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Altersvorsorge Riester-Boom: Nur ein Verdrängungseffekt?

23.05.2007 ·  Riester- und Rürup-Rente boomen, betriebliche Altersvorsorge und vermögenswirksame Leistungen darben. Gleichzeitig wächst die Bedeutung der Spezialfonds. Bewirkt die Rentenreform nur Verschiebungen beim Sparen?

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Eine Marktwirtschaft zeichnet sich dadurch aus, dass grundsätzlich alle wirtschaftlichen Vorgänge durch das Marktgeschehen gesteuert werden. Erst wenn die Ergebnisse dieses Marktprozesses nicht dem entsprechen, was gesellschaftlich akzeptabel ist, sollte der Staat regulierend eingreifen. Allerdings auch nur dann, wenn die Ergebnisverfehlung so gravierend ist, dass ein Eingreifen die Ergebnisse verbessern kann.

Denn wie das Wort Regulierung schon sagt, lenken die Eingriffe Geld- und Warenströme in neue Richtungen. Dabei neigen sie dazu, dies eher ruckartig zu tun. Das bedeutet, dass zu eine geringe Regulierungsintensität häufig wirkungslos bleibt, eine höhere Regulierungsintensität aber oftmals eine radikale Umlenkung von Ressourcen bewirkt.

Riester-Rente boomt

Wenn also ein Staat beschließt, auf der einen Seite die Besteuerung der privaten Ersparnis zu verschärfen, auf der anderen aber bestimmte Verwendungsformen zu subventionieren, darf man getrost davon ausgehen, dass eine gewaltige Umlenkung in die subventionierten Sparformen die Folge ist.

Was Wunder also, wenn der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) für das erste Quartal 2007 eine ungebrochene Nachfrage nach der Riester-Rente meldet. Das Neugeschäft entwickele sich auf dem hohem Niveau des Vorjahres, wo nach in den ersten drei Monaten dieses Jahres 484.600 Riesterverträge und damit 1,8 Prozent mehr als im Vorjahresvergleichszeitraum neu abgeschlossen wurden.

Dieselbe Feststellung trifft unabhängig davon auch der Bundesverband Investment und Asset Management (BVI), die Interessenvertretung der Fondsbranche. Mittlereile verzeichnen die Investmentgesellschaften über 1,3 Millionen Riester-Fondssparer, womit sich deren Zahl innerhalb von nur zwei Jahren vervierfacht und auf Jahressicht verdoppelt hat.

Rürup-Rente kommt ins Rollen

Sehr erfreuliche Ergebnisse konstatiert der GDV auch für die so genannte Basis- oder Rürup-Rente. 52.100 Verträge hätten im ersten Quartal 2007 neu abgeschlossen werden können. Zugute seien der Basisrente die Verbesserungen durch das Jahressteuergesetz 2007 und die neuen Regelungen zum Pfändungsschutz gekommen, so der GDV.

Wenn das Niveau auch nicht hoch erscheint, so sind es doch 60 Prozent mehr als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Außerdem muss man konstatieren, dass auch die Riester-Rente eine geraume Anlaufzeit brauchte, bis sie so recht ins Rollen kam. Zudem dürfte weniger gut situierten Arbeitnehmern die Möglichkeit fehlen, über die Riester-Rente hinaus auch noch eine Rürup-Rente zu finanzieren.

Das scheint sich auch bei anderen subventionierten Sparangeboten bemerkbar zu machen. So stellt der GDV einen Rückgang der Nachfrage nach der betrieblichen Altersversorgung fest. Bei den Pensionskassen seien im ersten Quartal 2007 nur rund 74.250 Verträge und damit 19,5 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum neu abgeschlossen worden.

BAV und VL leiden

Bereits jetzt belaste offensichtlich die Unsicherheit über die weitere Attraktivität der Entgeltumwandlung die Nachfrage nach betrieblicher Altersversorgung (BAV), so die Schlussfolgerung des Branchenverbandes. Denn wenn die Sozialabgabenfreiheit der Entgeltumwandlung nach 2008 wie geplant fällt, so wird die BAV vor allem für die Bezieher kleiner und mittlerer Einkommen weniger attraktiv. Der GDV appelliert daher, die Entgeltumwandlung insbesondere für diese Zielgruppe über 2008 hinaus zu erhalten.

Der BVI hingegen konstatiert einen Rückgang der Fondssparpläne mit Vermögenswirksamen Leistungen (VL) um 0,7 Millionen auf 4,4 Millionen Verträge gegenüber dem vierten Quartal 2006. Dies erkläre sich nur zum Teil dadurch, dass VL-Verträge stets zum Jahresende auslaufen. Darüber hinaus seien Arbeitgeber in jüngerer Zeit dazu übergegangen, VL zu streichen, um die freiwerdenden Mittel für die betriebliche Altersvorsorge einzusetzen. Da diese davon aber nicht zu profitieren scheint, sind die Mittel faktisch wohl zu einem Teil ersatzlos gestrichen worden. Entweder weil dies so gewollt war oder weil die Beschäftigten der Riester-Rente den Vorzug gegeben haben.

Inwieweit sich diese Umlenkung auch auf die private Ersparnis auswirkt, ist schwer zu belegen. Augenfällig ist indes, dass zum Stichtag 31. März das Wachstum des Fondsvermögens der Spezialfonds erstmals seit 2001/2002 wieder über dem der Publikumsfonds lag. Wuchs das Volumen der Publikumsfonds um rund sechs Prozent, so legte das Spezialfondsvolumen um acht Prozent zu. Dagegen legte 2005/2006 das Volumen der Publikumsfonds um rund 30, das der Spezialfonds lediglich um knapp 15 Prozent zu.

Mehr Bedeutung für Spezialfonds?

Indes lag der Nettomittelzufluss der Spezialfonds mit 15 Milliarden Euro im ersten Quartal unter dem der Publikumsfonds, die 17,4 Milliarden Euro neue Mittel attrahieren konnten. Dieses Volumen war dem des ersten Quartals des Jahres 2005 sehr ähnlich.

Augenfällig ist wiederum, dass sich das Volumen der in Spezialfonds fließenden Gelder dem der Zuflüsse in Publikumsfonds seit 2003 deutlich angeglichen hat. Gegenüber 2003 hat es sich mehr als verdoppelt, während das Zuflussvolumen bei Publikumsfonds knapp unter dem des Jahres 2003 liegt.

Auch wenn die empirischen Belege also nicht durchgängig überzeugend sind, so zeigen sie doch genügend Evidenz, dass das eintritt, was die volkswirtschaftliche Theorie prognostizieren würde. Die neue Regulierung der privaten Ersparnis führt zuerst zu einer Substitution der einen subventionierten Sparform durch eine andere und danach zur Verdrängung der schwach regulierten privaten Ersparnis.

Ob eine solche Regulierungspolitik, die mit der einen Hand ausgibt, was sie mit der anderen einsammelt, im Sinne der Reform der Altersversorgung wirklich zielführend ist, erscheint doch fraglich.

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.

Quelle: @mho
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