03.05.2007 · Jetzt wird wieder die alte Börsenregel bemüht: „Sell in May and walk away“. Tatsächlich lohnt sich diese Strategie. Noch besser aber ist es, im Mai nicht ganz auszusteigen, sondern auf defensive Sektoren zu setzen, meint Sam Stovall von S&P.
Von Sam Stovall, S&PDer Dow Jones Industrial Average (DJIA) hat jüngst die 13.000er-Marke überschritten. Einige Investmentstrategen reden nunmehr davon, dass der S&P 500 seinen alten Höchststand von 1.527 Zählern in den kommenden zwei Monaten einstellen wird. Bei diesem Anstieg könnte der S&P 500, auf das volle Jahr gerechnet, ein Plus von 17 Prozent erreichen.
Bei einem Plus von mehr als 13 Prozent im Jahr 2006 verwundert es nicht, dass die Investoren nun die alte Wall-Street-Weisheit „Sell in May and walk away“ in Betracht ziehen. Vielleicht wäre es tatsächlich klug von den Investoren, auf diese Weisheit zu hören - aber auf eine leicht veränderte Art.
An der Wall-Street-Weisheit ist was dran
Unserer Meinung nach ist an dieser alten Wall-Street-Weisheit tatsächlich etwas dran. Seit 1945 hat der S&P 500 eine durchschnittliche Steigerung von 7,1 Prozent von November bis April verbuchen können, gegenüber einem Anstieg von nur 1,6 Prozent in den Monaten Mai bis Oktober, was nahe legt, dass anderswo größere Gewinne gemacht werden konnten. Außerdem hat die Performance in den Monaten November bis April diejenige von Mai bis Oktober in 69 Prozent der Fälle übertroffen, so auch in den vergangenen zwölf Monaten. Für diese ausgesprochene saisonale Stärke oder Schwäche kann es unseres Erachtens mehrere Gründe geben.
Aus der Perspektive der saisonalen Schwäche zeigt die Vergangenheit, dass der S&P 500 seine schlechteste durchschnittliche Drei-Monats-Performance im dritten Quartal verbucht hat, wenn die Investoren möglicherweise eher ihre Sonnenbräune als ihre Portfolios im Sinn haben. Außerdem neigen die Analysten möglicherweise eher im späten dritten Quartal als im ersten oder zweiten dazu, ihre Prognosen für die Gewinne des gesamten Jahres nach unten zu korrigieren, und tragen so dazu bei, den September zum Monat mit der schlechtesten Performance im Jahr zu machen.
Finanzspritzen stützen den Markt
Darüber hinaus ist der Oktober historisch gesehen ein Monat, in dem der Markt eine Talsohle entwickelt, also beginnt der S&P 500 den November auf einem Level, das im Vergleich zu anderen Monaten recht niedrig liegt. Dies verleiht der Zeit von November bis April den Vorteil, dass sie auf einem niedrigeren Level beginnt.
Die überdurchschnittliche Stärke der Spanne November bis April wird möglicherweise durch große Finanzspritzen unterstützt, zum Beispiel von den Einzahlungen für die Pensionspläne und der Anlage von Prämienzahlungen und Steuerrückerstattungen. Zusätzlich liegt der November auch in der Zeit des Jahres, in der die Analysten beginnen, fünf Quartale vorauszuschauen, statt sich auf die letzen ein oder zwei zu konzentrieren.
„Sell in May“ funktioniert gut vor den Wahlen
Die Monate November bis April sind auch recht beständig darin, Kursgewinne zu verzeichnen, die über dem langfristigen Durchschnitt liegen. Seit 1945 hat der S&P nur in 41 Prozent der Zeit um 4,5 Prozent oder weniger (halb so viel wie sein langfristiger jährlicher Durchschnitt von 9 Prozent) zugelegt. Mit anderen Worten: er hat in 59 Prozent der Zeit einen Gewinn von 4,5 Prozent überschritten. In der Zeit Mai bis Oktober allerdings hat der S&P in 58 Prozent der Fälle weniger als 4,5 Prozent zugelegt.
Zerlegt man diese Analyse in den vierjährigen Präsidentschaftszyklus, scheint es, dass die „Sell in May“-Weisheit in den Jahren vor den Präsidentschaftswahlen (etwa 2007) sehr gut funktioniert: In diesen Jahren legte der S&P nur in 13 Prozent der Monate November bis April weniger als 4,5 Prozent zu, während der Markt in den Monaten Mai bis Oktober in 60 Prozent der Fälle weniger als 4,5 Prozent hinzugewann. Vom 31. Oktober 2006 bis 27. April 2007 stieg der S&P 500 um 8,4 Prozent.
Schließlich ist in den Jahren vor den Wahlen zu beobachten, dass die November-April-Performance die Mai-Oktober-Ergebnisse in 80 Prozent der Zeit übertrifft (siehe FAZ.NET-Tabelle). Sollte sich die Geschichte wiederholen, wofür es natürlich keine Garantie gibt, dürften die Chancen also gut stehen, dass der Markt in der kommenden Mai-Oktober-Periode weniger als 4,5 Prozent steigen wird und eine hohe Wahrscheinlichkeit besteht, dass der Gewinn der kommenden Monate unter dem des vergangenen Halbjahres liegen wird.
Opportunistischer Wechsel...
So oder so - Investoren möchten sich vielleicht nicht an die Regel „Sell in May“ halten. Denn der durchschnittliche Gewinn in den Monaten Mai bis Oktober unterscheidet sich nur wenig von der aktuellen Rendite eines Geldmarktfonds. Wozu also die Transaktionskosten und die steuerlichen Folgen des Verkaufs auf sich nehmen?
Wenn Sie das Zeitspiel auf dem Markt nicht mögen und Sie lieber jederzeit investiert wären: Wäre es nicht besser, eine Möglichkeit zu finden, beim S&P 500 von November bis April auf steigende Kurse zu setzen und dann in einen Sektor zu wechseln, der für gewöhnlich von Mai bis Oktober die beste Marktperformance erzielt?
... hätte eine deutliche Outperformance gebracht
Wir haben herausgefunden, dass seit 1990, seitdem die S&P-500-Sektordaten vorliegen, die zyklischen Sektoren wie Finanzdienstleister, Industrie und Grundstoffe (und die Sektoren Güter des täglichen Bedarfs sowie Informationstechnologie zu einem geringeren Ausmaß) üblicherweise in der Zeit von November bis April die besten Ergebnisse erzielen. Die defensiven Sektoren Dauerhafte Konsumgüter und Gesundheitswesen schnitten dagegen in den Zeiten saisonaler Schwäche (Mai bis Oktober) am besten ab (siehe FAZ.NET-Tabelle).
Hätte ein Investor den S&P 500 von November bis April gehalten und dann von Mai bis Oktober in die S&P-500-Sektoren Dauerhafte Konsumgüter oder Gesundheitswesen umgeschichtet, um dann wieder von November bis April in den S&P 500 zurückzukehren usw., hätte er das durchschnittliche Jahresplus von 9,3 Prozent für den S&P 500 auf 12,7 Prozent für den Sektor Dauerhafte Konsumgüter und auf 13,1 Prozent für den Gesundheitswesen-Bereich ausgeweitet.
S&P glaubt an die Regel...
Die Indizes für die Sektoren Dauerhafte Konsumgüter und Gesundheitswesen schlagen den S&P 500 von Mai bis Oktober ungefähr in zwei von drei Jahren. Im Jahr 2006, als der S&P 500 von Mai bis Oktober um 5,1 Prozent stieg, gewann der S&P-Index für den Sektor Dauerhafte Konsumgüter 8,8 Prozent, und der S&P-Index für den Sektor Gesundheitswesen legte um 7,8 Prozent zu.
Das alte Sprichwort scheint also seine Vorzüge zu haben. Ob es wieder funktionieren wird, ist reine Vermutung. Wir denken jedoch, dass es das wird. Tatsächlich raten die S&P-Aktienstrategen dazu, die Sektoren Dauerhafte Konsumgüter, Finanzen und Gesundheitswesen überzugewichten.
... und rät zu defensiven Sektoren
Wir empfehlen eine Übergewichtung des Sektors Dauerhafte Konsumgüter aufgrund der antizyklischen Nachfrage nach vielen Produkten aus diesem Bereich, verbunden mit einer zunehmenden internationalen Verkaufspräsenz, die unserer Einschätzung nach wahrscheinlich die Anfälligkeit für ein gebremstes Wirtschaftswachstum in den Vereinigten Staaten abmildern wird. Unsere Empfehlung für den Finanzsektor ist antizyklisch und spiegelt einen sich verbessernden Ausblick aus technischer Sicht wider sowie unsere Ansicht, dass die negativen Nachrichten aus dem Subprime-Bereich nunmehr vollständig in den Bewertungen berücksichtigt sind.
Zum Schluss empfehlen wir eine Übergewichtung des Sektors Gesundheitswesen. In einem Umfeld abflauender Gewinne je Aktie am Gesamtmarkt, das von einem sich abschwächenden konjunkturellen Wachstum herrührt, glauben wir, dass Investoren sich verstärkt Sektoren mit sichtbar hohem Gewinnwachstum und defensiven Eigenschaften zuwenden werden.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.377,69 | −0,11% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| EUR/USD | 1,2515 | −0,14% |
| Rohöl Brent Crude | 106,90 $ | +0,14% |
| Gold | 1.569,50 $ | +0,06% |