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Aktienmarkt-Analyse Prognosen für die türkische Börse bleiben ein Roulettespiel

29.12.2006 ·  Mit turbulenten Kursausschlägen hat die türkische Börse allen Marktteilnehmern das Leben im Jahr 2006 schwer gemacht. Und für 2007 sprechen gleich mehrere Gründe für eine unverändert hohe Volatilität.

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Börsianer, die an der türkischen Börse aktiv sind, brauchten im abgelaufenen Jahr ein ganz dickes Nervenkostüm. Denn es ging noch volatiler zu, als sonst ohnehin schon üblich am Istanbuler Aktienmarkt.

Zunächst begann alles noch ganz harmlos und es schien so, als ob der Markt seinen zuvor dreijährigen Aufwärtstrend nahtlos fortsetzen wolle. Der ISE National 100 Index kletterte bis Ende Februar um mehr als 21 Prozent und markierte dabei ein neues Rekordhoch. Doch danach ging ihm die Puste aus und während der Krise, welche die Schwellenländer im zweiten Quartal erfaßt, traf es die türkische Börse mit am härtesten.

Der ISE 100 sackte bis auf 31.492 Punkte ab, was gemessen am Hoch ein Minus von fast 35 Prozent bedeutete. Aber damit nicht genug der volatilen Ausschläge. Bis zum Jahresende erholte sich der ISE 100 wieder bis auf 39.117 Punkte, so daß am Ende im Jahresvergleich gerade einmal ein Minus von 1,7 Prozent zu Buche stand.

Doppel-Wahlen stellen ein großen Unsicherheitsfaktor dar

Das ist aber nur die halbe Wahrheit, wie skizziert ging es vielmehr sehr turbulent zu. Und es scheint keine gewagte Prognose zu sein, auch für 2007 einen sehr volatilen Handelsverlauf vorherzusagen. Zumindest sprechen gleich mehrere Gründe für diese Annahme. Der mit Abstand wichtigste Unsicherheitsfaktor ist mit Sicherheit die Politik. Mit den Präsidentschaftswahlen im April und den Parlamentswahlen im November stehen in der Türkei im Jahr 2007 gleich zwei Urnengänge an. Da sind Turbulenzen fast vorprogrammiert. In der Vergangenheit forderten Wahlen in der Türkei jedenfalls meistens ihren Tribut in Form von starken Kursschwankungen.

Das wird vermutlich auch dieses Mal nicht anders sein. Nach den Ereignissen des Jahres 2006, zu denen auch die Schwierigkeiten bei den EU-Aufnahmeverhandlungen zählen, sitzt die regierende AKP jedenfalls längst nicht mehr so fest im Sattel, wie noch vor einem Jahr gedacht. Wie aufgehitzt die Stimmung bereits jetzt ist, zeigt sich auch daran, daß die türkische Opposition bereits angekündigt hat, die Präsidentenwahl im Parlament zu boykottieren, falls sich der noch amtierende Ministerpräsident Tayyip Erdogan als Kandidat aufstellen lassen sollte. Der Hintergrund dafür ist, daß Erdogans Partei im Islam verwurzelt ist. Die säkularen Parteien befürchten, daß bei seiner Wahl zum Präsidenten die strikte Trennung zwischen Staat und Religion aufgeweicht werden könnte.

Volkswirtschaftlichen Rahmendaten haben sich verschlechtert

Unabhängig von Personen steht bei den Wahlen die politische Stabilität auf dem Spiel, die in den vergangenen Jahren maßgeblich dazu beigetragen hat, einen soliden Aufschwung zu bescheren. Dieser basierte natürlich auch auf den seit 2002 vorherrschenden disinflationären Trend. Doch im Zuge der Marktturbulenzen im Mai und im Juni, die sich auch in einem starken Einbruch der türkischen Lira manifestierten, kam es anschließend zu einer stark anziehenden Inflation. Die Notenbank reagierte darauf mit deutlichen Zinserhöhungen. Insgesamt wurde der Leitzins um 425 Basispunkte auf derzeit 17,5 Prozent erhöht.

Um in Sachen Inflationsbekämpfung glaubhaft zu bleiben, war das zwar sicher die richtige Entscheidung. Trotzdem hinterläßt das Drehen an der Zinsschraube natürlich auch negative Spuren. So hat sich das Wachstum im dritten Quartal bereits mit 3,4 Prozent auf das geringste Plus seit 2002 abgeschwächt und die Konjunktur wird nach Einschätzung der Notenbank vermutlich auch nicht vor dem zweiten Halbjahr 2007 wieder an Fahrt gewinnen, weil die hohen Zinsen die Konsum- und Investitionsbereitschaft dämpfen. Und mit einer zügigen Senkung der Zinsen kann vorerst nicht gerechnet werden. Das beherzte Anziehen der Zinszügel brachte zwar bereits erste Erfolge im Kampf gegen die Inflation. Im November lag sie mit 9,9 Prozent aber noch immer deutlich über dem von der Notenbank angestrebten Inflationsziel von vier Prozent.

Die mit den hohen Zinsen steigende Zinslast belastet auch den Staatshaushalt. Somit stehen auch hier die in den Vorjahren erzielten Fortschritte auf dem Prüfstein. Zumal das Parlament vermutlich mit Blick auf die Wahlen bereits die Budgetausgaben für das kommende Jahr um 18 Prozent erhöht hat. Richtig Sorgen bereitet zudem auch das enorme Handels- und Leistungsbilanzdefizit. Von Januar bis November ist das Minus in der Handelsbilanz um 25,4 Prozent auf 48,7 Milliarden Dollar gestiegen und auch wenn sich die Bilanz im kommenden Jahr etwas bessern sollte, bleibt dies doch eine ernstzunehmende Schwachstelle. Immer, wenn es an den Börsen der Schwellenländer kriselt, werden sich die Marktteilnehmer an diese Achillesferse erinnern und die türkische Börse einem Streßtest unterziehen. Das läßt sich schon jetzt absehen, auch wenn das Defizit derzeit durch die hohen ausländischen Investitionen und die Überweisungen der im Ausland arbeitenden Türken finanziert werden kann.

Für Stock-Picker hat die türkische Börse einiges zu bieten

Neuerliche Verluste über die Währungsschiene sind vor dem Hintergrund eines Leistungsbilanzdefizits von rund neun Prozent gemessen am Bruttoinlandsprodukt auch im neuen Jahr nicht auszuschließen. Gäbe es diese makroökonomischen Probleme und die erwähnten politischen Unsciherheiten nicht, zu denen auch der ungewisse Fortgang der EU-Verhandlungen zählen, wäre die türkische Börse ein glatter Kauf. Auf dem Kurszettel finden sich viele gut geführte Unternehmen, die nicht nur interessante Wachstumsperspektiven, sondern auch eine vernünftige Bewertung zu bieten haben.

Zu den Favoriten zählen unter anderem Tupras. Die Raffinerie dürfte ihren Gewinn 2006 und 2007 um acht und 18 Prozent steigern können und die Aktie wäre dann mit Kurs-Gewinn-Verhältnissen von rund acht und rund sieben bewertet. Auch die Kennziffer EV/Ebitda gestaltet sich mit Werten von deutlich unter fünf vorteilhaft. Ebenfalls mit einem mittleren einstelligen Kurs-Gewinn-Verhältnis ist auch der Sodaproduzent Soda Sanayii.

Mit so niedrigen Bewertungskennziffern kann der Logistikkonzern Reysas zwar nicht aufwarten, hier rechtfertigt für etliche Broker aber das erwartete starke Wachstum eine Kaufempfehlung. Daneben findet sich auch im Finanzsektor die eine oder andere Perle. Zu nennen ist beispielsweise die Bank Asya, die Konform zum Islam „zinsfreie“ Produkte anbietet. In den nächsten drei Jahren wird dem Institut ein jährliches Gewinnwachstum von im Schnitt 27 Prozent zugetraut, aber trotzdem liegt das Kurs-Buchwert-Verhältnis mit 2,4 für 2007 im Vergleich mit anderen Bankaktien in der Region relativ niedrig.

Auch allgemein betrachtet schneidet die türkische Börse im internationalen Bewertungsvergleich gut ab. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis für den Gesamtmarkt wird etwa vom Broker EFG Securities für 2007 auf 7,6 beziffert. Das ist auch insbesondere dann günstig, wenn das erwartete Gewinnwachstum berücksichtigt wird, das beispielsweise von den Analysten beim Broker Oyak Securities auf 17 Prozent veranschlagt wird. Außerdem macht es Mut, daß die Unternehmensergebnisse im dritten Quartal trotz aller Turbulenzen im Schnitt um zehn Prozent besser ausgefallen sind als erwartet.

In den Vorjahren brachte der Januar stattliche Gewinne

Auch wenn angesichts der aufgezeigten generellen Gemengelage genau Prognosen über die vermeintliche Kursentwicklung an der türkischen Börse im neuen Jahr noch etwas gewagt erscheinen, stehen wenigstens die Chancen auf Kursgewinne im Januar gut. Zumindest wenn als Maßstab dafür die jüngere Historie herangezogen wird. Denn laut dem Broker Raymond Securities haben die Kurse 13 Mal in den vergangenen siebzehn Jahren im ersten Monat des Jahres zugelegt.

Insgesamt stiegen die Notierungen dabei im Schnitt um neun Prozent. Wer Anfang Januar kaufte und am Ende der dritten Januar-Woche verkaufte, der brachte es sogar auf ein durchschnittliches Plus von elf Prozent. In den vergangenen sieben Jahren reichte es übrigens sogar jedes Mal zu Kursgewinnen. Aus Sicht der Bullen bleibt nur zu hoffen, daß 2007 kein Ausreißerjahr wird.

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.

Quelle: @JüB
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