20.03.2006 · Trotz der Warnungen vor strukturellen volkswirtschaftlichen Problemen in Amerika sind Dow Jones und S&P-500 auf das höchste Niveau seit Mai 2001 marschiert. Und der derzeit allgemeine Pessimismus ist der beste Nährboden für weiter steigende Kurse.
Totgesagte leben länger. Was nach einem Allgemeinplatz klingt, erscheint angesichts des Kursgeschehens an der Wall Street indes äußerst zutreffend. Obwohl die meisten Experten den amerikanischen Aktienmarkt nicht auf ihrer Favoritenliste haben, generierten zwei der drei bekanntesten Aktienindizes gerade neue charttechnische Kaufsignale.
So ist der Dow-Jones-Industrial Average am Freitag mit 11.280 Punkten auf den höchsten Stand seit Mai 2001 geklettert. Und wenn es ihm noch gelingt, weitere 58 Punkte draufzusatteln, dann wäre das sogar gleichbedeutend mit einem neuen Sechsjahreshoch. Ähnliches gilt auch für den S&P-500. Die hier zu Buche stehenden 1.307 Punkte bedeuten ebenfalls die höchsten Notierungen seit Mai 2001.
Dow Jones nähert sich dem Rekordhoch
Unter den drei bekanntesten amerikanischen Aktienindizes läßt somit nur noch das Chartbild des Nasdaq Composite etwas zu wünschen übrig. Mit einem aktuellen Zählerstand von 2.306 Punkten hat er es noch nicht vermocht, das vom 11. Januar stammende Jahreshoch von 2.331 Punkten zu überwinden. Und mit Blick auf das ehemalige Rekordhoch, das am 10. März 2003 bei 5.049 Punkten aufgestellt wurde, hat der Index mit einer Differenz von 54 Prozent sogar noch einen ausgesprochen weiten Weg vor sich.
Auch in dieser Hinsicht sieht es bei den beiden anderen Indizes viel besser aus. Der S&P-500 ist nur noch gut 14 Prozent vom ehemaligen Rekord von 1.527 Punkten (24. März 2000) entfernt und beim Dow Jones beträgt der Abstand zum Rekordhoch von 11.723 (14. Januar 2000) sogar nicht einmal mehr vier Prozent.
Obwohl von Schwergewichten wie dem krisengeplagten Autobauer General Motors (nahe an einem Rekordtief) und dem Halbleiterhersteller Intel (nahe an einem Drei-Jahres-Tief) kein Rückenwind erhofft werden darf, ist ein baldiges Übertreffen dieser Rekordkurse speziell beim Dow Jones dank der jüngsten Kursgewinne sehr wahrscheinlich geworden. Denn eine hartnäckige Widerstandszone ist überwunden worden und als Konsequenz daraus hat der Dow Jones gerade ein charttechnisches Kaufsignal generiert. Das trifft auch auf den S&P-500 zu.
Markt läßt sich von strukturellen Defiziten nicht beirren
Die sehr ermutigenden Chartsignale sind deswegen sehr erstaunlich, weil sie sich in einem nach wie vor schwierigen Umfeld eingestellt haben. Schließlich werden bei den meisten Diskussionen über die Kursaussichten der Wall Street vor allem die Risiken und weniger die Chancen thematisiert. So warnen nicht wenige Volkswirte schon seit Jahren, Amerika werde irgendwann die Zeche für die rekordhohen Defizite im Staatshaushalt und der Leistungsbilanz, den Konsumrausch der Konsumenten und die Übertreibungen auf dem Immobilienmarkt zahlen müssen. Und wenn es soweit sei, werde dies dann auch am Aktienmarkt tiefe Spuren hinterlassen.
Wie die neuen Jahreshochs belegen, haben diese Warnungen derzeit aber kaum eine negative Kurswirkung. Dafür geht von ihnen aber anscheinend umso mehr ein negativer Impuls auf die Psyche der Anleger aus. Wie Umfragen zeigen, trauen viele Fondsmanager amerikanischen Aktien kaum etwas zu und auch die Zahl der Pessimisten unter den Börsenbriefen ist zuletzt auf den höchsten Stand seit drei Jahren gestiegen. Ergänzend paßt dazu auch die Meldung, daß im Februar der Wert der Verkäufe der amerikanischen Unternehmens-Insider die Käufe um den Faktor 29 überstieg.
Pessimismus guter Nährboden für weitere Kursgewinne
Beachtenswert sind die jüngsten Chartsignale aber auch deshalb, weil sie sich in einem Umfeld steigender Leitzinsen ergeben haben. Schließlich ist zu bedenken, daß die amerikanische Notenbank inzwischen schon 14 Mal ihre Leitzinsen erhöht hat. Auch bei der nächsten Sitzung am 27. und 28. März wird allgemein mit einer weiteren Anhebung um 25 Basispunkte auf 4,75 Prozent gerechnet. Für den Aktienmarkt ist das nach der reinen Lehre deshalb ein Problem, weil die höheren Zinsen zu höheren Kosten bei der Geldbeschaffung führen, was für gewöhnlich die Gewinne von Unternehmen schmälert und die Kauflust von Verbrauchern zügelt. Außerdem verlieren Aktien als Geldanlage generell an Attraktivität bei höheren Zinsen.
Bisher wurde aber weder der Kaufboom entscheidend gebremst, noch die Unternehmensgewinne sind in die Knie gegangen. Vielmehr wird den im S&P 500 vertretenen Firmen, die unter Ausklammerung der Finanzdienstleister Ende Februar außerdem über Barmitteln von 622 Milliarden Dollar verfügten, auch in diesem Jahr wieder ein Gewinnplus von zwölf Prozent zugetraut, nachdem sie im Vorjahr um respektable 14 Prozent gestiegen sind. Bestimmte Anlegerkreise scheinen sich mehr auf die noch immer positiven Gewinnaussichten als auf die erwähnten Risiken zu konzentrieren.
Und der aufgezeigte vorherrschende Pessimismus ist als Kontraindikator im Grunde genommen eine vorteilhafte Ausgangslage, um die jüngsten Kursaufschläge weiter auszubauen. Denn alle Marktteilnehmer, die skeptisch sind, haben sich vermutlich längst von ihren Aktien getrennt. Sollte die Notierungen entgegen ihrer Annahmen weiter steigen, dürften sie irgendwann nervös werden und gezwungen sein, wieder in den Markt einzusteigen. Damit wäre dann wieder einmal die These bestätigt, wonach Pessimismus an der Börse der beste Nährstoff für eine Hausse ist.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.377,69 | −0,11% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| EUR/USD | 1,2515 | −0,14% |
| Rohöl Brent Crude | 106,90 $ | +0,14% |
| Gold | 1.569,50 $ | +0,06% |