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Anlage-Strategie Sinkende Zinsen - steigende Börsen?

Die Börsianer wetten kurzfristig mit Aktienkäufen auf Zinssenkungen. Dabei kommen tiefe Zinsen und eine üppige Geldversorgung nicht an, da die Bonität vieler Wirtschaftsteilnehmer überstrapaziert ist. Daran dürfte sich vorerst kaum etwas ändern.

© S&P, Morgan Stanley Research Vergrößern

Es ist wieder einmal soweit: Die Konjunkturdaten sind am Freitag beinahe weltweit grottenschlecht, die Kurse an den Börsen in Europa und den Vereinigten Staaten steigen jedoch, weil Anleger auf eine weitere deutliche Zinssenkung in den Vereinigten Staaten wetten.

Dabei haben die massiven Zinssenkungen der vergangenen Woche bisher kaum etwas bewirkt, während sich die Leitzinsen immer mehr der magischen Null-Prozentgrenze nähern. In Japan liegen sie gerade noch bei 0,24 Prozent, in der Schweiz bei 0,5 Prozent, in den Vereinigten Staaten bei einem Prozent und selbst in Europa befinden sie sich mit 2,5 Prozent auf einem tiefen Niveau.

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Tiefe Zinsen und eine üppige Geldversorgung kommen nicht an - Bonität angeschlagen

Inzwischen gehen die Märkte davon aus, dass die amerikanische Zentralbank den Leitzins anlässlich des am Dienstag und Mittwoch stattfindenden Treffens des Zins bestimmenden Gremiums von einem auf gerade noch 0,5 oder gar 0,25 Prozent senken wird. Droht ihr damit die „Zinssenkungsmunition“ auszugehen, so rechnen Marktteilnehmer mit alternativen Maßnahmen, mit welchen Liquidität in den Geldkreislauf gebracht werden soll. Längst hat die amerikanische Zentralbank begonnen, Commercial Papers von den Emittenten direkt zu kaufen.

usa sparquote_161208 © FAZ.NET Vergrößern

Tiefe Zinsen und eine üppige Geldversorgung haben bisher jedoch wenig bewirkt, da sie kaum bei den Konsumenten und den Unternehmen ankommen. Im Gegensatz zu früher hat sich inzwischen das Umfeld verändert. Nachdem in den vergangenen Monaten die tatsächlichen Risiken einer hohen Verschuldung, falsch kalibrierter Risikomanagement- und Vermögensverwaltungsmodelle sowie der starken Synchronisierung der Weltwirtschaft durch die Globalisierung offen gelegt wurden, sind die Wirtschaftsteilnehmer gezwungen, ihre Bilanzen zu sanieren und ihre Erwartungen anzupassen. Ihre Bonität ist schlicht unr einfach nicht mehr gut genug.

Das gilt in erster Linie für die Vereinigten Staaten und andere angelsächsische Staaten. Sie brauchen einen Wechsel, einen Change. Nach dem Motto „Yes we can!“ werden sie nun durch die Umstände gezwungen, den Gürtel enger zu schnallen und mehr zu sparen. Das gilt in erster Linie für den gemeinen Verbraucher, der in den vergangenen Jahren kaum Lohnzuwächse verbuchen konnte, der jedoch aufgrund einer Wohlstandsillusion immer mehr konsumierte. Er strapazierte dabei seine Kreditkarten und seine Bankkonti aufs äußerste, da er lange Zeit auf steigende Kurse an den Börsen und steigenden Preisen am Immobilienmarkt wettete.

Nicht nur die Konsumenten haben eine schlechte Bonität, sondern zunehmend auch die Staaten

Beide Wetten gingen nicht nur nicht auf, sondern sie wendeten sich sogar gegen sie. Die Hauspreise fallen immer tiefer, der Kreditkartenhaus ist in sich zusammengefallen und hat die Finanzunternehmen ebenso mit in den Strudel gezogen, wie die gesamte Realwirtschaft. Die Hauspreise fallen immer weiter - sie dürften im Durchschnitt noch weitere 25 Prozent fallen können, die Anzahl der Baubeginne und -genehmigungen befinden sich auf dem tiefsten Stand seit Beginn der Aufzeichnungen, die Einzelhandelsumsätze gehen zurück, die Kapazitätsauslastung sinkt, die Wirtschaft schrumpft und die Arbeitslosigkeit nimmt bei wachsender Bevölkerung deutlich zu.

Gleichzeitig ist das Land von massiven Kapitalimporten aus dem Ausland angewiesen. Angesichts der tiefen Renditen, der geringen Wachstumserwartungen, der geringen Bonität vieler Schuldner und der massiv zunehmenden Staatsschulden stellt sich die Frage, ob sich dieser Kapitalbedarf künftig zu diesen Konditionen wird decken lassen. Die Portfoliozuflüsse der internationalen Anleger fielen in den vergangenen Monaten schwach aus, während der Dollar nach einer Zwischenerholung wieder in die Defensive geriet.

Selbst keyensianische Konjunkturprogramme riesigen Ausmaßes können höchstens stabilisierend wirken. Denn den Kreditboom der vergangenen Jahrzehnte können sie nicht wieder beleben, zumal sie marktwirtschaftliche Signale verzerren. Wächst die Wirtschaft nicht, können die Unternehmen im Durchschnitt kaum die Gewinne steigern - und so gibt es kaum Gründe für steigende Kurse an den Börsen.

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.

Quelle: @cri

 
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