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Serie Finanzskandale (18): Ivan Boesky Der Insiderhandel Ivans des Schrecklichen

30.05.2009 ·  In kurzer Zeit war der Arbitragehändler Ivan Boesky in den 1980er Jahren zu einem der Strippenzieher an der Wall Street geworden. Mit riskanten Geschäften und illegal beschafften Informationen verdiente er ein Vermögen.

Von Judith Lembke
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Im Jahre 1985 sprach Ivan Boesky die Worte, die in die Filmgeschichte eingehen sollten: „Es ist gut, wenn man habgierig ist. Ich glaube sogar, dass es gesund ist, habgierig zu sein. Sie können geldgierig und trotzdem mit sich im Reinen sein“, gab Boesky auf dem Höhepunkt seines Erfolges den Diplomanden der kalifornischen Universität Berkeley mit auf den Weg. Der Mann, den die Presse Ivan den Schrecklichen nannte, wurde als geldsüchtige Wall-Street-Ikone von vielen gehasst, aber von noch mehr Menschen bewundert und nachgeahmt - wie nicht zuletzt seine Vorbildrolle für den Filmcharakter des skrupellosen Börsenmillionärs Gordon Gekko beweist, dem Boeskys Worte im Film „Wall Street“ in den Mund gelegt wurden.

Boesky schämte sich nicht für seinen Ruf als Mensch, der sich allein dem Gewinnstreben verpflichtet fühlt, er kultivierte diesen Ruf sogar. Gerne erzählte er die Anekdote, wie er mit seiner Frau nachts auf den Champs-Élysées flanierte, als sie ihn auf die Schönheit des Mondes hinwies, der auf den Pariser Prachtboulevard schien. „Was will man mit dem Mond, wenn man ihn nicht kaufen oder verkaufen kann“, soll er seiner Frau geantwortet haben.

Mit dem Vermögen der Schwiegermutter

Boesky pflegte seinen Mythos als Aufsteiger aus ärmlichen Verhältnissen, der es innerhalb von nur zehn Jahren zur Wall-Street-Legende geschafft hatte. Als Sohn russischer Einwanderer hatte er die Tochter eines reichen Baulöwen geheiratet, der die Verbindung jedoch als nicht standesgemäß ablehnte. Mit 700.000 Dollar, die größtenteils aus dem Vermögen seiner Schwiegermutter stammten, machte er sich in den siebziger Jahren als Arbitragehändler selbständig. Früher war der Job eines Arbitrageurs wenig aufregend gewesen, hatten diese spezialisierten Händler doch nur auf die Kursdifferenzen von Aktien an verschiedenen Börsenplätzen spekuliert.

Mit der Welle von Firmenübernahmen, die damals zum Ende des Jahrzehnts einsetzte, begann sich das Geschäft jedoch grundlegend zu wandeln: Nun machten die Arbitragehändler riesige Gewinne damit, dass sie die Aktien eines Übernahmekandidaten rechtzeitig kauften und mit einem hohen Kursaufschlag verkauften, wenn der Akquisiteur eine Übernahme-Offerte vorlegte. Boesky galt als König unter den Arbitragehändlern und war an jedem größeren Geschäft beteiligt. In nur wenigen Jahren hatte er aus seinem Startkapital 200 Millionen Dollar gemacht. Er nahm die größten Risiken, hatte ein ausgezeichnetes Gespür für den Markt - und heimste die höchsten Renditen ein. Investoren, die ihm ihr Vermögen anvertrauten, um am lukrativen Geschäft der „Übernahmearbitrage“ zu partizipieren, überschütteten ihn mit Geld.

Arbeitstage, die selten weniger als 20 Stunden dauerten

Auch Boeskys Leben entsprach dem eines Filmstars: Er wohnte in einer Kolonialvilla mit Tennisplätzen und mehreren Pools. Jeden Tag ließ er sich mit einer schwarzen Limousine zur Arbeit fahren. Von einer Büro-Suite in der noblen Fifth Avenue verwaltete er sein Imperium. Seine Arbeitstage, die selten weniger als 20 Stunden dauerten, unterstützten seinen Mythos als Personifizierung des amerikanischen Traums: harte Arbeit, viel Geld.

Doch das, was er sich am meisten wünschte, die Akzeptanz der alten protestantischen Finanzelite, konnte er sich auch mit großzügigen Spenden an Universitäten und die Republikanische Partei nicht erkaufen. Er strebte nach Prominenz und Anerkennung über die Wall Street hinaus. Er wollte als das Finanzgenie mit der Midashand bekannt sein, der alles, was er anfasste, in pures Gold verwandeln konnte.

Die Sehnsucht nach dem ganz großen Geld

Umso mehr missfiel ihm, dass sein Fonds Mitte der achtziger Jahre nur noch magere Renditen abwarf. Sein Ruf war in Gefahr. In dieser Zeit lernte er Dennis Levine kennen, der aus ähnlichen Verhältnissen stammte wie er selbst. Die beiden verband nicht nur die gemeinsame Herkunft aus der unteren Mittelschicht und die Rolle als Außenseiter in einer von Absolventen von Eliteuniversitäten dominierten Finanzgesellschaft, sondern auch die Sehnsucht nach dem ganz großen Geld. Schon während seines Studiums hatte Levine seinen Freunden erzählt, dass er im Alter von 30 Jahren Millionär sein werde. Er sollte einen Weg finden, wenn auch keinen legalen.

Als Mitte der siebziger Jahre das Übernahmegeschäft in Amerika anfing zu boomen, begann Levines Karriere an der Wall Street. Mit Charme und Chuzpe baute er sich einen Ring von Informanten auf, die entweder in den großen Investmentbanken oder in den Rechtsanwaltskanzleien arbeiteten, die mit diesen Geschäften betraut wurden. Sein Prinzip war einfach: Mit dem Wissen „der Gesellschaft“ - wie er seinen Informantenring nannte - kaufte er die Aktien eines Übernahmekandidaten, und zwar möglichst früh, wenn der Aktienkurs noch niedrig war und keiner Verdacht schöpfte; schließlich wird Insiderhandel von der amerikanischen Aufsichtsbehörde SEC als Straftat verfolgt. Wurde dann die Übernahme bekannt, stieg der Aktienkurs, und Levine konnte seine Titel mit ordentlichen Kursgewinnen verkaufen.

Ein Konto bei der Schweizer Bank Leu auf den Bahamas diente ihm zur Verschleierung seiner Geschäfte. Doch Levines illegaler Handel blieb nicht unbemerkt, und so kopierten immer mehr Menschen seine gewinnträchtigen Transaktionen, von Angestellten der Bank Leu bis zu Merrill-Lynch-Mitarbeitern in Venezuela.

Nur gutes Gespür, oder Insiderwissen?

Auch Boesky war ein optimaler Kandidat für Levines „Gesellschaft“. Als Arbitragehändler hatte er die perfekte Deckung für Insiderkäufe, schließlich war es sein Geschäft, auf Kurssteigerungen durch Übernahmen zu spekulieren. Für die Aufsichtsbehörden war es nahezu unmöglich, auszumachen, ob ein Arbitrageur lediglich ein gutes Gespür hatte oder über illegal beschaffte Insider-Informationen verfügte.

Durch den Einstieg in die „Gesellschaft“ hoffte Boesky, wieder seine alte Stärke zu erreichen. Das Geschäft lohnte sich für beide Seiten: Boesky profitierte von den Insiderinformationen, und Levine konnte dank Boeskys Kapitalkraft seinen Einsatz erhöhen und die Gewinne vervielfachen. Außerdem war Boesky für Levine eine Art Versicherung: Da der Arbitragehändler riesige Aktienpositionen kaufte, schnellte der Kurs des avisierten Übernahmekandidaten auf jeden Fall in die Höhe.

Solange Levine kurz vor Boesky und den ihm folgenden Arbitragehändlern einstieg, konnte er sich der Kursgewinne sicher sein. Doch Boesky ging mit der Abmachung auch ein hohes Risiko ein: Durch seine Abmachung mit Levine, dass dieser für die Weitergabe der Informationen 5 Prozent der Kursgewinne erhielt, konnte die SEC beweisen, dass dem Arbitragehändler durchaus bewusst war, dass er mit Insiderwissen versorgt wurde.

50 Millionen Dollar in nur 14 Monaten

Die illegale „Gesellschaft“ flog durch einen anonymen Brief auf. Die SEC hatte schon längere Zeit einen Blick auf Boeskys Geschäfte geworfen. Die Fahnder wollten nicht so recht glauben, dass seine sagenhaften Kursgewinne nur auf guten Marktanalysen beruhten. Doch sie hatten ihm bislang nichts nachweisen können.

In der Merrill-Lynch-Zentrale in New York landete 1985 eine Nachricht mit den dürren Zeilen, dass zwei Angestellte der Investmentbank aus Caracas an Insidergeschäften beteiligt seien. Die Revisionsbehörde von Merrill forschte nach und leitete ihre Erkenntnisse an die SEC weiter, die daraufhin auf das geheime Konto von Levine auf den Bahamas stieß.

Nach zähen Verhandlungen schloss die Investmentbank mit der Aufsicht ein Abkommen: Man wollte Namen und Details über die Insidergeschäfte weitergeben, wenn die Vermögenswerte der Bank und ihre Mitarbeiter verschont blieben. Kurz darauf wurde Levine verhaftet. Nur wenige Wochen zuvor hatte er noch mit Boesky abgesprochen, dass er in dessen Firma einsteigen wollte, um Boeskys Geld und Levines Informationen noch gewinnbringender einzusetzen.

Für beide hatte sich ihre Bekanntschaft bisher gelohnt: Levine hatte mit seinem Insiderwissen knapp 11 Millionen Dollar erwirtschaftet und eine weitere Million Dollar als Zinsen kassiert. Das war jedoch nichts im Vergleich zu Boesky. Dessen Firma hatte in nur 14 Monaten 50 Millionen Dollar mit den illegalen Informationen verdient.

Er kommt glimpflich davon

Wertpapierbetrug und Insiderhandel waren schwere Delikte, die mit bis zu 20 Jahren Haft bestraft wurden. Vor diesem Hintergrund schloss Levine einen Kuhhandel mit den Strafverfolgern ab: Er erklärte sich bereit, seine „Gesellschaft“ zu verraten, um mildernde Umstände für sich zu erwirken. So kam er mit zwei Jahren Haft und 362.000 Dollar Geldstrafe davon, zudem wurden seine Vermögenswerte eingezogen.

Als Levines Verhaftung bekannt wurde, muss Boesky gewusst haben, dass die Polizei bald auch an seiner Haustür klopfen würde. Doch er ließ sich nichts anmerken und fuhr tagsüber weiterhin mit seiner schwarzen Limousine zur Arbeit und erschien auf allen wichtigen Veranstaltungen. Als er jedoch verhaftet wurde, sorgte dies auf der ganzen Welt für Aufsehen. Auf einmal erschien sein Spitzname „Ivan der Schreckliche“ den meisten in einem ganz neuen Licht.

Auch Boesky schloss ein Abkommen mit der Staatsanwaltschaft und gab sein Wissen preis. Dafür kam er mit einer Haftstrafe von drei Jahren und 100 Millionen Dollar Strafe noch recht glimpflich davon. Zudem durfte Boesky auch noch rechtzeitig seine Aktien abstoßen, während viele andere Händler hohe Verluste machten, als nach dem Bekanntwerden des Skandals die Kurse abstürzten. Am Ende konnte Boesky sein Insiderwissen noch einmal besonders gewinnbringend einsetzen - das Insiderwissen über seinen eigenen Fall.

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Jahrgang 1978, Redakteurin in der Wirtschaft.

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