Die Einschätzungen der Börsianer zu China fallen so konträr aus, wie sonst selten zu einem Land. Denn während die einen vor allem Kurschancen wittern und auf das dynamische Wachstum verweisen, warnen die anderen wegen struktureller Probleme vor einem Pulverfaß. Daß die Mahner dabei nicht ganz Unrecht haben, zeigt sich an den Unruhen vom Wochenauftakt, bei denen es sogar Tote gegeben hat (Tote bei schweren Unruhen in China).
Wer sich aber davon nicht schrecken läßt und vor allem auf das starke Wirtschaftswachstum und die unaufhaltsam scheinende Expansion chinesischer Firmen auf dem Weltmarkt setzt, der muß sich zunächst erst einmal intensiver mit dem dortigen Aktienmarkt beschäftigen. Denn die chinesische Börse hat ihre Besonderheit, wie die Analysten von Hauck & Aufhäuser in einer Studie herausgearbeitet haben.
Hauck & Aufhäuser rät in ausgewählten Bereich zu einem Engagement in Fonds oder Zertifikaten
Unter dem Titel „Der chinesische Aktienmarkt - Spekulationsblase oder schlafender Riese?“ beschäftigen sich die Autoren zunächst mit den Chancen und Risiken und sie kommen dabei auf eine lange Liste mit Argumenten (siehe Übersicht: „Chancen und Risiken“). Wenig überraschend kommen auch sie zu dem Schluß, daß kein anderes Land ein derart rasantes Wirtschaftswachstum aufzuweisen hat, weisen aber gleichzeitig ebenfalls auf die Gefahr einer Überhitzung der Konjunktur und einer eventuell harten Landung hin.
Trotz der Risiken raten sie letztlich aber zu einem Engagement in ausgewählten Bereichen am chinesischen Aktienmarkt, wobei sie allerdings wegen der hohen unternehmensspezifischen Gefahren Engagements in Fonds oder Zertifikaten empfehlen. Wieso nicht nur Einzelinvestments, sondern auch ganz allgemein eine Betätigung am chinesischen Aktienmarkt Risiken birgt, zeigt sich schon alleine beim Blick auf die dortige Volkswirtschaft. Denn deren wahrer Zustand ist für einen externen Beobachter auch wegen kaum nachvollziehbarer Statistiken nur schwer zu durchschauen.
Der chinesische Aktienmarkt erfordert vielerlei Kenntnisse
Doch wer sein Geld in China anlegen will, sollte im günstigsten Fall nicht nur volkswirtschaftliche Kenntnisse mitbringen, sondern gleichzeitig auch Devisenexperte sein. Denn um die chinesische Landeswährung Yuan ranken sich viele Gerüchte, wobei derzeit vor allem darüber spekuliert wird, wann es zu einer Aufwertung gegenüber dem Dollar kommt.
Auch wer den Durchblick am chinesischen Aktienmarkt bewahren will, muß Flexibilität zeigen und in verschiedenen Kategorien denken. Denn es gibt dort mit den A-Shares, den B-Shares und den H-Shares gleich drei verschiedene Aktiengattungen (siehe Grafik: „Aktiengattungen“).
Als Problem bei den A- und B-Aktien wertet Hauch & Aufhäuser die fehlende Transparenz in der Rechnungslegung, in der Manipulierbarkeit der Börsen von Shanghai und Shenzhen sowie in den maroden Staatsbetrieben, die teilweise die Indizes prägen. Zudem beabsichtige die Regierung, Staatsbetriebe weiter zu privatisieren und so Aktien auf den Markt zu werfen. Die fundamentale Qualität der Ergebnisse wird als schlecht bezeichnet und nachhaltige Analystenschätzungen zu den A- und B-Aktien seien noch immer die Ausnahme.
Die H-Aktien sind am günstigsten bewertet
Darüberhinaus schätzt Studien-Autor Robert Früchtl die Bewertung der A- und B-Aktien nach dem KGV-Kriterium ist hoch ein. Während er deswegen von den A- und B-Shares Abstand nimmt, hebt er die Hongkonger H-Shares chinesischer Unternehmen positiv hervor, weil er hier mehr Börsenprofessionalität und Regulierung konstatiert sowie eine stärkere Transparenz des Rechnungswesens. Auch die fundamentale Qualität der Unternehmen sei besser und die Börsenliquidität höher.
Wie aus der Tabelle: „Bewertung der H-Shares im Vergleich zu globalen Aktienmärkten“ hervorgeht, sind die Hang Seng H-Shares insbesondere im Vergleich zu anderen relevanten weltweiten Aktienmärkten niedrig bewertet und sie weisen zudem noch eine niedrigere Korrelation zum amerikanischen S&P-500-Index auf als die europäischen Märkte.
Zur Ermittlung des aus ihrer Sicht fairen Wertes haben die Analysten bei Hauck & Aufhäuser die erwarteten Gewinne des Hang-Seng-Freefloat-Mainland-25-Index mit dem Kehrwert der Zinsen inklusive eines Risikoaufschlags von 200 Basispunkten multipliziert. Sie kommen dabei zu einem langfristigen fairen Wert des Hang Seng Freefloat Mainland 25, der um 33 Prozent über dem aktuellen Kurs liegt (siehe Tabelle: „Bewertung des Hang-Seng-Freefloat-Mainland-25-Index“). Laut Hauck & Aufhäuser spreche dies trotz der hohen Volatilität und der somit höheren Risiken für eine Unterbewertung der H-Shares.
Eigene Meinungsbildung unerläßlich
Neben dem Hang-Seng-Freefloat-Mainland-25-Index, dessen Entwicklung die Grafik „Kursverlauf des Hang-Seng-Freefloat-Mainland-25-Index“ und dessen Zusammensetzung die Übersicht: „Die (ge)wichtigsten H-Shares“ zeigt, ist der Hang-Seng-China-Enterprises-Index ein geeigneter Gradmesser für die H-Aktien. Das Bewertungsniveau ist der Studie zufolge ähnlich niedrig, wenn man die Gewinne kapitalisiert.
Analyst Früchtl räumt zwar ein, daß es auch bei den H-Shares große Risiken gibt. Dennoch überwiegen für ihn die Chancen, wobei er als Pluspunkte auf eine attraktive Kombination von niedriger Bewertung, guten Gewinnwachstumsperspektiven, negativem Sentiment unter den Anlegern und potenziellen Zuflüssen von Börsenliquidität durch eine Höhergewichtung chinesischer Aktien in den für Fonds wichtigen Vergleichsindizes sowie durch die Ausgabe von ADRs in Amerika setzt.
Doch wie die Ausführungen hoffentlich deutlich gemacht hat, sollten sich am chinesischen Aktienmarkt interessierte Anleger nicht nur auf den Rat eines Fachmannes verlassen, sondern sich unbedingt auch selbst intensiv mit den Chancen und Risiken vor Ort auseinandersetzen.