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