26.08.2008 · Unabhängig vom Ausgang der amerikanischen Präsidentschaftswahl im November könnten den Unternehmen der Verteidigungsindustrie einschneidende Veränderungen bevorstehen. Durch die Konsolidierung in der Branche sind die Unternehmen ohnehin abhängiger von der Politik geworden.
Von David BogoslawAn der Wall Street gelten republikanische Regierungen gemeinhin als förderlicher für die amerikanische Luft-, Raumfahrt- und Verteidigungsindustrie als Regierungen unter Führung der Demokraten. In den näher rückenden Präsidentschaftswahlen scheinen sich die Dinge diesmal allerdings nicht ganz so eindeutig darzustellen.
Mit seinem Ruf als Parteirebell sorgt der republikanische Hoffnungsträger John McCain unter Verteidigungsunternehmen für Nervosität über die künftige Marschrichtung, während sich Barack Obama den Schutz einheimischer Arbeitsplätze auf die Fahne schrieb (die Rüstungsindustrie ist ein großer Arbeitgeber in den Vereinigten Staaten) und damit zumindest einen Teil der Sorgen zerstreuen konnte, die sein Versprechen eines beschleunigten Abzugs amerikanischer Soldaten aus dem Irak hervorgerufen haben.
Beide Kandidaten geben sich zugeknöpft
In einer Zeit, in der die gestiegene öffentliche Wahrnehmung ausländischer Bedrohungen auf Skepsis gegenüber dem Krieg im Irak trifft, geben sich beide Präsidentschaftskandidaten zugeknöpft und beschränken Äußerungen zu ihren Prioritäten in der Verteidigungspolitik auf ein Mindestmaß.
Die amerikanischen Wähler wissen, dass John McCain für eine robuste Militärpräsenz der Vereinigten Staaten im Irak und in Afghanistan steht, solange diese für eine siegreiche Beendigung der Konflikte erforderlich ist. Barack Obama machte deutlich, dass er im Falle seines Wahlsieges die Kampftruppen in den ersten 16 Monaten seiner Präsidentschaft nach und nach aus dem Irak abziehen und lediglich eine Reststreitmacht für Anti-Terror-Einsätze in der Region belassen werde, ohne dauerhafte amerikanische Stützpunkte zu errichten.
Branche nicht mehr automatisch für Republikaner
Davon abgesehen ist es jedoch schwierig zu beantworten, ob eine demokratische oder eine republikanische Regierung für die Verteidigungsindustrie insgesamt vorteilhafter wäre. In der Vergangenheit haben Führungskräfte der Branche ohne Zögern den republikanischen Kandidaten unterstützt. In diesem Jahr jedoch möchten viele nach eigenen Aussagen trotz Sorgen um eine mögliche Kürzung des Verteidigungsetats durch Obama keinem der Kandidaten ihre Stimme leihen, sagt Richard Aboulafia, stellvertretender Vorsitzender der Analyseabteilung bei der Beratungsgesellschaft Teal Group.
Unklar ist, wie es mit der Branche für den Fall eines schrittweisen Truppenabzugs aus dem Irak unter Obama weitergehen wird. Wenn Konfliktherde abkühlen, gehen die Ausgaben für Waffen zurück. Der Rückzug der Amerikaner aus Vietnam verringerte die Bedrohung von Seiten der Sowjetunion, und nach dem raschen Ende des Zweiten Golfkriegs 1991 ging man landläufig davon aus, dass die von den Vereinigten Staaten demonstrierte militärische Stärke zukünftige Bedrohungen verhindern könnte.
„Der Unterschied in einer Welt nach dem 11. September besteht darin, dass die wahrgenommene Bedrohung nicht automatisch durch einen Abzug amerikanischer Truppen aus dem Irak abnehmen dürfte“, sagt Cai von Rumohr, Analyst bei der Investmentbank Cowen & Co.
Militärische Ausgaben werden hoch bleiben
Die jüngsten Veränderungen in der politischen Führung Pakistans (einem wankelmütigen Verbündeten Amerikas), die militärische Offensive Russlands in Georgien sowie neue Terrorbedrohungen in Algerien sprächen allesamt für unvermindert hohe, wenn nicht sogar für steigende Rüstungsausgaben, so von Rumohr. Nach seiner Ansicht komme ferner hinzu, dass die Militärausrüstung amerikanischer Truppen im Schnitt älter sein dürfte, als dies in früheren Konflikten der Fall war, was dafür spreche, dass die Verantwortlichen der Streitkräfte einen größeren Etat fordern werden.
Branchen-Lobbyisten und Berater gehen vor allem davon aus, dass die russische Offensive in Georgien wahrscheinlich ein Umdenken auf Seiten des Verteidigungsministeriums fördern werde, infolgedessen es zu einer Rückverlagerung des Schwerpunkts von der gegenwärtig verfolgten Aufstandsbekämpfung hin zu traditionellen Supermachtsymbolen wie etwa Flugzeugträgern kommen könnte.
Konsolidierung in der Branche erhöht die Abhängigkeit
Mittlerweile ist die Verteidigungsindustrie zudem stärker konsolidiert, wodurch Kürzungen der Verteidigungsausgaben einen Branchenakteur leichter ins Aus befördern könnten. „Wenn man eine industrielle Infrastruktur bewahren möchte, muss man den Menschen Arbeit geben“, so von Rumohr. Besser koordinierte und effektivere Lobbyarbeit der Branche könnte nach seiner Ansicht amerikanische Politiker davon überzeugen, die großzügige Finanzierung von Waffensystemen fortzusetzen.
Die Waffenbeschaffung bereitet den Rüstungsunternehmen das größte Kopfzerbrechen. Es gebe einen Zwiespalt zwischen McCains ideologischer Ausrichtung bei Verteidigungsausgaben und seinem Ruf, populistische politische Maßnahmen zur Begrenzung der Staatsausgaben vorzunehmen, so Aboulafia.
Obamas mangelnde Erfahrung mit den Streitkräften und seine bedeckte Haltung bei Fragen der öffentlichen Ordnung machen Prognosen über die Zukunft des Verteidigungsministeriums für den Fall seines Wahlsieges schwieriger. „Wir wissen nicht, was Obama tun wird, aber er wird wahrscheinlich dem Rat der Experten folgen, während McCain im Ruf steht, sein populäres Image mit schlechter Politik zu fördern“, meint Aboulafia.
Widersprüche in Obamas Programm
Doch Obamas Wahlprogramm ist nicht ohne Widersprüche. Er neige zwar zum Schutz einheimischer Arbeitplätze, „seine vorgebrachten Politikvorschläge zu internationalen Fragen sprechen jedoch eine vollkommen andere Sprache“, die stärker auf transnationale Kooperation ausgerichtet seien, sagt Kevin Michaels, Vorsitzender und Mitgründer von AeroStrategy, einem Beratungsunternehmen für die Luft- und Raumfahrtindustrie.
Die Entscheidung des Pentagon für die Neuausschreibung des 35 Milliarden Dollar schweren Auftrags zur Lieferung von Luftbetankungsflugzeugen an die amerikanische Luftwaffe - nachdem der Zuschlag zunächst an das Konsortium von Northrop Grumman und EADS vergeben, wegen Formfehlern aber wieder zurückgenommen wurde - könnte sinnbildlich für diesen Widerspruch stehen (Boeing droht mit Rückzug aus Tanker-Wettstreit).
Boeing spekuliert auf Sieg von Obama
Die Ankündigung von Boeing, aus dem Bieterrennen für den Fall auszusteigen, dass dem Unternehmen vom Verteidigungsministerium keine Fristverlängerung von sechs Monaten eingeräumt werde, um ein überarbeitetes Angebot für ein größeres Flugzeugmodell mit höherer Treibstoffkapazität einreichen zu können, dürfte eine Spekulation auf den Sieg Obamas sein. Offenbar scheint die Boeing-Führung davon auszugehen, dass sie bessere Chancen im Vergabeprozess hätten, wenn ein Demokrat ins Weiße Haus einzieht.
Obama ist zwar gegen einen Export von Arbeitsplätzen und würde sich vermutlich auf die Seite Boeings stellen, er strebt jedoch zugleich eine Verbesserung der transatlantischen Beziehungen an. „Wenn EADS beim Tankflugzeugauftrag leer ausginge, würde dies in Brüssel und im übrigen Europa sicherlich für Verstimmung sorgen und könnte als Signal interpretiert werden, dass die Vereinigten Staaten in einer Zeit zum Protektionismus neigen, in der sich die Märkte gerade zu öffnen beginnen“, so Michaels.
Heutzutage führen Bieterverfahren, in denen ausländische Unternehmen Aufträge des amerikanischen Militärs ergattern, nicht mehr zwingend zu einem Abbau von Arbeitsplätzen in den Vereinigten Staaten. Als EADS im Jahr 2006 den Zuschlag für die Lieferung von leichten Mehrzweckhubschraubern erhielt, weitete der Konzern seinen Unternehmensbereich in Nordamerika aus, errichtete Fertigungsstätten und schuf neue Arbeitsplätze. Michaels zufolge ebnete diese Auftragsvergabe auch anderen europäischen Anbietern den Weg und führte zum vertraglich geforderten Aufbau von Produktionsstandorten in Amerika.
Auch Wartung und Reparatur werden lohnend
Auftragnehmer des amerikanischen Militärs verdienen ihr Geld zunehmend mit dem Absatz von Ersatzteilen sowie mit Wartungs- und Reparaturarbeiten im Dienste der Streitkräfte. Michaels rechnet damit, dass die Vereinigten Staaten ein in Großbritannien populäres Verfahren übernehmen könnten, wonach die Auftragnehmer im Besitz der Waffenprogramme sind und diese an die Regierung vermieten. Er ist der Überzeugung, dass Obama diesem Verfahren aufgeschlossener gegenüber stehen könnte als McCain.
Bei der Stationierung von Waffen im Weltraum treten die unterschiedlichen Ansichten beider Kandidaten deutlicher zutage. Obama sprach sich dagegen aus, da Raketenabwehrsysteme den Beweis ihrer Fähigkeiten schuldig blieben, während McCain ihre Bedeutung und „die Nutzung des Weltraums als Kriegsvorteil“ hervorhob, sagt Marion Blakey, Vorsitzende und Geschäftsführerin des amerikanischen Verbands der Luft- und Raumfahrtindustrie (AIA) in Washington.
Obama ändert seine Position
Obamas Haltung bei allgemeiner gelagerten Investitionen in das amerikanische Weltraumprogramm ist schwerer zu fassen und hat sich im Laufe der Zeit verändert. Im vergangenen Herbst wollte er einen Teil der für die Weltraumforschung verwandten Mittel in die Bildung umschichten, während er sich vor kurzem für eine stärkere Unterstützung von Weltraumprogrammen aussprach, um mit den Fortschritten anderer Länder mithalten zu können. Zugleich befürwortete er Ausgaben für Umweltprogramme, die zu einem besseren Verständnis des Klimawandels und zu entsprechenden Lösungen beitragen würden.
Von Panzern für den Bodenkampf bis hin zu modernen Raketenabwehrsystemen im Weltraum: Die Zukunft der Verteidigungsindustrie hängt in nicht unerheblichem Maße vom Ausgang der amerikanischen Präsidentschaftswahlen im November ab.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.377,69 | −0,11% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| EUR/USD | 1,2515 | −0,14% |
| Rohöl Brent Crude | 106,90 $ | +0,14% |
| Gold | 1.569,50 $ | +0,06% |