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Aktienausblick Baissiers haben gute Argumente

25.09.2008 ·  Von den Kursgewinnen am heutigen Donnerstag sollten sich die Anleger nicht in die Irre führen lassen. Die Lage ist nach wie vor unübersichtlich. Doch die Investoren, die auf weiter fallende Aktienkurse setzen, haben gute Argumente, die ins Kalkül gezogen werden sollten.

Von Christian von Hiller
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„Vom globalen Downturn zum globalen Aufschwung“ - so lautet die Überschrift der jüngsten volkswirtschaftlichen Analyse aus dem Hause Goldman Sachs. Die Analysten in den Banken suchen derzeit verzweifelt die Nachrichtenlage nach Anhaltspunkten ab, die wenigstens ein bisschen Optimismus versprechen.

Darum sind sie nicht zu beneiden. Denn die Baissiers, die weiter fallende Aktienkurse an den großen Börsen der Welt erwarten, haben zurzeit gute Argumente an der Hand.

Zunächst können sie damit beeindrucken, den Zustand zu beschreiben, und der ist erschreckend genug: 22 Prozent hat der Dax in den vergangenen zwölf Monaten eingebüßt. An der Wall Street ist der Dow Jones in dieser Zeit um 21 Prozent gestürzt. Und der Leitindex für Standardwerte der Euro-Zone, der Eurostoxx 50, ist um 30 Prozent gefallen.

Politischer Widerstand gegen das Rettungspaket

Das Rettungspaket, das die amerikanische Regierung - allen voran der ehemalige Investmentbanker und heutige Finanzminister Henry Paulson - durchsetzen will, stützt vor allem die Argumente der Optimisten an der Börse. 700 Milliarden Dollar will Paulson den amerikanischen Banken zur Verfügung stellen, um deren notleidende Kredite und Forderungen aufzukaufen.

Doch der politische Gegenwind, der Paulson nun im amerikanischen Kongress entgegen schlägt, wurde wohl in der Euphorie über diesen Plan unterschätzt. Nun herrscht an den Märkten die Erwartung, dass der Plan in dieser Form wohl nicht beschlossen wird und dass noch Änderungen kommen werden.

Damit ist der Preis, zu dem die amerikanische Regierung diese notleidenden Wertpapiere aufkaufen wird, immer noch unsicher. Er wird voraussichtlich über dem aktuellen Niveau liegen, auf das die Kurse der Papiere nach dem allgemeinen Ausverkauf gestürzt sind.

Schätzungen gehen in die Billionen

Manche Beobachter stellen sich schon die Frage, was die Märkte langfristig zu erwarten haben, wenn der amerikanische Rettungsplan beschlossen werden sollte: Die Weltwirtschaft wird sich dauerhaft auf eine höhere Inflation einstellen müssen, warnen die Baissiers. Denn Washington werde die Notaufkäufe durch eine höhere Verschuldung finanzieren müssen.

Zu den 700 Milliarden Dollar müssen ja noch die Ausgaben hinzugerechnet werden, die Paulson JP Morgan Chase als Garantie für den Kauf von Bear Stearns gezahlt hat, die Kosten für Fannie Mae und Freddie Mac, die Unterstützung für den Versicherer AIG - die Schätzungen über die tatsächlichen Kosten für den amerikanischen Staat weichen zu sehr voneinander ab, als dass sie schon verlässlich wären. Aber sie werden in Billionenhöhe gemessen.

Rettungsplan löst das Problem der Verschuldung nicht

Die Kritik vieler Marktbeobachter am Rettungsplan beschränkt sich nicht auf die Höhe des Schadens. Sie setzt vielmehr an den Ursachen an, und die liegen eindeutig darin, dass die Banken insgesamt eine viel zu hohe Verschuldung angehäuft haben. Die Bilanz der großen Marktakteure wird mit einem Vielfachen des Eigenkapitals gehebelt. Bei der UBS beispielsweise beziffert sich diese Kennziffer auf 47. Dies bedeutet, dass die Forderungen und anderen Aktiva das Eigenkapital um den Faktor 47 übersteigen. Bei anderen internationalen Banken liegt der Hebel ähnlich hoch (Banken in der Finanzkrise: Die langfristigen Folgen).

Paulsons Rettungsplan setzt jedoch nicht an der hohen Verschuldung selbst an, sondern ermöglicht es den Banken nur, ihre bisher unverkäuflichen Forderungen und Wertpapiere dem amerikanischen Staat anzudienen. Es ist eine Notversorgung im Rahmen einer Ersten Hilfe, aber keine Therapie, die das kranke Finanzsystem insgesamt gesunden ließe.

Furcht vor der Stagflation

Zudem birgt der Plan selbst auch Risiken, die bisher noch nicht deutlich genug gesehen werden. Stagflation - eine hohe Inflation mit einer stagnierenden Wirtschaft - ist möglicherweise die Folge der Krisenintervention der amerikanischen Regierung.

Unter dem Eindruck der Finanzkrise hat sich das Wirtschaftsklima ohnehin kräftig verdüstert. In den Vereinigten Staaten ist eine Besserung nicht in Sicht. Das Überangebot auf dem amerikanischen Häusermarkt ist nach wie vor sehr groß, der Preisverfall geht ungebremst weiter - um knapp 10 Prozent sind sie im August gegenüber dem Vorjahr gefallen. Auch die amerikanische Industrie verzeichnet rückläufige Auftragseingänge.

Und Europa? Hier sieht die Lage kaum besser aus. Im September ist der ifo-Geschäftsklimaindex wieder überraschend kräftig gefallen - von 94,8 auf 92,9 Punkte. Dabei hatten die Volkswirte überwiegend nur mit einem leichten Rückgang auf 94,2 Punkte gerechnet. Ähnlich schlecht ist die Lage in Italien und Frankreich. Dort ist der Geschäftsklimaindex auf den niedrigsten Stand seit fünf Jahren gefallen. „Die Eurozone ist wahrscheinlich schon in der Rezession“, analysieren die Volkswirte der niederländischen Rabobank die Situation.

Weitere Abschreibungen zu erwarten

Gleichzeitig - neben einer Stagnation oder sogar Rezession - ist die Inflationsgefahr in Europa nach wie vor sehr groß. So weisen auch die Analysten von HSBC Trinkaus in Düsseldorf darauf hin, dass sich in der Eurozone das Wachstum der Geldmenge M3 im Juli zwar auf 9,3 Prozent verlangsamt hat, nachdem es im Oktober 2007 noch bei 12,3 Prozent lag. Auch die EZB weist in ihren Aussagen immer wieder auf die nach wie großen Inflationsrisiken hin.

Aus dem Schneider wären die amerikanischen Banken auch mit diesem Rettungsplan nicht. Gleichgültig, wie hoch der Ankaufspreis liegen wird, werden die Banken mit großer Wahrscheinlichkeit weitere hohe Abschreibungen auf ihre Wertpapierbestände vornehmen müssen. Auch werden voraussichtlich die Ausfallraten für alle Arten von Krediten in den Vereinigten Staaten weiter steigen: für Kreditkarten, Autofinanzierungen, Gewerbeimmobilien und sogar für erstrangige Hypotheken.

Mehr als eine Billion Verlustpotential?

Auf 600 bis 1200 Milliarden Dollar schätzt die amerikanische Researchfirma Banc Credit Analyst das Verlustpotential der amerikanischen Banken. Es gilt somit als sicher, dass die amerikanischen Banken trotz des Rettungsplans zusätzliches Kapital brauchen, um die zusätzlichen Abschreibungen zu schultern. Bisher summieren sich die Verluste der Banken weltweit auf mehr als 500 Milliarden Dollar (Banken in der Finanzkrise: Die langfristigen Folgen).

So lange nicht klar ist, wie diese finanziert werden können, leiden die großen Banken Goldman Sachs und Morgan Stanley nach wie vor unter erheblichem Vertrauensentzug. Deshalb war der Einstieg von Warren Buffett, der mit 5 Milliarden Dollar kam, bei Goldman Sachs ein wichtiges Signal. Bei Morgan Stanley steht die japanische Bank Mitsubishi UFJ offenbar kurz davor, einen Anteil von 10 bis 20 Prozent zu übernehmen.

Dass der legendäre Investor Warren Buffett nun bei Goldman Sachs mit 5 Milliarden Dollar einsteigt (Jetzt steigt Warren Buffett bei Goldman Sachs ein), wollen die Baissiers nur begrenzt als Vertrauensbeweis gelten lassen. Denn immerhin erhält er eine Dividendenrendite von 10 Prozent. Doch ein Teil des Geschäfts besteht darin, dass Buffett Optionen mit einem Ausübungspreis von 115 Dollar je Goldman-Sachs-Aktie erhält, während der Börsenkurs der Bank derzeit bei 133 Dollar liegt. Manche haben schon vorgerechnet, dass die wahre Rendite, die Buffett mit diesem Engagement erzielt, tatsächlich bei 16 bis 17 Prozent liegen dürfte.

Buffett profitiert von hoher Risikoprämie

Deshalb sehen die Pessimisten in dem Buffett-Engagement bei Goldman Sachs eher einen Beweis dafür, wie hoch die Risikoprämie ist, die amerikanische Banken zahlen müssen, um noch private Investoren zu überzeugen.

Es mag sein, dass die Baissiers die weitere Entwicklung an den Aktienmärkten zu schwarz malen und dass es der Börse gelingt, doch noch das Schlimmste zu verhindern. Manche Befürworter des amerikanischen Rettungsplans malen auch das Bild an die Wand, dass insgesamt das Finanzwesen unterginge, wenn der Plan am Widerstand im amerikanischen Kongress scheitern sollte. Auch das scheint wohl überzogen. Doch vorausschauende Anleger sollten sich in der derzeit noch unübersichtlichen Situation mit allen Argumenten und allen denkbaren Szenarien auseinandersetzen.

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