10.11.2008 · Das Konjunkturprogramm der chinesischen Regierung versetzt die Anleger am Montag in Begeisterung, Aktienkurse und Rohstoffpreise steigen. Doch die Wirksamkeit könnte überschätzt werden. Analysten rechnen nicht damit, dass die Rally lange anhält.
Von Martin HockBörsianer sind Sanguiniker. Genauso wie sie leicht in Panik und Depression zu versetzen sind, haben sie all ihre Sorgen im nächsten Moment vergessen und vermögen sich für gute Nachrichten zu begeistern.
Und so erleben die chinesischen Börsen am Montagmorgen eine Rekordfahrt, die auch die Kurse an den europäischen und amerikanischen Handelsplätzen an diesem Tag antreiben dürfte.
Wirtschaft im Abschwung
Hintergrund des massiven Kursanstiegs, der auch die Preise von Industriemetallen, Öl und Gold steigen lässt, ist das massive Investitionsprogramm der Regierung, das durch Steuerabschreibungen für Investitionen sowie höhere Subventionen an Landwirte und der Getreidepreise flankiert wird.
Das Wachstum ließ im dritten Quartal sichtbar nach, die Industrieproduktion erlebte im Oktober den größten Einbruch seit vier Jahren, die Exportbestellungen ein neues Tief. Die Zahl der verkauften Häuser ist stark gefallen, derweil sich bei den Auto-Händlern im September die unverkauften Fahrzeuge auf ein Vier-Jahres-Hoch türmten.
Hohe Wachstumsraten sind unbedingt erforderlich
Viel Positives ist über das Programm zu hören. China werde dem Rest der Welt helfen, indem es mehr Nachfrage nach Importgütern und -dienstleistungen schaffen werde, meint etwa Kevin Lai, Volkswirt am Daiwa Institute of Research in Hongkong.
Xing Ziqiang, Volkswirt der China International Capital Corporation prognostiziert ein zusätzliches Wachstum von 2 Prozentpunkten im kommenden Jahr als Folge des Pakets. Das würde China sehr zu pass kommen, sagten doch viele Analysten eine Abschwächung des Wachstums auf 7,5 Prozent voraus und wollten sogar 5 Prozent nicht ausschließen..
Denn was für den Westen extrem hoch klingt, reicht für China nicht aus, sagt etwa Rajat Nag, Geschäftsführer der Asiatischen Entwicklungsbank. Eine Wachstumsrate von 8 Prozent genüge in China nicht, um der jungen Bevölkerung Arbeit zu geben. Eine geringere Wachstumsrate wäre die niedrigste seit 18 Jahren.
Kritischer Faktor Export
Doch ganz so einfach ist die Welt nicht, dass es genügen würde, einfach die Staatsausgaben anzuheben, um die Welt in Ordnung zu bringen. Das beginnt damit, dass Chinas Wirtschaft in der Hauptsache vom Export lebt und der Konsum nur 37 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt beiträgt.
„Eine Entkoppelung Asiens vom Rest der Welt war doch immer nur ein Mythos“, sagt Nag. „Die Krise hat uns das jetzt erneut bewiesen.“ Und die Exportnachfrage kann China nur sehr bedingt beleben. Zwar könnte der Handelsbilanzüberschuss die Rekordgröße von 30 Milliarden Dollar erreicht haben, doch ist dies vor allem sinkenden Importen zu verdanken. Die Exporteure klagen vor allem über eine mangelnde Finanzierung. Man wage nicht große Aufträge anzunehmen, hieß es beim Spielzeugexporteur Shantou Defeng, da man fürchte, die Käufer könnten am Ende nicht zahlen. Aus den gleichen Gründen zeigten sich die Exportbanken zuletzt zurückhaltend.
Nun will die Regierung 3.486 Exportsubventionen anheben, so auch auf Spielzeug und Textilien und stellte weitere Anhebungen für arbeitsintensive Industriezweige in Aussicht. Ob das ausreichen wird, ist eine andere Frage: „Politikwechsel können zyklische Abschwünge nicht bekämpfen und die globale Nachfrage liegt außerhalb der Kontrolle der Regierung“, sagt auch Ziqiang.
Gelockerte Geldpolitik entfaltet Wirkungen nicht wie gewünscht
Die Erfahrung, dass eine stärker marktorientierte Wirtschaft nicht mehr so einfach zu kontrollieren ist wie eine zentral gelenkte, musste die Regierung in den vergangen Monaten schon mit ihren Zinssenkungen machen.
„Chinas Banken sind mittlerweile schlauer. Sie folgen Vorgaben von oben nicht länger blindlings'', sagt Leo Gao, Fondsmanager von APS Asset Management. Seit dem zweiten Quartal seien die Ausleihungen an Exporteure und Immobilienkredite rückläufig.
Die Banken seien sich im Klaren darüber, dass ein Anstieg der faulen Kredite auf sie zukomme. „Es ist ein Wunschdenken der Regierung, wenn sie versucht, die Banken zur Kreditvergabe zu überreden, um die Wirtschaft anzukurbeln“', sagte Li Qing, ein Analyst bei CSC Securities.
Das Rückgrat des Aufschwungs in der Klemme
Klage führten vor allem die etwa 42 Millionen kleinen und mittelständischen Betriebe, die
das Rückgrat des Wirtschaftsaufschwungs des vergangenen Jahrzehnts bildeten, indem sie mittlerweile mehr als 60 Prozent des Bruttoinlandsprodukts erwirtschaften. In städtischen Ballungsräumen entfallen drei Viertel aller Jobs auf Unternehmen mit einer Bilanzsumme von weniger als 40 Millionen Yuan.
Doch die Ausfallrate in dieser Gruppe ist vier Mal so hoch wie bei anderen Kreditnehmern. Und die Banken wollen staatliche Vorgaben bei der Kreditvergabe im Zuge einer neuerlichen staatlichen Rettungsaktion vermeiden und sitzen so auf einem Geldberg von mehr als vier Billionen Yuan (455 Milliarden Euro), nachdem sie mit Hilfe ausländischer Investoren ihr Risikomanagement entwickelt und die Richtlinien für die Kreditvergabe verschärft haben.
Die Bank of China etwa fordert von Kreditnehmern Unterlagen, die belegen, dass sie ein genügend hohes Auftragsvolumen haben, um den Kredit bedienen zu können. Außerdem gefragt sind Sicherheiten und Garantien. Darüber hinaus ist die Kreditentscheidung von der lokalen Zweigstelle in Hauptgeschäftsstellen, die für eine Provinz zuständig sind,
verlagert worden.
Weitere Hilfestellung geplant
Dies können die wenigsten Kleinunternehmer liefern. „Betriebe aller Branchen fahren ihr Geschäft zurück, um die Kapitalbasis zu erhalten. Das wichtigste ist das Überleben'', sagt etwa Yi Wang, der in der Provinz Zhejiang mit 300 Arbeitern Kinder-Regenmäntel für europäische Handelsketten wie Aldi und Tesco herstellt.
99 Prozent aller Betriebe in Zhejiang sind private Kleinunternehmen. Doch in den ersten sechs Monaten des Jahres hat die Industrial & Commercial Bank of China nur die Hälfte des Kreditvolumens des Vorjahres vergeben. 67.000 Kleinbetriebe haben in der ersten Jahreshälfte Bankrott gemacht. „Das führt zu steigender Arbeitslosigkeit und kann den sozialen Frieden gefährden“, sagt Frank Gong, Chef-Volkswirt für China der amerikanischen Bank JPMorgen Chase. Diesen Unternehmen will die Regierung nun ebenfalls unter die Arme greifen, indem man die für die Kreditvergabe vorgeschriebenen Lohnquoten beseitigt.
Nüchterne Betrachtung
Auch das Paket als solches verdient eine nüchternere Betrachtung. Es besteht immer noch das Risiko, dass eine im Grundsatz marktgetriebene Wirtschaft schneller korrigiere, als ein Konjunkturprogramm implementiert werden können, sagt Ben Simpfendorfer, Volkswirt der Royal Bank of Scotland. Cai Luoyi, Chefanalyst von China International Futures sieht zwar weinen positiven Effekt auf die sinkende Nachfrage. Doch der Konsum werde das Niveau des Vorjahres dennoch nicht erreichen.
Zumal das Ausmaß der zusätzlichen Investitionen zwar hoch scheint, doch zwei Jahre ein langer Zeitraum sind, damit diese ihre Wirkung entfalten, wie etwa Wang Zheng meint, Futures-Händler in Schanghai. Song Yu, Volkswirt von Goldman Sachs verweist darauf, dass beträchtliche Unsicherheiten bleiben. So sei die Größenordnung der zusätzlichen Investitionen nicht eindeutig, da nicht die gesamten vier Billionen Yuan direkte staatliche Investitionen sein sollen.
Kurzlebige Rally erwartet
Das ist auch gut so, denn das Programm für sich genommen entspricht 80 Prozent der Staatsausgaben des vergangenen Jahres. Da gleichzeitig die Steuern gesenkt und die Exportsubventionen angehoben werden sollen, droht eine deutlicher Rutsch ins Defizit. Belastung in zukünftigen Jahren. Und wirft man einen Blick auf die Reaktion der Rohstoffpreise, so ist nicht ausgeschlossen, dass sich die Inflationsraten, die gerade etwas nachgelassen hatten, rasch wieder anziehen.
Die Herausforderung sei, wie China es gelingen könne, 2 bis 3 Prozentpunkte zusätzlichen Wachstums durch den Binnenkonsum zu generieren um die fallende Exportnachfrage zu kompensieren, ohne dabei ein inflationäres Strohfeuer anzufachen oder Spekulationsblasen zu erzeugen, schrieben unlängst Goldman Sachs. Eine anti-zyklische Geldpolitik und eine Lockerung der Fiskalpolitik könnten nur kurzfristige Linderung der Verwerfungen im Übergang zu einer vom Binnenkonsum getriebenen Wirtschaft sein. Notwendig seien vielmehr Strukturreformen in der Finanzbranche sowie in der Fiskal- und Wechselkurspolitik.
Man müsse abwarten, dass das Programm zählbare oder psychologisch positive Effekte zeitige, so Simpfendorfer. Die meisten Analysten gehen jedenfalls davon aus, dass die am Montag eingetretene Rally Episode bleibt. „Die Euphorie wird wahrscheinlich kurzlebig sein, sobald die Investoren wieder auf die Fundamentaldaten blicken“, sagt Zheng. Morgan Stanley macht für die Rally Favoriten in der Stahl-, Baustoff- und Finanzbranche aus.
Sehr kurzlebig!
Karl-Heinz Andresen (khaproperty)
- 11.11.2008, 02:24 Uhr
Rohstoffe kurzfristig oben
Daniel Schneider (faulerpilot)
- 11.11.2008, 12:31 Uhr
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.377,69 | −0,11% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| EUR/USD | 1,2515 | −0,14% |
| Rohöl Brent Crude | 106,90 $ | +0,14% |
| Gold | 1.569,50 $ | +0,06% |