17.07.2008 · Rote Zahlen allenthalben an den Börsen bis noch vor kurzer Zeit. Hier sind fünf Kriterien, mit denen Anleger finanziell robuste Unternehmen aufspüren können, um die derzeitige konjunkturelle Abkühlung zu überstehen.
Von Ben StevermanEs scheint kein Tag zu vergehen, an dem nicht Meldungen über ein weiteres Unternehmen mit angeschlagenen Finanzen durch die Medien geistern.
Am 15. Juli war General Motors an der Reihe. Der Autobauer versucht unter anderem mit Kostensenkungen und einer Streichung der Dividende bis Ende kommenden Jahres insgesamt 15 Milliarden Dollar aufzubringen, um seine angespannte Liquiditätslage zu stabilisieren.
Jedweder Liquiditätshunger dürfte derzeit besonders schwer zu stillen sein. Ein Jahr nach Ausbruch der Kreditkrise sind Darlehensgeber nicht länger willens, Geld an Unternehmen oder Hauskäufer mit fragwürdigem Kreditprofil zu verleihen.
„In früheren Jahren „war es ziemlich einfach, einen Kredit zu bekommen“, sagt Sam Stewart, Vorsitzender und Chief Investment Officer des Fondsverwalters Wasatch Advisors. Diese Zeiten sind passé. „Wenn man auf Fremdfinanzierung angewiesen ist, muss man sich an neue Spielregeln gewöhnen“, fügt Stewart an.
Wir befragten Investmentexperten, wie man Aktien von Unternehmen mit schwacher Finanzlage vermeidet und wie man starke Unternehmen zu einer Zeit aufspürt, in der Stärke besonders wertvoll erscheint.
1. Achten Sie auf hohen Barmittelbestand und niedrigen Schuldenstand
Investmentexperten sind sich einig über die Bedeutung einer intensiveren Auseinandersetzung mit den Unternehmenszahlen, auch wenn diese auf die unterschiedlichste Weise erfolgen kann. Sehen Sie sich den Barmittelbestand des Unternehmens an und schauen Sie nach, wie hoch der Anteil der Schulden in der Bilanz ist (wobei die kurzfristigen Schuldpositionen am riskantesten sind). Vergleichen Sie den Barmittelbestand und den Schuldenstand mit anderen Unternehmen derselben Branche. Eine andere von vielen Investoren herangezogene wichtige Kennzahl ist der freie Cashflow (Cashflow vor Gewinnausschüttungen und nach laufenden Investitionen), der Auskunft darüber gibt, ob in einem Quartal letztlich mehr Geld in das Unternehmen hinein- oder aus diesem herausfließt.
Unternehmen mit niedrigen Schulden und hohen Barmitteln haben im aktuellen Umfeld die deutlich besseren Karten. „Mit einem Polster an liquiden Mitteln lassen sich harte Zeiten besser überstehen“, sagt Scott Armiger von Christiana Bank & Trust. Als Beispiel nennt er das Baustoffunternehmen USG, das zwar unter der Abschwächung des amerikanischen Häusermarktes leidet, aber dennoch die Modernisierung seiner Produktionsstätten vorantreibt. In einem Umfeld niedriger Marktbewertungen eröffnen sich für Unternehmen mit soliden Bilanzen darüber hinaus Übernahmechancen. „Sie nutzen Zeiten wie diese für Zukäufe, da sie attraktive Kaufgelegenheiten vorfinden“, so Armiger.
Viele schwächere Unternehmen finanzieren Übernahmen mit hohem Fremdkapitaleinsatz. „Fremdmittel ermöglichen Wachstum, können in Abschwungphasen jedoch zu großen Problemen führen“, sagt Ken Hemauer, Director of Research bei Baird Investment Management. Eine hohe Schuldenlast kann sich für Unternehmen als schwere Hypothek erweisen. Rob Lutts von Cabot Money Management führt die überschuldeten Branchen Automobilbau und Flugverkehr an: „Ohne ihre Schulden könnten sie ihren Geschäftsbetrieb anpassen und auf die Erfolgsspur bringen“. Als positives Beispiel nennt Lutts den Ölkonzern Exxon Mobil, dem es gelingt, in einem kapitalintensiven Geschäft praktisch ohne Schulden auszukommen.
2. Weitere Finanzkennzahlen
Neben den wichtigen Kriterien Barmittelbestand und Schuldenstand sollten Investoren weitere Kennzahlen im Blick behalten.
Lutts hält Ausschau nach „sehr hohen“ Gewinnmargen nach Steuern, häufig zwischen 25 und 30 Prozent. „Sie verleihen einem Unternehmen im Tagesgeschäft größere Stärke“, sagt Lutts und zieht Google sowie den chinesischen Bildungsdienstleister New Oriental Education als Beispiele heran.
Mustafa Sagun, Chief Investment Officer der Aktiensparte von Principal Global Investors, betont, dass es nicht nur auf gute Fundamentaldaten, sondern auch auf deren Verbesserung ankommt, etwa auf die Steigerung von Umsatz und Gewinn oder die Ausweitung von Gewinnmargen.
Wird für eine Aktie Dividende gezahlt, sollte man sich die Historie der Dividendenzahlungen ansehen, rät Hemauer und fügt an: „Wichtiger als die Höhe der Dividende ist die Stetigkeit ihrer Ausschüttung“. Eine gleichbleibende oder steigende Dividende ist Hemauer zufolge ein vortreffliches Zeichen finanzieller Stärke.
3. Nachhaltigkeitsvorteile
Michael Yoshikami, Vorsitzender und leitender Anlagestratege von YCMNET Advisors, sucht nach „Unternehmen mit Durchhaltevermögen“. Auf seiner Liste „branchenführender Unternehmen mit nachhaltigen Wettbewerbsvorteilen“ findet sich etwa die Walt Disney Company. Mit diesen Vorteilen können sie ihren schwächeren Wettbewerbern Marktanteile abnehmen. Ein weiteres Maß für Nachhaltigkeit ist die Fähigkeit, konjunkturelle Abschwächungen zu überstehen, sei es über Diversifizierung oder durch Geschäftsfelder, die von den vorherrschenden Problemen nicht betroffen sind. Als Beispiel nennt Yoshikami den Pharma- und Konsumgüterkonzern Johnson & Johnson, der am 15. Juli trotz des gegenwärtig schwierigen Wirtschaftsumfelds die Gewinnerwartungen übertreffen konnte.
4. Qualität des Managements
Tim Speiss, Leiter der Vermögensverwaltung bei Eisner LLP, merkt an, dass derzeit auch gut geführte Unternehmen zu kämpfen haben, wenn sie in gebeutelten Branchen wie etwa dem Bankensektor tätig sind. Die Qualität des Managements ist nach seiner Ansicht aber dennoch ein wesentlicher Faktor.
Ron Sweet, stellvertretender Vorsitzender der Aktieninvestments bei USAA, empfiehlt, darauf zu achten, ob das Management die für das Unternehmen formulierte Strategie auch konsequent umsetzt. Man sollte ebenfalls beobachten, ob sich die Führungsriege bei guten Geschäften infolge eines günstigen konjunkturellen Umfelds selbst gratuliert hat oder ob sie darüber sprach, sich für die nächste Abschwungphase zu rüsten. Letzteres ist ein Indiz für ein „erstklassiges Unternehmen“, sagt Sweet.
5. Kundenstärke
Viele Unternehmen sind nur so stark wie ihr Kundenbestand. Ein von einer handvoll Kunden abhängiges Unternehmen kann bereits unter Druck geraten, wenn nur einer der Kunden abspringt, sagt Speiss. Ein für die Regierung arbeitendes Unternehmen mag auf den ersten Blick zwar als Inbegriff von Stärke erscheinen, doch „was geschieht, wenn die Regierung ihren Etat kürzt?“, fragt Speiss. Ein weiterer Maßstab für die Kundenstärke ist das Volumen der noch nicht ausgeführten Aufträge. Als Beispiel nennt Lutts das Solarunternehmen First Solar, dessen Auftragsbestand das 6,5-fache seines diesjährigen Umsatzes ausmacht. Viele Experten raten Anlegern, auf der Suche nach starken Unternehmen die Schlagzeilen des Tages zu ignorieren. Ein nervöser Markt kann mitunter Zeichen langfristiger Stärke ignorieren.
Hemauer sagt, dass ihm ein schwaches Marktumfeld die Möglichkeit eröffnet, die Portfolios mit stärkeren und höherwertigeren Unternehmen qualitativ „aufzuwerten“. Der Bärenmarkt gibt seiner Vermögensverwaltungsgesellschaft „die Chance, sich in starken Unternehmen zu engagieren, die wir früher als zu teuer eingestuft hatten“.
Das Ziel besteht darin, Aktien von Unternehmen zu finden, die nicht nur stark genug sind, um die aktuelle konjunkturelle Abkühlung zu überstehen, sondern die auch von der nächsten Erholung profitieren, wann auch immer sie letztlich eintreten mag.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.377,69 | −0,11% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| EUR/USD | 1,2515 | −0,14% |
| Rohöl Brent Crude | 106,90 $ | +0,14% |
| Gold | 1.569,50 $ | +0,06% |