06.04.2009 · An den Börsen wird nicht die Gegenwart gehandelt, sondern die Zukunft. Obwohl Konjunktur- und Unternehmenszahlen schlecht ausfallen, laufen die Kurse an den internationalen Aktienmärkten seit Wochen nach oben. Fragt sich nur, wie lange.
An den Börsen wird nicht die Gegenwart gehandelt, sondern die Zukunft. Da kaum jemand verlässlich in die Zukunft blicken kann, handeln viele Anleger auf Basis von Erwartungen, Befürchtungen, Hoffnungen, Trends oder Trendsignalen.
Das kann dazu führen, dass Börsen ungeachtet fundamentaler Entwicklungen und Bewertungen weiter nach oben oder nach unten laufen können, als vielfach erwartet. Auf der anderen Seite können Märkte jedoch auch ihre Trends wechseln, obwohl aus fundamentaler Sicht nur wenig darauf hinzudeuten scheint. Im vergangenen Jahr kam es so vielfach zu Brüchen der Aufwärtstrends, obwohl die Stimmung noch sehr optimistisch war und obwohl viele Politiker, Unternehmer und Ökonomen noch über die scheinbar Endlos boomende Weltwirtschaft und robuste Arbeitsmärkte jubelten.
Börsen bewegen sich bevor die Daten die Entwicklung bestätigen
Dabei hatten die Aktien der großen Finanzunternehmen längst nach unten gedreht und auf diese Weise signalisiert, dass etwas nicht stimmt. Selbst wer sich nicht regelmäßig oder nur oberflächlich mit dem Geschehen befasste, hätte spätestens zu diesem Zeitpunkt realisieren müssen, dass gut informierte Anleger in großen Stile verkauften und auf diese Weise die Kurse massiv nach unten brachten.
Nun scheint gerade das Gegenteil der Fall zu sein. Obwohl Konjunktur- und Unternehmenszahlen schlecht ausfallen, laufen die Kurse an den internationalen Aktienmärkten seit Wochen nach oben, im Devisenbereich werden die alt bekannten Carry Trades neu belebt - der Neuseeland-Dollar hat seit Januar gegen den Yen mehr als 30 Prozent aufgewertet - und an den Rohstoffmärkten legen die Preise von Energie- und Industriemetallen deutlich zu.
Der Ölpreis hat seit Februar in Dollar knapp 57 Prozent zugelegt, Kupfer ist 51 teurer geworden als im Dezember des vergangenen Jahres, Platin hat sich auf Sicht von drei Monaten um knapp 33 Prozent verteuert, während Blei und Aluminiumlegierungen rund 20 Prozent teurer geworden sind.
Das heißt, die internationalen Anleger sind in den vergangenen Wochen risikofreudiger geworden als zuvor. Das zeigt sich unter anderem daran, dass Volatilitätsindizes wie der VIX oder der VDax New aus den Seitwärtstrends auf hohen Niveaus nach unten herauszulaufen scheinen, in welchen sie in den vergangenen Monaten angesichts der großen Unsicherheit verharrt hatten. Anleger vertrauen offensichtlich auf den Erfolg der geldpolitischen und fiskalischen Stimulationsprogramme der Regierungen und der Zentralbanken.
Zwischenzeitliche Stabilisierung der wirtschaftlichen Entwicklung auf tiefem Niveau denkbar
In kurzfristiger Betrachtung sind die Märkte aus technischer Sicht deutlich „überkauft“. Gewinnmitnahmen dürften mit Blick auf die anstehenden Osterfeiertage denkbar werden. Mittelfristig sind jedoch weitere Kursgewinne möglich. Denn viele schwache volkswirtschaftliche Kennziffern werden sich in den kommenden Wochen sehr wahrscheinlich alleine aufgrund von Basiseffekten etwas von ihren extremen Schwächen erholen können. Viele Haushalte und Unternehmen, die in den vergangenen Wochen „auf die Bremse“ getreten waren, dürften ihre strapazierten Lagerbestände wieder auffüllen müssen.
Das kann mittelfristig zu einer gewissen Stabilisierung der wirtschaftlichen Entwicklung auf tiefem Niveau führen und auf diese Weise die gegenwärtige Euphorie der Anleger zeitweilig unterfüttern. Allerdings stellt sich die Frage, wie lange. Denn der wirtschaftliche Boom der vergangenen Jahre basierte primär auf Kredit finanziertem Überkonsum in den angelsächsischen Staaten. Die Verbraucher in diesen Regionen nahmen direkt oder indirekt große Teil der weltweit produzierten Güter und Dienstleistungen ab.
Nun müssen sie sich allerdings aufgrund zunehmender Arbeitslosigkeit, der geringeren Verfügbarkeiten von teueren Krediten und mangels des Gefühls, wegen steigender Vermögenspreise scheinbar wohlhabender zu werden, zurückhalten und mehr sparen als in der Vergangenheit. Das dämpft die Nachfrage und indirekt das mögliche Wachstum. Die Zentralbanken könnten zwar geneigt sein, entgegen aller Versprechungen die lockeren Geldpolitiken länger als notwendig beizubehalten, um wenigstens nominal über Preiseffekte das Wachstum zu fördern.
Allerdings kann dieser Schuss auch nicht hinten losgehen. Nämlich dann, wenn die Anleger aus Furcht vor einer „Geldschwemme“ stark in Energie- und Rohstoffe investieren, dort die Preise nach oben treiben und auf diese Weise mögliche konjunkturelle Pflänzchen wieder abwürgen. Das würde die Börsen rasch wieder belasten. Aus diesem Grund werden clevere Anleger dazu neigen, sich gegen entsprechende Rückschläge abzusichern. Immerhin kam es schon in der Vergangenheit in länger andauernden Bärenmärkten immer wieder zu deutlichen, mehrwöchigen Zwischenerholungen. Wieso sollte es diesmal anders sein?
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.377,69 | −0,11% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| EUR/USD | 1,2515 | −0,14% |
| Rohöl Brent Crude | 106,90 $ | +0,14% |
| Gold | 1.569,50 $ | +0,06% |