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Altersvorsorge Die Krise zehrt an der Rente

08.01.2010 ·  Das Auskommen für den Lebensabend ist bisher gut durch Finanz- und Wirtschaftskrise gekommen. Langfristig droht Rentnern und Sparern jedoch eine Durststrecke. Lediglich die gesetzliche Rente bleibt unberührt - im Gegenteil.

Von Stefan Ruhkamp
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Die deutschen Sparer lassen sich auch im zweiten Jahr der Finanzkrise nicht verdrießen. Unbeirrt legen sie ihr Geld beiseite, zuletzt sogar mit steigendem Trend. Nach dem Rückgang im Jahr 2008 ist das Geldvermögen der Deutschen im Jahr 2009 um rund 4,4 Prozent auf 4,64 Billionen Euro gewachsen – zum Teil wegen der Wertzuwächse auf den Kapitalmärkten, zum Teil aber auch, weil gespart wurde. Und laut einer Umfrage der Fondsgesellschaft Union Investment ist die Bereitschaft der Deutschen, sich mit ihrer Altersvorsorge zu beschäftigen, erstmals seit dem zweiten Quartal 2008 wieder gestiegen.

Diese Hartnäckigkeit ist angesichts der Furcht um das liebe Geld, die spätestens nach dem Zusammenbruch der Investmentbank Lehman Brothers im Herbst 2008 aufkam, keineswegs selbstverständlich. Für die verschiedenen Formen der Altersvorsorge ist die Finanz- und Wirtschaftskrise – unter anderem wegen der Erholung auf den Kapitalmärkten – bislang zwar glimpflich verlaufen. Doch die wirtschaftlichen Lasten werden auf lange Sicht unweigerlich an der Rente zehren.

In der kapitalgedeckten privaten Altersvorsorge verringern schwache Ergebnisse in der Kapitalanlage die Fähigkeit, hohe Renditen zu erwirtschaften. Je nach Produktklasse schlagen die Schwankungen auf den Kapitalmärkten unmittelbar auf die Guthaben der Sparer durch. Langfristig kann zudem nachhaltig schwaches Wirtschaftswachstum die Aussicht auf eine auskömmliche Rente verschlechtern.

Selbst mit erstklassigen Zinsanlagen selten mehr als 4 Prozent Rendite

Wichtigster Träger der privaten Altersvorsorge sind die deutschen Lebensversicherer. Die Finanzkrise wirkt sich auf die Produkte der Branche unterschiedlich aus. Bei fondsgebundenen Policen trägt der Kunde das Risiko des Wertverlusts allein. Wer zum Beispiel Verträge besitzt, die auf Aktienfonds basieren, muss im Vergleich zum Krisenbeginn im Sommer 2007 mit Einbußen von etwa einem Viertel rechnen – auf dem Höhepunkt betrugen die Wertverluste mehr als 50 Prozent. Viele Anleihefonds haben sich dagegen im Vergleich zur Zeit vor der Krise recht gut entwickelt. Deutsche Staatsanleihen und Pfandbriefe haben etwa – samt Zinsen – seit Sommer 2007 einen Wertzuwachs von rund 20 Prozent ermöglicht.

Das ist für alle Lebensversicherungen wichtig, die mit Garantien versehen sind. Mehr als 90 Millionen Policen, darunter auch das Gros der staatlich geförderten Riester-, Rürup- und Betriebsrenten, sind so strukturiert. Auf sie entfällt der größere Teil der Anlagen deutscher Lebensversicherer, rund 700 Milliarden Euro. Für sie haben die Anbieter Mindestverzinsungen von 2,25 bis 4 Prozent garantiert. Wegen dieser festen Zusagen müssen die Lebensversicherer besonders solide anlegen. Im Durchschnitt sind deshalb mehr als 85 Prozent in Zinsanlagen investiert, ein kleiner Teil in Immobilien und derzeit weniger als 5 Prozent in Aktien. In der heißen Phase der Finanzkrise haben vor allem die Aktienanlagen Sorgen bereitet. Ihr Wert hat sich inzwischen jedoch zumindest teilweise erholt. Allerdings dürften viele Versicherer von dieser Aufwärtsbewegung nur noch in geringem Umfang profitiert haben. Sie haben ihre ohnehin geringe Aktienquote weiter reduziert. Derzeit dürfte sie rund 3 Prozent betragen.

Entscheidend aus Sicht der Assekuranz ist die Wertentwicklung der Anleihen. Ihr Kurswert ist zwar gestiegen, aber das bedeutet zugleich, dass neue Anlagen für die Versicherer nur zu niedrigen Zinssätzen möglich sind. Mit erstklassigen Zinsanlagen lassen sich im Moment selten mehr als 4 Prozent Rendite erzielen. Die meisten Anbieter halten deshalb ihr Geld zusammen und bieten den Kunden eine laufende Verzinsung in ähnlicher Höhe. Im Durchschnitt ist die Summe aus Garantiezins und Überschussbeteiligung seit 2008 Jahr von knapp 4,4 auf 4,2 Prozent gesenkt worden. Für viele Lebensversicherte führt das dazu, dass in den jährlichen Standmitteilungen etwas geringere Ablaufleistungen aufgeführt werden.

Rasch steigende Geldentwertung gefährdet Ansprüche der Sparer

Es besteht aber auf zweierlei Art das Risiko, dass es schlimmer kommt: Sollte es zu einer weiteren Welle der Finanzkrise kommen mit abermaligen Bankenpleiten, wären die Lebensversicherten indirekt betroffen. Denn ein großer Teil der Anleihen in den Depots der Versicherer stammt von Banken. Allerdings handelt es sich meist um Pfandbriefe, die umfangreich mit Hypotheken und Staatsanleihen besichert sind.

Das zweite große Risiko ist für die Lebensversicherten (wie für alle langfristig gebundenen Gläubiger) ein rasch steigendes Tempo der Geldentwertung. Schon zweimal wurden die Ansprüche der deutschen Lebensversicherten im vergangenen Jahrhundert weitgehend entwertet. Wenn die Zinsen stark und schnell steigen, müssten viele Versicherer fürchten, dass ihre Kunden massenhaft Verträge kündigen. Diese Gefahren – Inflationsangst und rasanter Zinsanstieg – dürften angesichts einer Teuerung von derzeit weniger als 1 Prozent vorerst allerdings keine große Rolle spielen. Wahrscheinlicher erscheint, dass sich die Lebensversicherten mit mageren Renditen zu begnügen haben werden. Das macht niemanden reich, wäre aber angesichts der Schwere der Krise auch kein schlechtes Ergebnis.

In den berufsständischen Versorgungswerken sind rund 700.000 Ärzte, Steuerberater, Architekten, Anwälte, Notare und andere Freiberufler organisiert. Sie haben sich von der Pflicht zur Mitgliedschaft in der gesetzlichen Rentenversicherung befreien lassen und zahlen stattdessen in die berufständischen Einrichtungen ein. Diese sind überwiegend kapitalgedeckt finanziert und zu einem kleineren Anteil über Umlagen. Zu einem guten Teil gelten deshalb die gleichen Mechanismen wie für die Lebensversicherer, zumal die Versorgungswerke nach ähnlichen Regeln anlegen. Allerdings haben die Versorgungswerke nach eigenen Angaben eine deutlich höhere Aktienquote als die Versicherer. Bei den Versorgungswerken soll sie unmittelbar vor Beginn der Finanzkrise etwa 17 Prozent betragen haben und seitdem gesunken sein.

Gesetzliche Rentenversicherung weiterhin grundsolide

Die Versorgungswerke haben wie die Lebensversicherer viel in Anleihen investiert und tragen deshalb ein ähnliches Systemrisiko. Ihre Stabilität ist jedoch größer, weil sie ihren Mitgliedern keine Mindestverzinsung garantieren. Außerdem handelt es sich um eine Pflichtversicherung – die Mitglieder können also nicht kündigen und ihr Geld abziehen. Im Extremfall könnten die Versorgungswerke obendrein die Umlagekomponente erhöhen. Dann würden weniger Mittel der zahlenden Mitglieder für den Aufbau des Kapitalstocks ausgegeben und mehr für die Auszahlungen an die Pensionäre.

Für die gesetzliche Rentenversicherung gibt es keine unmittelbaren Folgen der Finanzkrise. Ihre Auszahlungen werden im Umlageverfahren finanziert. Die arbeitende Bevölkerung zahlt also, sofern sie sozialversicherungspflichtig beschäftigt ist, aus dem laufenden Einkommen die Auszahlungen an die Rentner. Das Prinzip der gesetzlichen Rente, die laufenden Renten aus den laufenden Einnahmen zu finanzieren, habe sich als grundsolide erwiesen, sagte vor einigen Wochen Alexander Gunkel, Vorsitzender des Bundesvorstandes der Deutschen Rentenversicherung Bund. Tatsächlich wurden die Renten in den vergangenen Jahren sogar deutlich angehoben, in Westdeutschland um rund 4 und im Osten um rund 5 Prozent. Der Wert eines Rentenpunktes – so viel erwirbt ein Durchschnittsverdiener je Beitragsjahr – ist dadurch im Westen von 26,13 auf 27,20 Euro gestiegen.

Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit wirken sich auf die gesetzliche Rente immer erst mit einer Verzögerung von mehr als einem Jahr aus. Sinkende Auszahlungen müssen die Rentner nicht fürchten. Aber der starke Rückgang der Wirtschaftstätigkeit im Jahr 2009 und die absehbar niedrigen Wachstumsraten in den nächsten Jahren machen es wahrscheinlich, dass der nominale Wert der Renten stagnieren und ihre Kaufkraft schwinden wird.

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Jahrgang 1968, Redakteur in der Wirtschaft.

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