15.06.2007 · Die Börse ignoriert zuweilen das Lehrbuch. Denn höhere Renditen bedeuten nicht zwangsläufig fallende Aktienkurse. Das zeigt ein Blick auf die historische Entwicklung des deutschen Aktien- und Anleihemarktes seit 1980. Entscheidend sind vor allem Konjunktur und Inflation.
Von Steffen UttichHöhere Renditen bedeuten nicht zwangsläufig fallende Aktienkurse. Das zeigt ein Blick auf die historische Entwicklung des deutschen Aktien- und Anleihemarktes seit 1980. In diesem Zeitraum entfaltete ein kräftiger Zinsanstieg an den Anleihemärkten dreimal eine dämpfende Wirkung an den Aktienmärkten, dreimal zogen die Aktienkurse allerdings auch unbeirrt weiter ihre Bahnen nach oben.
In den vergangenen Tagen war der signifikante Zinsanstieg als Begründung für die Schwäche am Aktienmarkt herangezogen worden. Seit dem 4. Juni war der deutsche Aktienindex Dax von einem mehrjährigen Hoch bei 8.010 Punkten zeitweise um 500 Punkte gefallen, ehe er sich wieder auf gut 7.800 Punkte erholte. Gleichzeitig stieg die Rendite der richtungsweisenden Bundesanleihe von 4,45 Prozent auf bis zu 4,70 Prozent und lag damit so hoch wie seit 2002 nicht mehr.
„Nun besteht ein erhöhtes Risiko“
Der historische Vergleich zeigt jedoch, dass diese Wechselwirkung keinem Automatismus unterworfen ist. Die Ursache für die unterschiedliche Reaktion des Aktienmarktes auf steigende Zinsen in der Vergangenheit sehen Anlagestrategen in einem unterschiedlichen Konjunktur- und Inflationsumfeld. Über Jahre hinweg spielte das Thema Inflation nur selten eine tragende Rolle in den Modellen der Anlagestrategen, weshalb vielerorts schon von dauerhaft niedrigen Zinsen ausgegangen wurde und auch der Renditeanstieg in den vergangenen anderthalb Jahren kaum irritierte. „In der Theorie sind niedrige Zinsen gut für Aktien und steigende Zinsen schlecht“, sagt Richard Zellmann, Chefstratege der Frankfurter Investmentgesellschaft First Private. In den vergangenen beiden Jahren habe das wahre Leben an den Finanzmärkten jedoch anders ausgesehen, und viele Anleger hätten sich daran gewöhnt.
Seit in den vergangenen Tagen jedoch Inflation wieder zum Thema geworden ist, findet am Markt eine Umorientierung statt. „Bislang wurde die Rendite langlaufender Anleihen im Euro-Raum durch Konjunkturoptimismus getrieben; nun besteht ein erhöhtes Risiko, dass Inflationssorgen zum Treiber der nächsten Monate werden“, sagt Martin Gilles, der bei der WestLB die Aktienmarktstrategie leitet. Inflation ist für Anleihekurse - sie fallen, wenn die Zinsen steigen - wie Aktienkurse gleichermaßen schlecht.
Und da es weitgehend Konsens unter den Marktteilnehmern ist, dass sich der Gewinnzyklus der Unternehmen im Spätstadium befindet, gibt es von dieser seite für den Aktienmarkt keine Entlastung. Hinzu kommt, dass mit den höheren Zinsen auch die Finanzierungskosten der Unternehmen ansteigen. Vor allem auf die laufende Welle an Fusionen und Übernahmen könnte sich dies belastend auswirken. Zudem drücken die steigenden Kosten die Gewinne. Die Steigerungsraten bei den Unternehmensgewinnen sowie Fusionen und Übernahmen waren in der Vergangenheit jedoch ein starker Kurstreiber an den Aktienmärkten.
Das erstere Szenario bewegt die Gemüter
In einer aktuellen Studie der WestLB findet sich eine Schätzung, wie sich die Zinsänderung bei den Anleihen auf den fairen Wert der Standardwerte in Euro Stoxx 50 und Dax auswirken könnte. Würde demnach die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe von derzeit 4,6 Prozent auf 5 Prozent ansteigen, würde dies den fairen Wert des Dax um fast 500 Punkte und den des Euro Stoxx 50 um 250 Punkte drücken. Ginge der Marktzins dagegen wieder auf 4,4 Prozent zurück, würde dies den Wert um 200 (Dax) beziehungsweise 100 Punkte (Euro Stoxx 50) stützen.
Derzeit steht aber vor allem das erstere Szenario im Blickfeld und bewegt die Gemüter. So verband die Investmentbank Merrill Lynch bei der Veröffentlichung ihrer monatlichen Umfrage unter Fondsmanagern in dieser Woche die Nachricht, dass die Befragten weiterhin Aktien in ihren gemischten Portfolios übergewichten und Anleihen untergewichten, mit der Bemerkung: „Aber wenn die Zinsen weiter steigen, könnte dies Probleme für die Aktienbewertung mit sich bringen.“
Steffen Uttich Jahrgang 1970, Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für den Immobilienteil.
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