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Serie Finanzskandale (17): Göttinger Gruppe : Das Steiger-Modell

Trauma vieler Anleger Bild: ddp

Mit atypischen stillen Beteiligungen haben 250.000 Anleger mehr als 1 Milliarde Euro für die Altersvorsorge gespart. Die Göttinger Gruppe, einst die größte Gesellschaft am grauen Markt, ist seit Mitte 2007 insolvent. Manchen Anlegern drohen sogar Steuernachzahlungen.

          Eigentlich wollte die Göttinger Gruppe, nachdem sie allein 1989 drei Kapitalerhöhungen durchgeführt hatte, an die Börse. Doch es fand sich keine Bank, die den Börsengang organisieren wollte. Daher kamen die Stamm- und Vorzugsaktien der Hauptgesellschaft Securenta Vermögensmanagement und Immobilienanlage AG über den Stuttgarter Telefonhandel nicht hinaus.

          Hanno Mußler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die zur Göttinger Gruppe gehörende Securenta Bank bemühte sich über ein Jahrzehnt hinweg vergeblich um eine Vollbanklizenz bei der Bankenaufsicht. Die Staatsanwaltschaft Braunschweig ermittelte mehrmals gegen die Göttinger Gruppe und ihre Beteiligungsgesellschaften.

          Siebenjähriger Krieg gegen den Insolvenzantrag

          Vom Jahr 2000 an gelang es der Göttinger Gruppe, in sieben Jahren immerhin rund 80 Insolvenzanträge zum Teil im letzten Moment noch abzuwenden. Trotz dieser vom Misstrauen durch Behörden und Anleger begleiteten Firmengeschichte dauerte es bis zum Sommer 2007, bis auf Betreiben von Anlegern dann doch das Insolvenzverfahren eröffnet wurde. Zwischen dem gescheiterten Börsengang und der Insolvenz liegt der Aufstieg der Göttinger Gruppe zu Deutschlands größter Kapitalanlagegesellschaft am grauen Markt.

          Vornehm residierte man in guten Tagen

          Im Zentrum stehen drei Buchstaben: PSP. 1986, zum Start der Gruppe, stand PSP für Pensions-Spar-Plan. Später, als sich die Göttinger Gruppe einen seriöseren Anstrich geben wollte, nannte sie das Ganze von Mitte der neunziger Jahre an Persönliches Spar-Programm. Zwischenzeitlich soll die Hauptgesellschaft Securenta eine „Secu-Rente“ auch als Persönlichen Sachwert-Plan verkauft haben. Ein Marketing-Geniestreich war es in jedem Fall, blieben doch die drei Buchstaben PSP stets erhalten. Im Jahr 1992 wurde sogar der langjährige Sprecher der Tagesschau Werner Veigel als Repräsentant gewonnen. PSP tauchte auch als Sponsor auf dem Schleswig-Holstein Musik Festival von Intendant Justus Frantz auf.

          Ausnutzung des Steuerspartriebs

          Heute weiß man: PSP war nicht nur eine optisch gut verpackte Anlageform, sondern auch ein hochriskantes System, das auf den Steuerspartrieb von Anlegern setzte. Bis zu 5000 selbständige Handelsvertreter brachten mit Verweis auf „PSP“ bis zu 270.000 Kleinanleger, angeblich vor allem in Ostdeutschland, dazu, stille Teilhaber an immer neuen verlustreichen Gesellschaften zu werden.

          Dabei hatten sich viele Anleger darauf eingelassen, die vertraglich vereinbarten zu leistenden Einlagen erst noch durch monatliche Ratenzahlungen abzustottern. Insgesamt sollen der Göttinger Gruppe mehr als 1 Milliarde Euro Anlagegeld zugeflossen sein. Heute taxiert der Insolvenzverwalter das übriggebliebene Vermögen auf eine Million.

          Die Hoch-Risiko-Rente

          Atypisch stille Gesellschafter sind Miteigentümer, die nicht nur am Gewinn und am Verlust, sondern auch am Vermögen der Gesellschaft beteiligt sind. Das schließt nicht nur das Anlagevermögen ein, sondern auch stille Reserven und gegebenenfalls Firmenwerte, sofern sie vorhanden sind. Riskant macht die Position des atypisch stillen Teilhabers, dass er sogar für Verluste haftbar gemacht werden kann, die über die Höhe der Einlage hinausgehen.

          Nicht risikolos für Anleger machte die Göttinger Gruppe auch, dass sie keiner besonderen Aufsicht unterlag. Sie war zum Beispiel keine durch das Kreditwesengesetz streng regulierte Bank. Heute könnte man die Göttinger Gruppe am ehesten mit einer Private-Equity-Gesellschaft vergleichen, die von Anlegern Geld einsammelt, um Unternehmen zu kaufen.

          Zum weit verzweigten Firmengeflecht der Göttinger Gruppe gehörten zeitweise der Fußballverein Tennis Borussia Berlin, eine Vielzahl von Immobiliengesellschaften, die Securenta Bank, das im Jahr 2001 durch die Aufsicht geschlossene und nach wie vor insolvente Bankhaus Partin wurde 1997 erworben, die Versicherung Gutinga selbst aufgebaut und im Jahr 2006 an Fortis verkauft, die in München börsennotierte Vermögensverwaltung Zucker & Co gehörte fast von Anfang an zum Imperium.

          Von einem Verlust zum nächsten

          Die Göttinger Gruppe lockte die Anleger mit dem Clou, dass die Beteiligungsunternehmen zumindest anfangs Verluste machen. Das erschien deshalb attraktiv, weil stille Teilhaber dann drei Jahre lang Verluste in Höhe der Einzahlungen zugewiesen bekamen, die sie steuerlich geltend machen konnten. Das war vom Gesetzgeber damals so gewollt und geschah in dem Kontext der auch heute wieder aufgelebten Diskussion über die politisch gewünschte „Bildung von Vermögen in Arbeitnehmerhand“.

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