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Aktienmarkt Börsianer werten vorgezogene Neuwahl als Kursstütze

23.05.2005 ·  Börsenexperten reagieren positiv auf die angekündigten Neuwahl. Die HypoVereinsbank hat ihr Dax-Kursziel deshalb sogar um 400 Punkte erhöht. Vereinzelt wird aber auch an den Spruch erinnert, daß politische Börsen kurze Beine haben.

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Der deutsche Aktienmarkt hat am Montag auf die nach dem CDU-Wahlsieg in Nordrhein-Westfahlen angekündigte Bundestagswahl im Herbst mit Kursgewinnen reagiert. Der Deutsche Aktienindex (Dax) steigt am Morgen knapp ein Prozent auf 4.401 Punkte. Am Freitag hatte das Börsenbarometer bei einem Stand von 4360,68 Zählern geschlossen.

Die Börsianer zeigten sich erleichtert, daß Bundeskanzler Gerhard Schröder nicht von seinem Reformkurs abrücken will und „die Flucht nach vorn“ angetreten habe. „Nichts wäre schlimmer gewesen als ein Stillstand bis 2006“, sagte ein Händler.

Von der Ankündigung einer vorgezogenen Bundestagswahl im Herbst können wie erwartet die Energieversorger Eon und RWE mit deutlichen Kurssprüngen von zwei und drei Prozent profitieren. Die Anleger spekulieren darauf, daß bei einem Machtwechsel zugunsten der CDU die Diskussion um die Atomkraft wieder neuen Auftrieb gewinnt. Verlierer sind dagegen die erneuerbaren Energien. Werte wie Conergy und Solarworld verlieren zwischen sieben und zehn Prozent (Anleger spekulieren bei Solaraktien auf schwarz-gelben Regen).

Über den positiven Tageskursimpuls hinaus versprechen sich einige Experten von den jüngsten politischen Ereignissen aber auch mittelfristig Rückenwind. „Das ist ein Katalysator, der uns in den kommenden Tagen neue Jahreshochs im Dax bescheren wird", kommentierte beispielsweise Giuseppe Amato, Marktanalyst beim Broker Lang & Schwarz, die in Aussicht gestellte vorgezogene Wahl . „Ein Jahr Lähmung bleibt uns nun erspart", ergänzte Steffen Neumann, Aktienstratege bei der Landesbank Rheinland-Pfalz (LRP).

Neuwahl dürfte dem Dax helfen, Bewertungsabschlag aufzuholen

“Die Chancen auf neue Jahreshochs im Dax haben sich mit der Aussicht auf Neuwahlen kräftig verbessert“, hofft auch Achim Matzke von Commerzbank Corporates & Markets (CBCM) zu Dow Jones Newswires. Der deutsche Markt habe in den vergangenen Jahren einen “Discount“ zu anderen Börsen aufgebaut. Dieser Bewertungsabschlag sollte nun herausgenommen werden, so Matzke. Das sei eher mittelfristig zu erwarten, denn bei ausländischen Anlegern müsse sich erst festsetzen, daß ein möglicher Regierungswechsel Kapitalzuflüsse rechtfertige.

Erste strukturelle Veränderungen seien schon sichtbar, sagt Matzke. So zögen die Versorger an. Aber auch Deutsche Telekom und Deutsche Post profitierten von der politischen Situation, da vor Neuwahlen keine Plazierung mehr zu erwarten sei. Eine mögliche Steuerreform könnte zudem Aktien beflügeln, die im Inland hohe Steuern zahlten. Bereits vor der NRW-Wahl hätten sich Bayer, HypoVereinsbank und SAP technisch deutlich verbessert. Trotzdem sollten Anleger den aktuellen Anstieg über 4.400 Punkte noch nicht überbewerten, empfiehlt der technische Analyst der Commerzbank.

HVB erhöht Dax-Ziel auf 4.800 Punkte

Mit der Aussicht auf vorgezogene Bundestagswahlen begründet die Hypo-Vereinsbank (HVB) das um 400 Punkte auf 4.800 Zähler erhöhte Kursziel für den Dax auf Sicht von sechs bis zwölf Monaten. Die Ankündigung von Neuwahlen durch Bundeskanzler Gerhard Schröder beflügele Reformphantasien und werde sich positiv auf den Aktienmarkt auswirken, glaubt Aktienstratege Tammo Greetfeld. Für Kursphantasien dürften vor allem die Aussichten auf einen Regierungswechsel sowie die gestärkte politische Handlungsfähigkeit einer CDU/CSU/FDP-Regierung sorgen, heißt es.

Mit der Aussicht auf neue Reformen werde der Dax den wichtigen Widerstand bei 4.400 Punkten überwinden. Auf kurze Sicht werde sich das Interesse der Anleger auf diejenigen Unternehmen richten, deren Ergebnisse stark von den inländischen Lohnkosten abhängen. Hierzu zählt Greetfeld unter anderen VW, Siemens, Bayer, MAN, Deutsche Post, Deutsche Telekom, BMW und Commerzbank. Daneben dürften auch die Versorger positiv reagieren. In den Gewinnen für 2006 werde sich dies aber voraussichtlich noch nicht niederschlagen. Gleichwohl erhöhe sich das Dax-Potential auf 4.800 Punkte. Im Vergleich zum Euro-Stoxx-50 empfiehlt Greetfeld nun eine Übergewichtung des Dax, zuvor lautete die Anlageempfehlung “Neutral“.

Den aktuellen Umfragen zufolge werde es im Herbst zu einem Regierungswechsel kommen. Mit einer Mehrheit sowohl im Bundestag als auch im Bundesrat verfüge eine neue Regierung in allen Politikfeldern über „vollen Gestaltungsspielraum“. Zustimmungspflichtige Gesetze könnten ganz allein von den Regierungsparteien verabschiedet werden. „In der ersten Reaktion wird der Aktienmarkt vor allem aufgrund dieser Perspektive positiv reagieren“, lautet die Prognose des Strategen.

Im einzelnen rückten die Lohnnebenkosten, der Arbeitsmarkt sowie die Steuern in den Fokus. Die CDU favorisiere eine Abkoppelung der Finanzierung künftiger Kostensteigerungen in der Sozalversicherung von den Lohnnebenkosten. Dies stärkt Greetfeld zufolge die Wettbewerbsfähigkeit und den „Gewinntrend“ deutscher Unternehmen. Mit einem flexiblereren Arbeitsmarkt - eine Forderung der CDU - würde sich zudem die Konjunkturabhängigkeit der Unternehmen verbessern. Mittelfristig würden die Chancen für ein höheres Wirtschaftswachstum und stabilere Unternehmensgewinne steigen.

Politische Börsen haben in der Regel kurze Beine

Darüber hinaus habe sich die Opposition für eine deutliche Vereinfachung des Steuersystems ausgesprochen. Sie wolle Subventionen abbauen und Steuersätze senken. „Auch dies ist eine positive Perspektive für den Aktienmarkt“, kommentiert der Analyst. Allerdings warnen Händler vor zuviel Euphorie: „Politische Börsen haben kurze Beine“, heißt es mit Blick auf eine alte Börsenweisheit.

Vor einer Überbewertung möglicher Neuwahlen im Bund warnt etwa Heino Ruland vom Finanzdienstleister Steubing. Bundestagswahlen hätten in der Vergangenheit wenig Einfluß auf die Kapitalmärkte gehabt, so der Analyst und Aktienstratege. Vor den Wahlen tendiere der Dax überwiegend seitwärts bis geringfügig abwärts, nach den Wahlen sei es meistens zu einer freundlichen Tendenz gekommen, und zwar unabhängig vom Ausgang.

Im Vorfeld der jetzt eventuell anstehenden Neuwahl werde die Unsicherheit anhalten. Ein Ausgang sei „keine sichere Wette“, so Ruland. Der Weg zu einer Neuwahl sei von der Verfassung her schwierig und könne deshalb dazu führen, daß Schröder die Regierung nicht mehr in die Wahl führen könnte. Bei einem Sieg der Regierungskoalition sei außerdem ein starker Linksruck zu erwarten. Die Opposition wiederum sei derzeit schlecht auf eine Regierungsübernahme vorbereitet, zudem werfe Angela Merkel Fragen über ihre politische Richtung auf.

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