05.11.2011 · Private Anleger können ihr Geld jetzt in vielversprechende Startups stecken. Crowdinvesting heißt der neue Trend im Internet.
Von Anne-Christin SieversRonny Dentel ist ein Engel. Flügel hat er keine, aber dafür Geld, mit dem er einem kleinen Startup zum Fliegen verhelfen will. Dabei ist er erst 29 Jahre alt. Aber vor einigen Wochen hat der Betriebswirt aus Montabaur 500 Euro investiert: in Cosmopol, einen Onlineshop, der seinen Kunden Souvenirs aus 70 Reiseländern nach Hause liefert.
Noch vor einigen Monaten hätte Dentel sein Geld behalten müssen. In aufstrebende Jungunternehmen zu investieren blieb jahrelang Risikokapitalfonds oder Business Angels vorbehalten, also finanzstarken Privatleuten, die Gründer auch beim Aufbau ihrer Unternehmen beraten. Sie mussten mindestens fünfstellige Summen in die Hand nehmen. Heute können auch Privatanleger kleine Beträge direkt in ein Startup stecken und selbst zum Business Angel werden. Sogenannte "Crowdinvesting"-Plattformen im Internet vermitteln zwischen Firmen auf Kapitalsuche und vielen kleinen Investoren, der Crowd.
Die Idee stammt aus der Szene der Kreativen und Kulturschaffenden. Auf amerikanischen Crowdfunding-Plattformen wie Kickstarter und Indiegogo sammeln sie schon seit ein paar Jahren fleißig Spenden von Internetnutzern - für Dokumentarfilme, Fotoausstellungen, Musikalben oder alternative Stadtmagazine.
Als Gegenleistung erhalten die Unterstützer handsignierte CDs, eine exklusive Einladung zur Filmpremiere oder ein Band-T-Shirt gratis. In Amerika kamen 2010 rund 80 Millionen Dollar zusammen. Auch in Deutschland haben sich in den vergangenen zwei Jahren solche Plattformen etabliert: Sie heißen Startnext, Mysherpas oder Inkubato.
Was der Kultur Geld einbringt, muss doch auch kommerzielle Geschäftsideen finanzieren und der Masse echte Rendite bescheren können, dachten sich findige Internet-Pioniere. Schon war das "Crowdinvesting" geboren. Hier kaufen die Kleininvestoren Anteile an Firmen und profitieren langfristig von deren Entwicklung, über eine Beteiligung an Gewinnausschüttungen und am Unternehmenswert.
Im Ausland vermitteln Venture Bonsai aus Finnland, Crowdcube aus England oder C-Crowd aus der Schweiz schon länger zwischen Startups und Investoren. Die erste Plattform in Deutschland heißt Seedmatch und kommt aus Dresden. Geschäftsführer Jens-Uwe Sauer und sein Team sammeln bis zu 100.000 Euro für ein Projekt ein. 1800 Nutzer sind schon registriert. Seit die Plattform im August an den Start ging, konnte sie zwei Jungunternehmen erfolgreich finanzieren: Neuronation, eine Online-Plattform für Gedächtnistraining, und eben Cosmopol, die Firma, die Ronny Dentel unterstützt.
Die Cosmopol-Gründer stellten ein Video und einen Einnahmen-Ausgaben-Plan auf die Website und überzeugten mehr als 160 Investoren von sich. So nahmen sie nicht die avisierten 80.000 Euro ein, sondern mehr als 93.000 Euro. Investor Dentel wiederum, der selbst mal ein Unternehmen gegründet hat, kann über die Crowdinvesting-Plattform direkt mit Cosmopol in Kontakt treten - wenn er etwa Fragen zum Businessplan oder Quartalsreport hat. Da Dentel als Social-Media-Referent arbeitet, kann er den Gründern sogar Vorschläge machen, wie sie ihre Produkte besser bewerben.
Zuvor hatte Dentel sein Geld klassisch angelegt. Er hatte ein paar Aktien, einen Fondssparplan, auch physisches Gold. Das Crowdinvesting soll nun ein neuer Baustein in seiner Anlagestrategie werden. "Es reizt mich, in einer frühen Phase in eine Geschäftsidee zu investieren", sagt Dentel. "So kann ich sie noch selbst beeinflussen und ganz nah dran sein." Bei seiner Investitionsentscheidung hat ihn das Gründerteam überzeugt: "Die Jungs waren mir sympathisch, ihr Konzept überzeugt mich. Sie wissen genau, was sie erreichen wollen."
Nicht jedes Startup kann sich auf der Plattform präsentieren. Das Team von Seedmatch wählt aus Dutzenden Bewerbern geeignete Kandidaten aus. Sie prüfen, ob die Produktidee einen Markt hat, der Business- und Finanzplan realistisch sind und ob das Gründerteam Potential hat. Gemeinsam mit externen Experten, die Erfahrung als Business Angels mitbringen, legt Seedmatch dann den Wert des Unternehmens fest.
Nur wenn das Startup so viel Geld einsammelt wie gewünscht, erhält Seedmatch ein Honorar, etwa fünf bis zehn Prozent. "Es muss eine Produktidee sein, die ein breites Publikum anspricht", sagt Geschäftsführer Sauer. Seedmatch konzentriert sich auf Startups, die Güter und Dienstleistungen für Endkunden anbieten. Das Produkt sollte schon existieren, damit die Leute sich selbst davon überzeugen können. "Die Investition ist auch eine Abstimmung: Welche Produkte wollen die Kunden auf dem Markt haben?"
Inzwischen gibt es mehr und mehr Plattformen mit anderen Schwerpunkten, zum Beispiel Mashup Finance aus München und Innovestment aus Köln. Mit Innovestment wollen die Gründer Filipe da Costa und Daniel Appelhoff vor allem Hightech-Startups finanzieren, die die Industrie mit ihren Produkten beliefern.
Die Plattform ermittelt den Wert der Anteile am Unternehmen über eine Auktion. Die Investoren bieten den Betrag, den sie für einen bestimmten Anteil zu zahlen bereit sind. Wirtschaftsaffine Angestellte zwischen 30 und 50, tätig in Wirtschaftsprüfungen, Banken und Beratungen - das ist laut da Costa die Zielgruppe für das Crowdinvesting. Ein Großteil der bis jetzt registrierten 500 Nutzer sei bereit, 1000 bis 10.000 Euro in ein Startup zu stecken.
Die Idee zu Innovestment kam dem Wirtschaftsingenieur da Costa und dem Betriebswirt Appelhoff während ihrer Arbeit am Gründerzentrum der RWTH Aachen. "Als Gründungscoaches haben wir viele Unternehmen aus der Hightech-Branche kennengelernt", erzählt da Costa. "Für sie ist es in der frühen Gründungsphase besonders schwer, an Kapital zu kommen."
Das Nanotech-Unternehmen Particular aus Hannover ist eines der ersten, das sich den Anlegern auf Innovestment vorstellt - und eines der ersten Startups aus der Hightech-Branche überhaupt, das in Deutschland die Masse um Gründungskapital bittet. Geschäftsführer Niko Bärsch und seine Kollegen haben am Laser-Zentrum Hannover eine Methode entwickelt, mit der sie Nanopartikel gewinnen. Diese Partikel bauen Medizintechnik-Unternehmen in Kunststoffe ein und stellen so Implantate oder Katheterschläuche her.
Im Juli 2010 haben die Gründer ihr Geschäft aufgenommen und seither 45 Kunden aus Forschung und Industrie beliefert, auch Unternehmen aus den Vereinigten Staaten, Japan und Korea. Um weiter zu wachsen, brauchen sie Kapital. Über Businessplanwettbewerbe hatten die Jungunternehmer auch Kontakt zu Business Angels, erzählt Bärsch. "Aber es ist sehr zeitaufwändig, den richtigen zu finden. Und es gibt nicht viele, die aktiv auf der Suche nach Beteiligungen sind." Deshalb klopften sie bei Innovestment an. Mindestens 75.000 Euro möchten sie so einwerben. Mit dem Geld will Particular einen Mitarbeiter fürs Marketing einstellen.
Für Anleger wie Dentel ist das Crowdinvesting allerdings keine besonders sichere Anlageform. Wenn Cosmopol pleitegeht, sind Dentels 500 Euro futsch. Dass ein Startup sich auf Dauer nicht am Markt behauptet, ist wahrscheinlicher, als dass es klappt. Etabliert sich die Idee, fällt der Gewinn dafür besonders hoch aus. Das Risiko nimmt der Betriebswirt gern in Kauf. "Es ist ein überschaubarer Betrag, da bin ich schon etwas wagemutiger." Langfristig will er kleine Beträge in verschiedene Jungunternehmen stecken und so sein Risiko streuen.
Crowdinvestoren wirken wie ein Katalysator. Sie liefern nicht nur Kapital, sie verbreiten auch die Geschäftsidee des Unternehmens. Auf Parties erzählt Dentel von Cosmopol, und auf seinem Facebookprofil hat er einen Link zu Seedmatch untergebracht. Davon profitieren beide Seiten: Cosmopol findet neue Kunden. Und Dentel erhöht die Chance, dass seine Investition sich auszahlt. Selbst hat Dentel bei dem Online-Shop noch keine Souvenirs gekauft. "Aber der Weihnachtsmann wird dort etwas für meine Freunde besorgen." Vielleicht hat er dann für Cosmopol noch mehr Business-Engel im Gepäck.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.377,69 | −0,11% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| EUR/USD | 1,2515 | −0,14% |
| Rohöl Brent Crude | 106,90 $ | +0,14% |
| Gold | 1.569,50 $ | +0,06% |