10.03.2008 · Alle wissen: Das Geld wird im Alter knapp. Doch Orientierungslosigkeit und Überforderung machen den Menschen die Vorsorge schwer.
Von Nadine Oberhuber und Patrick BernauAls Märchenonkel hätte Norbert Blüm heute vielleicht noch eine Chance mit dem Satz „Die Rente ist sicher“. Aber anders als noch vor zehn Jahren würde heute niemand mehr einem Politiker diesen Satz abnehmen. Fast 90 Prozent der Deutschen haben den Glauben an die gesetzliche Rente verloren. Und es mag zwar einige verwundern, aber sogar die Einsicht, dass alle mehr privat fürs Alter sparen müssen, ist da - in weiten Teilen der Bevölkerung.
Die Hälfte der Deutschen geht laut einer Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach ernsthaft davon aus, dass das Geld später mal nicht reichen wird. Bei den Jungen sagen das schon zwei von drei Befragten.
Mehr Einsicht, weniger Konsequenz
Vor allem Akademiker habe das Deutsche Institut für Altersvorsorge jüngst als Gruppe der tendenziell Unterversorgten ausgemacht, warnt Institutssprecher Bernd Katzenstein. Und die Marktforschungsgesellschaft Psychonomics weiß, dass mehr als 80 Prozent der Bürger auch bereitwillig einräumen, dass künftig mehr Eigenverantwortung von ihnen gefragt sei. Sie haben sogar den Vorsatz zum Sparen: Jeder Zweite sagt, dass er mehr fürs Alter zurücklegen will. Auch wenn diese Zahlen von Umfrage zu Umfrage schwanken: Der Geist ist willig.
Aber das Fleisch ist schwach. Die Zahl derer, die ein konkretes Investment fürs Alter planen, hat sich in den vergangenen vier Jahren auf gut 30 Prozent halbiert, sagen Studien. Jeder zweite Bürger dagegen gehöre entweder zu den „Überforderten“ oder den „Frustrierten“ und lasse die Finger von Vorsorgeprodukten, sagt Werner Grimmer, Psychologe bei Psychonomics. Das ist alarmierend.
Orientierungslose Bürger
Dabei sparen die Deutschen gar nicht wenig. Aber eben nicht fürs Alter, sondern eher fürs neue Auto. Und oft horten gerade die Reichen das Geld, die ohnehin schon gut versorgt sind, sagt Katzenstein. Viele Durchschnittsverdiener dagegen glauben: Ich habe gar nicht genug Geld zum Vorsorgen.
Dieses Gefühl kennen Forscher gut. Sie heben immer wieder hervor, wie schwer es Menschen fällt, auf etwas zu verzichten, an das sie sich gewöhnt haben - aber wer für die Zukunft vorsorgen will, muss eben heute weniger einkaufen. Forscher empfehlen darum, jede Gehaltserhöhung dazu zu nutzen, mehr Geld für die Vorsorge zurückzulegen. So fällt der Verzicht beim Einkaufen nicht so auf.
Doch was tun mit dem Geld? Die Antwort fällt zunehmend schwer: „Die Politik hat die Menschen zutiefst verunsichert, und sie bremst“, sagt Werner Grimmer, Psychologe bei Psychonomics. „Wenn sich alle paar Monate die Gesetzeslage ändert, fühlen sich viele Bürger orientierungslos.“ Den größten Schlag musste das Lieblings-Vorsorgeprodukt der Deutschen hinnehmen, die Lebensversicherung. Seit deren Gewinne besteuert werden, haben die Policen bei den Verbrauchern deutlich an Attraktivität verloren.
Komplizierte Produkte
Stattdessen kamen die Riester- und Rürup-Renten, deren Konstruktion anfangs so unüberlegt war, dass sie mehrfach geändert werden musste und selbst Experten sie als komplizierteste Produkte am Markt kritisierten. Zwar feiert die Politik die Riester-Rente inzwischen als Erfolg, weil mehr als acht Millionen Bürger einen Vertrag haben. Was sie aber nicht sagt: dass ein großer Teil der Verträge nur auf Minimalniveau bespart wird und deshalb später kaum die Rentenlücke füllt.
Dazu kommt, dass immer mehr Anbieter immer aggressiver um die orientierungslosen Anleger buhlen und Tausende neue Produkte allein in den vergangenen Jahren auf den Markt kamen. Immer wieder wird auch vor nutzlosen, überteuerten Produkten gewarnt. So haben die Sparer nicht nur das Vertrauen in den Staat verloren, sondern auch das in die Seriosität vieler Anbieter. Auch das belegen Umfragen. Wer weiß schon, bei wem das eigene Geld wirklich für die folgenden dreißig Jahre gut aufgehoben ist?
Verdrängung
Die Konsequenz: „Die meisten Menschen machen lieber gar nichts und versuchen das Problem der Altersvorsorge zu verdrängen“, sagt Grimmer. Je größer die Auswahl, desto kleiner die Nachfrage - diesen Effekt gibt es sogar im Supermarkt: Wenn die Kunden zwanzig Joghurtsorten angeboten bekommen, kaufen sie weniger, als wenn es nur sechs Sorten sind.
Es gibt aber ein zuverlässiges Mittel gegen die Verunsicherung: die riesige Auswahl ignorieren. „Kaufen Sie einen ausgewogenen Indexfonds“, rät der Finanzexperte Shlomo Benartzi von der Universität Los Angeles. Das könnte etwa einer auf den MSCI-World-Index sein. Davon gibt es zwar mehrere, aber Benartzi empfiehlt: „Stellen Sie sicher, dass die Gebühren nicht zu hoch sind.“ Sparer, die regelmäßig in so einen Fonds einzahlen, haben wenigstens begonnen. Später kann ein Berater die Altersvorsorge immer noch verfeinern.
Sich selbst zum Sparen verführen
Anfangen. Auch wenn es banal klingt: Zwingen Sie sich, den ersten Schritt zu tun. Der ist der schlimmste. Richten Sie erst mal einen Sparplan ein, mit dem Sie regelmäßig Geld auf ein Altersvorsorgekonto einzahlen. Dann nehmen Sie sich ruhig ein Wochenende Zeit, um die richtige Form des Sparens zu finden. Sprechen Sie mit anderen über den Plan. Das spornt an.
Beraten lassen. Sie müssen nicht alles allein entscheiden. Lassen Sie sich professionell beraten. Aber bitte unabhängig! Freie Finanzberater helfen, die passenden Produkte zu finden. Vorsicht bei Banken und großen Gesellschaften, hier zählen oft die Beraterprovision und das schnelle Geschäft mehr als Ihre Wünsche.
Flexibel bleiben. Es muss wirklich nicht die Versicherung sein. Gerade wenn Sie nicht sicher sind, wie viel Sie langfristig zurücklegen können, sollten Sie sich nicht in starre Verträge zwängen lassen. Mit Fonds- und Banksparplänen bleiben Sie flexibel.
Automatisieren. Wer sich vornimmt zu sparen, was vom Monat übrig bleibt, kommt schnell in Versuchung. Besser sind Sparpläne mit Einzugsermächtigung: So wird das Geld automatisch vom Konto abgebucht, etwa an dem Tag, an dem auch das Gehalt eingeht. Dahinter steckt ein einfacher Trick: Einen Zufluss, den wir nicht als solchen verzeichnen, können wir auch nicht betrauern.
Anpassen. Kleine Tricks erhöhen die Sparneigung. Wer sich im Voraus selbst verpflichtet, die nächsten Gehaltserhöhungen hauptsächlich für die Altersvorsorge zu nutzen, spart auf Dauer immer mehr.
Standhaft bleiben. Auch wenn es bisweilen schwer fällt - das Vorsorgekonto ist zum Decken von laufenden Ausgaben tabu.
Nadine Oberhuber Jahrgang 1973, freie Autorin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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