Börsianer sind schon ein seltsamer Haufen. Da lassen sie Ende der vergangenen Woche den Nikkei-Index an Tokios Börse von seinem 15-Monats-Hoch 1,8 Prozent fallen, weil sie befürchten, daß Japans Ministerpräsident Koizumi die Abstimmung über die Postreform verliert. Sogar unmittelbar vor der Abstimmung schicken sie den Nikkei noch einmal 1,3 Prozent ins Minus. Dann verliert Koizumi die Abstimmung - und die Börsianer geraten in Kauflaune. Das soll ein Mensch verstehen.
Die Begründungen, die Fondsmanager geben, machen das Ganze nicht verständlicher. Koichi Ogawa, Fondsmanager bei Daiwa SB Investments, sagte der Nachrichtenagentur Bloomberg: „Die Indizes haben sich erholt, weil die Wirtschaft stark ist und die Unternehmensgewinne eine Kaufgelegenheit signalisierten, gleich wie Koizumi bei der Abstimmung abschneidet. Viele Anleger haben Koizumi schon abgeschrieben. “
Retinitis pigmentosa an der Börse
Tagelang herrschte Unsicherheit wegen dieser Abstimmung und dann hinter eine solche Begründung. Zuvor erklärten Beobachter noch, eine Reform-Ablehnung bedeute politisches Chaos, weil niemand wisse, welche Parteien eine neue Regierung formen würden. Es ist mit Sicherheit davon auszugehen, daß wenn Koizumi die Abstimmung gewonnen hätte, die Indizes gleichfalls gestiegen wäre. Die Begründung hätte dann gelautet, daß die Kontinuität in der Wirtschaftspolitik gesichert sei und Japan weiter auf Reformkurs liege.
Was sich bei allem am deutlichsten zeigt, ist daß Börsianer ihre Meinung eben schneller wechseln als sie auf den „Verkaufen“-Knopf drücken können und sich die fundamentalen Begründung für ihre Vorurteile über den Markt häufig so schneidern, wie sie diese brauchen. Retinitis pigmentosa nennt man die Krankheit, bei der das Gesichtsfeld des Kranken zunehmend eingeschränkt wird.
Allerdings gibt es schon ein paar Gründe, warum Koizumis Niederlage und damit verbunden das vorläufige Ausbleiben der Reform der ineffizienten japanischen Staatspost nicht sofort den Niedergang der japanischen Wirtschaft und des Aktienmarktes mit sich bringen.
Starke Wirtschaftsdaten stehen im Vordergrund..
„Es ist klar, daß jede Art von politischem Einfluß auf die Wirtschaft gering ist“, sagt Susume Abe von Mito Securities. „Es sind nicht die Regierungsvorgaben, sondern die private Nachfrage, die die Wirtschaft auf den Erholungspfad bringen.“
Momentan sind die Wirtschaftsdaten aus Japan durchaus positiv. 2,7 Prozent wuchs die Wirtschaft im vergangenen Jahr, so stark wie seit acht Jahren nicht mehr. Am Dienstag werden Daten zum Auftragseingang im Maschinenbausektor erwartet. Angeblich soll dieser zum ersten mal seit drei Monaten wieder gestiegen sein. Und Mitte Juli ließ die Bank of Japan wissen, daß sie optimistischer für die Wirtschaft gestimmt sei, weil sich die Stimmung in der Geschäftswelt verbessere und die Investitionen zulegen.
Wenn die Welt doch nur so einfach wäre. Kirby Daley, Stratege bei Fimat, einer Tochter von Société Générale Securities in Tokio, erklärt etwa: „Die Abstimmung bedeutet nicht, daß die wirtschaftliche Erholung zu Ende ist. Dieses Problem sollte keine überstürzten Verkäufe auslösen, aber es wirft die Frage auf, wie lange es so weitergeht.“
.. aber wie lange noch?
Genau das ist die Frage. Denn wenn auch die Wirtschaftspolitik nicht per se der Wirtschaft auf die Sprünge helfen kann, so kann sie das Gegenteil doch recht einfach erreichen. So rechnen einige Beobachter es Koizumi als Verdienst an, die japanische Wirtschaft aus der Stagnation geführt zu haben. Er habe die Staatsausgaben eingeschränkt und durch Reformmaßnahmen zum Abbau des Bestandes an faulen Krediten im Bankensystem beigetragen.
Anders sieht das beispielsweise die niederländische Rabobank. Koizumi sollte dieser verdienst nicht zugerechnet werden. Die Verbesserungen im Bankensystem resultierten einzig aus der Verbesserung der Bilanzen der Unternehmen. Koizumis Regierung habe „keine großen Fehler gemacht und ein paar unterstützende Maßnahmen ergriffen“. Es sei unklar, warum ein anderer Ministerpräsident es schlechter machen sollte.
Doch genau das ist der Punkt. Eine Regierung kann sehr viel schlechter machen. Die Niederländer nennen als kritischen Punkt eine eventuelle Erhöhung der Mehrwertsteuer. Just genau dieses Vorhaben steht aber auf der Agenda der oppositionellen Demokratischen Partei. Diese will die Mehrwertsteuer von derzeit fünf Prozent anheben, um die steigenden Kosten im Gesundheits- und Sozialbereich aufzufangen.
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