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Aktienmarkt Die freundliche Börsentendenz wird kritisch hinterfragt

Die Stimmung an den meisten Aktienmärkten der Welt ist positiv. An den westeuropäischen Börsen wird sie sogar als ausgezeichnet beschrieben, und an der Wall Street grenzt sie nach dem Urteil technisch orientierter Analysten ans Euphorische.

Kritische Strategen verfolgen vor allem die Entwicklung am amerikanischen Markt mit gespannter Aufmerksamkeit. Sie glauben immer mehr Hinweise darauf zu erkennen, daß sich dort unangenehme Überraschungen anbahnen. Und viele von ihnen versäumen es nicht, davor zu warnen, daß bekanntermaßen der Rest der Welt eine Erkältung bekommt, wenn die Wall Street nur niest.

Natürlich überwiegen die Optimisten, die noch viel weiterreichende Kurssteigerungen ankündigen, so daß sich die Skeptiker wie immer wenig Gehör verschaffen können. Letztere befürchten wegen des zu erwartenden Abflauens des Zustroms ausländischer Gelder weiter steigende Kapitalmarktzinsen in Amerika, die der Wirtschaft dort in noch nicht abschätzbarem Maße zusetzen dürften. Vor einem solchen Hintergrund seien amerikanische Aktien im allgemeinen viel zu hoch bewertet.

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Doch selbst ohne Berücksichtigung dieses Aspekts halten zahlreiche Strategen amerikanische Aktien für zu teuer. Ein Beispiel für diese Sichtweise bietet James Montier von Dresdner Kleinwort Wasserstein, London. Die Wall Street sei im Extremfall um 70 bis 80 Prozent überbewertet, bei einer Kombination neun unterschiedlicher Berechnungsweisen um fast 60 Prozent. Bei westeuropäischen Aktien stellt er eine Überbewertung von mehr als 30 Prozent fest.

Das Rätsel der Zinsen

Unterdessen steigen die Kapitalmarktzinsen in Amerika und in Westeuropa, gemessen an den jeweiligen Staatsanleihen mit einer Laufzeit von zehn Jahren. Abermals streiten die Experten darüber, ob es sich um eine endgültige Trendwende und damit um einen Abschied von den exzessiv niedrigen Renditen oder aber nur um eine weitere Korrektur auf dem Weg zu noch niedrigeren Sätzen handelt.

Bemerkenswert erscheint, daß dieses Mal die Vermutung, die Inflation werde unwillkommen stark steigen, bei der Argumentation allenfalls eine untergeordnete Rolle spielt. Es scheint weitgehend Einigkeit darüber zu herrschen, daß die Teuerung in den traditionellen Industrieländern unter Kontrolle ist und bleibt. Die Begründung für die steigenden Kapitalmarktzinsen stützt sich derzeit im wesentlichen auf die belegbare These, daß sich die Weltkonjunktur zuletzt wieder belebt hat. Die Gegenmeinung glaubt Gründe dafür zu erkennen, daß es sich um einen vorübergehenden Aufschwung handelt, während andere Experten noch vor kurzem von einer Konjunkturdelle gesprochen hatten.

Besser deutsch als amerikanisch

Das eigentlich Bedeutsame an der Diskussion über die Kapitalmarktzinsen ist, daß sich die Streitenden in einem Punkt einig sind: Die amerikanischen Sätze dürften mit fortschreitender Zeit mehr relative Stärke zeigen und die Renditen im Euro-Raum mehr relative Schwäche. Dies bedeutet, daß sich die Renditedifferenz zwischen Anleihen des amerikanischen Schatzamtes und gleichartigen deutschen Bundesanleihen (Bunds) tendenziell weiter erhöhen wird. Als Konsequenz aus dieser Erwartung ergibt sich die von der herrschenden Meinung ausgesprochene Empfehlung, deutsche Papiere übergewichtet und amerikanische untergewichtet zu halten.

In der Frage der absoluten Entwicklung der transatlantischen Kapitalmarktzinsen tritt der Streit dann wieder offen hervor. So sieht HSBC die Rendite deutscher Papier am Jahresende bei 3,1 Prozent und die amerikanischer bei vier Prozent. Merrill Lynch sagt bis dahin eine Rendite der Bunds von drei Prozent und eine der amerikanischen Anleihen von 4,25 Prozent voraus. Bemerkenswert erscheint, daß die Renditedifferenzen in den Prognosen für Ende 2006 wieder schrumpfen. Als Hauptgrund wird die Erwartung genannt, die Konjunktur im Euro-Raum werde sich bis dahin spürbar belebt haben, während sich die amerikanische Wirtschaft dann abgeschwächt haben dürfte.

Quelle: F.A.Z., 04.08.2005, Nr. 179 / Seite 21

 
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