03.12.2008 · Vorsicht: An den Finanzmärkten droht Glatteis. Viele Anleger suchen bei Sparbüchern Schutz vor der Finanzkrise. Doch alles hängt mit allem zusammen, lehrt die Chaosforschung. Deshalb sollten die Anleger auf die bewährte Portfoliotheorie setzen.
Von Christian von HillerEs herrscht Glatteis an den Finanzmärkten. Und viele Anleger suchen nun die rutschfeste Allwetter-Geldanlage, die sie sicher durch diese Krise bringt. Allein, dieser Wunsch führt in die Irre. Denn es gibt keinen absoluten Schutz vor den Folgen dieser Krise.
Viele Banken warben in den vergangenen Wochen intensiv um Spareinlagen - und das auch mit großem Erfolg. Die Zinsen lagen häufig bei 5 Prozent, die Zinsbindung bei einem Jahr, und dank der Staatsgarantie auf alle Spareinlagen bei deutschen Banken dürfte die Einlage auch relativ sicher sein.
Sparbuch bietet keine absolute Sicherheit
Schätzungsweise ein Drittel aller Geldanlagen liegen in niedrig verzinsten Anlagen geparkt. Das muss nach Meinung der Laureus Privatfinanz kein Fehler sein. Doch wenn das Sparbuch die einzige Anlageklasse ist, bedeute dies keine hundertprozentige Sicherheit, sondern nur die Gewissheit, aufgrund von Inflation und Steuern langfristig Geld zu verlieren.
Sollten Anleger deshalb das Sparbuch meiden und in höher verzinste Anlageformen gehen? „Das wäre die falsche Frage oder Schlussfolgerung“, meint Laureus-Vorstandssprecher. „Denn eine einzelne Anlageklasse oder ein einzelnes Investment ist weder gut noch schlecht.“ Eine Anleihe, ein Aktienfonds, eine Immobilie oder eine Beteiligung an einem Flugzeug könne für sich genommen herausragende Kennzahlen haben - und trotzdem für manche Anleger ungeeignet sein.
Es gibt kein Entrinnen
„Entscheidend ist, dass die einzelnen Investments zum Einen zu der Lebenssituation, den Zielen und den Wünschen des jeweiligen Anlegers passen und zum Anderen in ihrer Funktion in einem stimmigen Gesamtkonzept aufeinander abgestimmt sind“, meint Simonis.
Anleger, die jetzt beispielsweise einen großen Bogen um Aktien machen, sind deshalb nicht unbedingt besser vor den Folgen der Finanzkrise geschützt. Diese Lehre können sie aus der Chaosforschung und der Portfoliotheorie ziehen.
Die Chaosforschung - auch Theorie komplexer Systeme genannt - versucht nachzuweisen, dass die Dynamik von Systemen empfindlich von den Anfangsbedingungen abhängt, so dass ihr Verhalten nicht langfristig vorhersehbar ist.
Der Flügelschlag eines Schmetterlings
Dies zeigen Phänomene wie Verkehrsstaus oder der berühmte Schmetterlingseffekt, den der Meteorologe Edward Lorenz 1963 beschrieben hatte. Sein Beitrag trug den Titel: „Predictability: Does the flap of a butterfly's wings in Brazil set off a tornado in Texas?“ („Kann der Flügelschlag eines Schmetterlings über Brasilien einen Tornado in Texas auslösen?“).
Der Titel ist etwas irreführend, denn Lorenz beschreibt keinen Schneeballeffekt, bei dem sich ein kleiner Effekt über eine Kettenreaktion selbst verstärkt. Vielmehr führt Lorenz aus, dass komplexe, dynamische Systeme - wie die internationalen Finanzmärkte - eine große Empfindlichkeit auf kleine Abweichungen in den Anfangsbedingungen aufweisen können.
Eine sehenswerte Illustration des Schmetterlingseffektes ist der Film „Babel“ mit Brad Pitt und Cate Blanchett. In dem Film spielen zwei marokkanische Brüder mit einem Jagdgewehr. Aus Übermut schießen sie auf einen Touristenbus und verletzen eine amerikanische Touristin schwer. Dieser Vorfall löst unabsehbare Folgen bis nach Japan und in höchste diplomatische Kreise aus.
Alles hängt mit allem zusammen
Alles hängt mit allem zusammen, lautet die Kernaussage des Schmetterlingseffektes. Deshalb ist nichts exakt wiederholbar - und auch nichts exakt planbar. Für den Anleger bedeutet dies, dass er sich auf Unwägbarkeiten einstellen und seine Geldanlage breit streuen sollte. Damit senkt er das Gesamtrisiko in seinem Portefeuille.
Trotzdem sind Anleger in Wiederholungsschleifen gefangen: In Deutschland beispielsweise investiert laut Laureus derzeit jeder fünfte Anleger in nur eine einzige Anlageklasse. Das ist, vorsichtig gesprochen, nicht klug, heißt es bei dem Finanzvertrieb.
Das Wichtigste jedoch ist, dass sich jeder Anleger darüber im Klaren ist, wie viel Risiko er zu tragen bereit ist, wie lang sein Anlagehorizont neigt und welches Anlageziel (zum Beispiel Kapitalerhalt oder hohe Rendite) er erreichen will.
Ein optimales Portfolio
Wie der Anleger sein Vermögen so streuen kann, dass er einen hohen Ertrag erreichen kann und trotzdem das Risiko senkt, hatte der amerikanische Ökonom Harry Markowitz in seiner Portfoliotheorie entwickelt. Dabei wird untersucht, wie stark die Korrelationen zwischen den einzelnen Anlageklassen sind, um Handlungsanweisungen für ein möglichst optimales Portfolio abzuleiten. Das Risiko von Aktien lässt sich laut Portfoliotheorie zum Beispiel dadurch senken, dass der Anleger gleichzeitig ein Produkt kauft, das im Wert steigt, wenn die Aktien im Kurs sinken.
Deshalb sollten Anleger auch in der jetzigen Finanzkrise nicht aus einem Panikanfall heraus beispielsweise den Kauf von Aktien grundsätzlich ablehnen, sondern sich weiterhin sämtliche Anlageklassen im Blick behalten.
So ist ein Engagement in Aktien in der jetzigen Marktphase für viele Anleger noch verfrüht, doch kann das Risiko eines vorsichtigen Wiedereinstiegs schon bald wieder überschaubar sein. Das wäre zumindest weniger riskant, als alle Eier in einen Korb zu legen, auch wenn der Staat den Schaden ersetzen will, wenn einige Eier zerbrechen sollten.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.377,69 | −0,11% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| EUR/USD | 1,2515 | −0,14% |
| Rohöl Brent Crude | 106,90 $ | +0,14% |
| Gold | 1.569,50 $ | +0,06% |