29.04.2010 · Fondsgesellschaften müssen die Kosten ihrer Produkte offenlegen. Zertifikate-Emittenten müssen dies dagegen nicht tun. Wege, den ein oder anderen Euro zusätzlich einzusacken, finden aber beide.
Von Nadine OberhuberDer Streit der beiden Lager währt schon seit Jahren. Vertreter der Fonds- und der Zertifikatebranche regen sich immer wieder auf, die Gegenseite würde den Anlegern die wahren Kosten ihrer Produkte verschleiern. So wetterte jüngst wieder der Fondsverband gegen die Zertifikate. Doch wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte - also der Kunde. Oder nicht?
In diesem Fall ist es nicht so. Denn der Streit führte bisher nicht dazu, dass die beiden Lager ihre Produkte billiger gemacht hätten. Stattdessen listen beide Seiten ihre Kosten immer öfter so auf, dass man die Gesamthöhe allenfalls erahnen kann.
Gebührenverschiebung statt -senkung bei Fonds
Nun ist die Fondsbranche seit 2004 gesetzlich verpflichtet, ihre Kosten offenzulegen. Einen wichtigen Teil davon machen die einmaligen Ausgabeaufschläge (Agio) aus, die beim Kauf fällig sind. Deren Höhe lässt sich schnell und punktgenau nachlesen. Sie liegen für die beliebteste Fondsgattung, die Aktienfonds, im Schnitt bei fünf Prozent. Zwar gibt es längst Wege, sich das Agio ganz zu sparen, nämlich beim Kauf über Direktbanken und Fondsshops. Doch kaufen noch immer mehr als zwei Drittel der Anleger ihre Fonds auf klassischem Wege bei Banken.
Zwar geht der Trend im Bankenverkauf auch zu „No-Load-Fonds“, also zu Fonds ohne Ausgabeaufschlag. Was aber auf den ersten Blick billig erscheint, ist auf den zweiten teurer. Denn im Gegenzug setzen die Anbieter bei „No-Load-Fonds“ die jährlichen Managementgebühren hoch. Und die wenigsten Käufer überschlagen korrekt, dass - über einen Zeitraum von zehn Jahren - ein Fonds mit 0 Prozent Agio und 1,5 Prozent Managementgebühr letztlich teurer ist als einer mit 5 Prozent Agio und 1 Prozent Managementgebühr.
Immerhin muss man sagen: Mit Agio und der Gesamtkostenquote TER (die im Schnitt bei 1,5 Prozent liegt) ist ein Großteil der Fondskosten genannt. Auch wenn es daneben Gebühren gibt, wie Transaktionskosten, die zusätzlich anfallen. Und auch wenn die Gesamtkostenquote erst nach gewisser Laufzeit beziffert werden kann. In der Frühphase heißt es in den Verkaufsprospekten etwa: „Da der Fonds erst im Juli 2009 aufgelegt wurde, kann derzeit zur TER keine Angabe gemacht werden.“ Klar ist auf jeden Fall: In der angegebenen Rendite eines Fonds sind alle laufenden Kosten bereits abgezogen.
Zertifikatekosten eher erahnbar
Von diesem Maß an Transparenz können Zertifikate-Anleger nur träumen. Sie kennen zwar ebenfalls den Ausgabeaufschlag und den Spread, das ist der Unterschied zwischen Kauf- und Verkaufskurs, den die emittierende Bank festlegt. Die behält nämlich beim Verkauf einen Prozentsatz für sich und belohnt sich so dafür, dass sie die Liquidität und Handelbarkeit des Papiers sichert. Allerdings vergrößert sie mit zunehmender Laufzeit gerne den Spread, und das kostet die Anleger wieder Geld. Nur 0,5 bis 1,5 Prozent Spread sind in Ordnung.
Was Zertifikate-Anleger nicht erkennen können: die Verwaltungsgebühren und „sonstigen Kosten“. Doch die sind oft so hoch, „dass der Durchschnittsanleger nicht einmal ansatzweise ermitteln kann“, sagt Daniel Bauer von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK). Zumal es über 400.000 Papiere auf dem Markt gibt, die selbst bei gleichem Basiswert so unterschiedlich konstruiert sind, dass sie untereinander kaum vergleichbar sind.
Zertifikate könnten billiger und ertragreicher sein
„Die Kosten spielen beim Zertifikat eine untergeordnete Rolle“, argumentiert Hartmut Knüppel, Vorstand des Deutschen Derivate Verbands DDV, „denn anders als Fonds, deren Erträge unvorhersehbar sind, geben Zertifikate von Anfang an ein festes Leistungsversprechen“. Viele Papiere garantierten dem Anleger eine feste Auszahlungssumme und eine bestimmte Verzinsung. Aber: Das heißt nicht, dass die Kosten nicht ins Gewicht fallen. Sondern umgekehrt: Die Auszahlung könnte viel höher sein, wenn die Bank nicht so viel Geld einstreichen würde.
Tatsächlich sei in 70 Prozent der Fälle ein Kauf von Staatsanleihen lukrativer als Zertifikate, oft sogar Tagesgeld - hat die SdK errechnet. Daniel Bauer vergleicht seit Jahren Prospekte und hat festgestellt: Die Kosten für ein Papier mit demselben Basiswert schwanken um bis zu 400 Prozent - sogar wenn sie vom selben Emittenten stammen. Nur bei extrem einfach konzipierten Zertifikaten herrscht Wettbewerb unter den Anbietern, sagt auch Petko Kostoff von Derixx. Er hat eine Software entwickelt, mit der er die tatsächlichen Kosten eines Zertifikates ermitteln kann.
„Bei Discount- oder Bonuszertifikaten auf den Dax oder Eurostoxx sind die Margen mit weniger als 1 Prozent gering.“ Für andere Produkte, vor allem viele exotisch konstruierte, gelte: „Kosten von 10 Prozent und mehr sind durchaus üblich. Und es gibt dabei nicht die billigen Emittenten und die teuren.“ Jeder langt mal zu.
Gebühren: Wachsend, nachträglich, unbenannt
Bei vielen Papieren ist überdies auch der Auszahlungsbetrag keinesfalls sicher. Immer häufiger heißt es in den Prospekten: Der Anbieter behält sich vor, am Rückzahlungstag noch Gebühren, Zinsen oder „Bereinigungsfaktoren“ einzubehalten. Wie hoch die sein könnten, steht natürlich nirgends.
Manche Banken gäben auch am Anfang moderate Gebühren von 0,5 Prozent an, sagt Zertifikateexperte Bauer, und schraubten sie dann nach einem Jahr Laufzeit in die Höhe, „18 Prozent Gebühren nach einem Jahr haben wir schon gesehen“. Andere legen die Gebühren erst am Einlösungstag nachträglich fest, nach „billigem Ermessen“, wie es in Prospekten heißt.
Der Bundesgerichtshof hat die Klausel längst als Benachteiligung der Anleger gerügt, noch steht sie aber in den Prospekten. Kostoff kommentiert das Gebaren der Branche deshalb gerne so: „Vor Gericht, auf hoher See und während der Laufzeit eines Zertifikats ist der Anleger in Gottes Hand.“
Ausgabeaufschläge vermeiden
Michael Tyssen (meinungsmacher)
- 29.04.2010, 19:43 Uhr
Äpfel & Birnen
Kurt Michler (Kurt.Michler)
- 29.04.2010, 20:06 Uhr
Nadine Oberhuber Jahrgang 1973, freie Autorin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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