Viele Investoren überprüfen zum Jahresende ihr Portfolio, gehen dabei aber in der Regel nicht genügend in die Tiefe. Ihr Hauptziel besteht meist lediglich darin, ihren Erfolg zu überprüfen: „Wie habe ich in diesem Jahr an der Börse abgeschnitten?“ Für den Anfang ist das schon ganz gut, aber es gibt zehn weitere Punkte, die Anleger näher betrachten sollten.
Erstens: Die Kapitalstreuung. In welchem Verhältnis sind Aktien, Anleihen und Barvermögen in Ihrem Portfolio vertreten? Eine herkömmliche Verteilung besteht aus 55 Prozent Aktien, 35 Prozent Anleihen und zehn Prozent Bargeld. Etwas gewagter und derzeit weit verbreitet ist das Mischverhältnis 60 Prozent Aktien, 30 Prozent Anleihen und zehn Prozent Barvermögen.
Ich persönlich bevorzuge die aktienlastige Verteilung. Da zudem die Federal Reserve (Fed) momentan aktiv die Zinssätze erhöht, ist derzeit ohnehin ein äußerst ungünstiger Zeitpunkt, um Anleihen zu kaufen.
Ganz gleich für welche Streuung Sie sich entschieden haben: Es ist immer sinnvoll, das eigene Portfolio etwa einmal im Jahr wieder ins Gleichgewicht zu bringen, um die gewählte Verteilung auch einzuhalten. Auf diese Weise investieren Sie mehr in Aktien, wenn die Kurse gerade unten sind, und schöpfen einige Gewinne ab, wenn sie oben sind.
Zweitens: ausländische oder amerikanische Werte? Wenn nicht-amerikanische Werte weniger als zehn Prozent Ihres Portfolios ausmachen, dann sind Sie meiner Ansicht nach übermäßig amerikanisch ausgerichtet. Ich ziehe es vor, etwa 15 Prozent meines Kapitals in nicht-amerikanische Wertpapiere anzulegen. Einige umsichtige Investoren bevorzugen sogar einen höheren Anteil.
Gute Investitionschancen sind nicht nur auf die Vereinigten Staaten von Amerika beschränkt. Einen gewissen Anteil seines Kapitals in Unternehmen mit Sitz im Ausland investiert zu haben, könnte vor allem in Jahren hilfreich sein, in denen sich die amerikanischen Märkte abschwächen. Außerdem erhält Ihr Portfolio auf diese Weise eine kleine „Terrorversicherung“.
Auf fallende Kurse wetten?
Drittens: long oder short gehen? Die meisten Investoren kaufen Aktien, ohne jemals short zu gehen. Solch ein Leerverkauf entspricht im Grunde genommen einer Wette auf einen fallenden Aktienkurs. Leerverkäufe stellen somit eine mit Risiken behaftete Technik dar, die sicherlich nicht für jedermann geeignet ist. Die potentiellen Verluste eines Leerverkaufs sind unbegrenzt, da es kein Limit gibt, wie hoch ein Aktienkurs auch steigen kann.
Für diejenigen, die ab und an Leerverkäufe tätigen möchten, könnte 2005 ein gutes Jahr werden. Denn das erste Jahr einer vierjährigen Präsidentschaft ist für den Aktienmarkt in der Regel das schwächste. Negativ wirkt sich zudem der offensichtliche Wunsch der Fed aus, die Zinsen anzuheben.
Große oder kleine Werte?
Viertens: Wert- oder Wachstumsaktien? Ich persönlich bin ein großer Fürsprecher von Wertaktien, daher machen diese auch 100 Prozent meines Portfolios aus. Viele Anleger bevorzugen jedoch eine Mischung aus Wert- und Wachstumsaktien.
Bei einem Wachstumswert klettern die Gewinne rasant in die Höhe - zumindest geht man davon aus, daß sie das tun werden. Eine Wertaktie ist hingegen in Relation zu Gewinn, Umsatz, Buchwert oder einer anderen zugrundeliegenden Meßgröße ihres intrinsischen Wertes preiswert.
Fünftens: Große oder kleine Werte? Auch bei dieser Fragestellung vertrete ich eine sehr klare Meinung: Mein Herz schlägt für Aktien von Unternehmen mit einer geringen Marktkapitalisierung. Meiner Ansicht nach ist nicht von der Hand zu weisen, daß Small-Cap-Aktien bei längeren Anlagezeiträumen wie beispielsweise 20 oder 30 Jahren deutlich besser abschneiden als Large-Cap-Werte.
Außer Frage steht jedoch auch, daß die großen Aktientitel weniger volatil sind. Somit stellen sie also wahrscheinlich die sicherere Anlagemöglichkeit dar. Außerdem gibt es bestimmt auch immer wieder Jahre, in denen die großen Werte ihre kleinen Brüder übertreffen.
Sechstens: Bewerten Sie Ihre Berater. Falls Sie einen oder mehrere Anlageberater beschäftigen, sollten Sie deren Leistungen in regelmäßigen Abständen - empfehlenswert ist eine Zeitspanne von mindestens drei bis fünf Jahren - überprüfen. Sie haben keine Anlageberater? Nun, wie sieht es mit offenen Fonds aus? Vielleicht ist es Ihnen nicht unbedingt möglich, den Verwalter ihres offenen Fonds für ein persönliches Gespräch zu erreichen, aber vergessen Sie nicht, daß Sie letztlich von seinen oder ihren Erfahrungen und Fähigkeiten abhängig sind.
Unternehmen vor einer Wende
Siebtens: Kontrollieren Sie Ihre kritischen Kandidaten. Ermitteln Sie dazu die Anzahl der Werte in Ihrem Portfolio, die vor einem baldigen Umschwung stehen könnten. In der Regel sind das Aktien von Unternehmen, die derzeit noch mit etwas zu kämpfen haben - beispielsweise mit den negativen Gewinnen der zurückliegenden vier Quartale -, sich aber Ihrer Ansicht nach künftig gut entwickeln werden.
Meiner Meinung nach sollte in den Portfolios der meisten Anleger genügend Platz für ein oder zwei Werte sein, die bald eine Wende erleben werden. Allerdings möchten Sie vielleicht diesbezüglich eine Grenze setzen. In meinem Haus gilt daher beispielsweise der Grundsatz, daß 90 Prozent des Anlagevermögens in Unternehmen investiert sein muß, die derzeit profitabel sind.
Achtens: Halten Sie Ihre Steuerschuld unter Kontrolle. Verschaffen Sie sich einen Überblick über Ihre realisierten Kapitalgewinne für das zu Ende gehende Jahr. Wenn die damit verbundene Steuerlast schwer ins Gewicht fällt, sollten Sie in Erwägung ziehen, durch den Verkauf von Aktien mit derzeit niedrigen Kursen einige steuermindernde Verluste zu erzielen.
Der Verkauf von Aktien aus steuerlichen Gründen darf jedoch nicht leichtfertig geschehen, da sich schlecht laufende Werte Ende Dezember oder auch im Januar häufig noch erholen. Trotz allem könnte es vorteilhafter für Sie sein, die eine oder andere Aktie verlustbringend zu verkaufen, 31 Tage abzuwarten und dann erneut zu investieren.
Achten Sie auf Dividenden!
Neuntens: Richten Sie Ihr Augenmerk auf Dividenden. In der Vergangenheit war es mehr oder weniger die Regel, daß 40 Prozent der Gesamtrendite des Aktienbestandes aus Dividenden stammten. Überprüfen Sie also die Dividendenrendite Ihres Portfolios. Fällt sie kläglich aus, sollten Sie sich überlegen, ein oder zwei Werte hinzu zu nehmen, die Ihnen solide Dividenden einbringen.
Zehntens: Denken Sie über Schlüsselbranchen und Kernthemen nach. Mit dem Jahreswechsel 2005 ergeben sich für Anleger zwei Hauptfragen: Lohnt sich ein Investment in China und wie viel Kapital investiere ich in der Energiebranche?
Energiewerte haben in den Jahren 2003 und 2004 einen enormen Aufschwung erlebt. Daher vertreten derzeit viele Anleger die Ansicht, daß sich diese Aktien nun erst einmal ausruhen werden. Vielleicht ist das tatsächlich so. Ich persönliche glaube jedoch, daß es sich dabei nur um eine sehr kurze Pause handeln wird.
China
Was das Thema China betrifft, denken viele Investoren, daß der jüngste Schub bei chinabezogenen Aktien übertrieben gewesen ist. Zweifelsohne stellen einige dieser Titel lediglich spekulative Investitionsblasen dar. Entscheidend für mich ist jedoch, daß das Wirtschaftswachstum in China auch weiterhin kräftig ausfallen wird.
Weitere Kriterien: 21 Prozent des Standard & Poor's 500-Aktienindexes bestehen aus Finanztiteln. 16 Prozent sind Technologiewerte und 13 Prozent Aktien aus dem Gesundheitssektor. Wenn Sie diese Anteile über- oder untergewichten wollen, ist das in Ordnung - so lange Sie dies aus einem vernünftigen Grund tun.
Für Kapitalanlagen gibt es sicherlich keine Musterlösung. Aber wenn Sie Ihre Entscheidungen bewußt und nach einem vernünftigen Grundprinzip treffen, steigen Ihre Erfolgschancen merklich.