04.01.2007 · Während Substanzwerte in der jüngeren Vergangenheit den Ton angaben, könnten in diesem Jahr auf Wachstumswerte setzende Fonds zu neuen Ehren kommen. Auch Large-Caps sollte man nicht aus den Augen verlieren, meint S&P.
Von Marc HoganAnleger, die im vergangenen Jahr aus einem angesagten neuen Trend Kapital zu schlagen hofften, könnten sich am Ende vielleicht ein wenig wie Modeopfer gefühlt haben. Trotz gegenteiliger Prognosen überflügelte die Wertentwicklung von Substanzaktien auch 2006 jene der Wachstumsaktien, wie seit dem Platzen der Technologieblase vor sechs Jahren üblich. Nebenwerte konnten indes ihren Vorsprung gegenüber Standardwerten ausbauen.
Das Jahr 2007 könnte aber aus der Reihe tanzen, weil andere Anlagestrategien womöglich eine Renaissance erfahren. Wachstumswerte könnten in diesem Jahr zu neuen Ehren kommen, sagen einige Analysten mit Blick auf deren Bewertung, während Standardwerte gegenüber Nebenwerten punkten könnten. Internationale Aktien, die 2006 am besten abschnitten, könnten Marktexperten zufolge auch im vor uns liegenden Jahr den Tross anführen.
Nach Angaben des Finanzdienstleisters Lipper verzeichneten Investmentfonds mit Fokus auf amerikanischen Substanzwerten im vergangenen Jahr eine durchschnittliche Gesamtrendite von 17,2 Prozent. Auf amerikanische Wachstumsaktien spezialisierte Fonds folgten deutlich abgeschlagen mit einer durchschnittlichen Gesamtrendite von 8,5 Prozent. Als beste Fondskategorie glänzten indes internationale Nebenwerte mit einer durchschnittlichen Rendite von 25,3 Prozent.
Rückenwind für Wachstumswerte
Der in den Vereinigten Staaten gegenwärtig von Substanzwerten angeführte Zyklus kommt aber allmählich in die Jahre, meint Joe Battipaglia, leitender Anlagestratege im Investmenthaus Ryan Beck. „Die durchschnittliche Dauer eines Value-Zyklus' beträgt nur zweieinhalb Jahre“, so Battipaglia. „Da der aktuelle Zyklus der Wertaktien bereits sechs Jahre anhält, wäre eine Trendwende also durchaus denkbar.“
Doch der Zeitfaktor ist nicht alles. Eine Überbewertung der Wachstumsaktien, steigende Ölpreise und ein sinkendes Zinsniveau hatten zur Dominanz der Substanzwerte beigetragen, merkt Battipaglia an. Zuletzt gingen aber die Kurs-Gewinn-Verhältnisse der Wachstumswerte jedoch zurück, während die der Substanzwerte stiegen, was den Wachstumsaktien nach Battipaglias Ansicht Rückenwind verleihen könnte.
Andere Analysten sind nicht so überzeugt und empfehlen für dieses Jahr eine neutrale Haltung in der Frage „Substanz oder Wachstum“. Auch die vergangenen zwei Jahre waren für Anleger die einem bestimmten Investmentstil folgen eine heikle Sache, und 2007 dürfte sich nach Meinung dieser Analysten ähnlich gebärden. Als Joker fungierte der Energiesektor, die zweitgrößte Komponente auf der Seite der Substanzwerte.
Abkühlung auf dem Energiemarkt?
„Die Wertentwicklung von Substanzaktien hängt davon ab, welche Richtung die Ölpreise einschlagen“, meint Brian Gendreau, Anlagestratege von ING Investment Management. „Der Energiesektor zeigte sich zu Jahresbeginn sehr stark, dümpelte im Sommer vor sich hin und meldet sich plötzlich wieder mit überdurchschnittlicher Wertentwicklung zurück. Momentan halten wir die Argumente für und wider das Engagement in Wert- oder Wachstumsaktien daher für nicht zwingend.“
Einige Marktbeobachter rechnen nach einem heißen Jahr 2006 mit einer Abkühlung des Energiesektors. Ashwani Kaul, leitender Research-Analyst bei Reuters Estimates, prognostiziert für 2007 in diesem Sektor ein Ertragswachstum von fünf Prozent nach stolzen 21 Prozent im Vorjahr. Ungeachtet der hohen Nachfrage aus China und Indien könnte das inoffizielle Ölpreisziel der OPEC von 60 Dollar pro Barrel die Gewinne der ölverarbeitenden Industrie zurechtstutzen, schreibt Kaul in einem Bericht.
So oder so, eine möglicherweise bevorstehende Renaissance der Wachstumswerte dürfte vermutlich nicht so lange währen wie der gegenwärtige Zyklus der Substanzwerte. „Nach der jüngsten stark überdurchschnittlichen Wertentwicklung der Substanzaktien gehen wir davon aus, dass Wachstumsaktien in naher Zukunft wahrscheinlich aufholen werden“, sagt Parin Gandhi, Quantitative Analyst bei Morgan Stanley, in einer Kundenmitteilung. „Eine länger andauernde bessere Entwicklung von Wachstums- gegenüber Substanzwerten erwarten wir jedoch nicht.“
Chancen im Ausland
In punkto Marktkapitalisierung könnte 2007 das Jahr der Großen werden. Nach Angaben von Lipper lagen Fonds mit Fokus auf amerikanischen Small-Caps im vergangenen Jahr mit einer durchschnittlichen Gesamtrendite von 13,4 Prozent vor den Large-Cap-Fonds mit 11,6 Prozent. Mid-Cap-Fonds verzeichneten eine durchschnittliche Gesamtrendite von 11,2 Prozent. Im neuen Jahr gehen Analysten davon aus, dass Unternehmen mit bedeutender internationaler Präsenz von einem schwächeren Dollar und einem Rückgang des amerikanischen Wirtschaftswachstums profitieren werden - und bei diesen Unternehmen handelt es sich üblicherweise um Large-Caps.
Der Blick ins Ausland, sei es auf internationale Aktien oder auf multinationale Unternehmen mit Sitz in den Vereinigten Staaten, könnte sich 2007 als clevere Strategie erweisen. Goldman Sachs prognostiziert für dieses Jahr ein mit 4,1 Prozent erneut über dem Trend liegendes Wachstum des weltweiten Bruttoinlandsprodukts (BIP), während der Zuwachs des amerikanischen BIP mit 2,1 Prozent in diesem Jahr hinter den 2006 erzielten 3,3 Prozent zurückbleibt. „Wir gehen davon aus, dass ein Engagement in wachstumsstärkeren Auslandsmärkten die überdurchschnittliche Wertentwicklung anfeuern könnte,“ schreibt Goldman-Sachs-Stratege David Kostin in einer Kundenmitteilung.
Unternehmen mit beträchtlichem Geschäftsvolumen außerhalb der Vereinigten Staaten könnten ebenfalls von der erwarteten anhaltenden Dollarschwäche profitieren. „Vor einigen Jahren wurde die Hälfte der Erträge der S&P-500-Unternehmen im Ausland erwirtschaftet“, sagt Chris Orndorff, Leiter der Aktienstrategie beim Vermögensverwalter Payden & Rygel. „Selbst wenn Sie annehmen, dass infolge einer Konjunkturabschwächung ein lausiges Aktienjahr ins Haus steht, könnte es in der Realität allein aufgrund der positiven Ertragsdynamik ein ganz passables Jahr werden.“
Schrumpfende Liquidität geht zulasten der Nebenwerte
Nach Ansicht von Jack Ablin, einem leitenden Anlagestrategen der Harris Private Bank, sind Large-Caps bewertungsmäßig bereits seit einigen Jahren attraktiv. Ablin zufolge ist die anhaltende überdurchschnittliche Wertentwicklung der Nebenwerte auf die übermäßig vorhandene Liquidität zurückzuführen. „Da die Fed die Kurzfristzinsen jedoch nach oben getrieben hat, dürfte das Liquiditätsargument bald ausgedient haben“, so seine Prognose. „Rechnen Sie 2007 damit, dass die Wertentwicklung von Small-Caps hinter jener der Large-Caps zurückbleibt.“
Letztlich ist es für die meisten Anleger am besten, auf ein breit diversifiziertes Portfolio zu setzen und spekulative Titel auf einen kleinen Teil der Vermögenswerte zu beschränken, raten Finanzplaner. „Versuchen Sie nicht, zu schlau zu sein, indem Sie Ihre Wahl des besten Investmentstils von der Wertentwicklung des vergangenen Jahres abhängig machen“, warnt Elizabeth Ruch, leitende Finanzberaterin bei der Investmentgesellschaft Waddell & Reed. Trends kommen und gehen, eine intelligente und ausgewogene, langfristig orientierte Anlagestrategie dürfte indes auf absehbare Zeit nicht aus der Mode kommen.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.377,69 | −0,11% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| EUR/USD | 1,2515 | −0,14% |
| Rohöl Brent Crude | 106,90 $ | +0,14% |
| Gold | 1.569,50 $ | +0,06% |